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„Kommste Kirche“ oder bist Du „auf Transport?“

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Sie wissen nicht, was „auf Transport“ oder „auf Piste“ heißt? Glückwunsch – dann kennen Sie die Knastsprache nicht. Im geschlossenen System eines Gefängnisses existieren Begriffe, Wörter und Sätze, die „draußen“ in ihrer Bedeutung nicht eingeordnet werden können. Das „Ulmer Echo“, die Gefängnis-Zeitung der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf, hat ein ganzes Wörterbuch mit Ausdrücken der „Knastsprache“ veröffentlicht. Gefängnis bedeutet, es gibt offizielle und inoffizielle Regeln und eine eigene Sprache.

Der Bus mit blauem Streifen ist ein “Gefangenen-Transporter”, der unterschiedliche Justizvollzugsanstalten anfährt. Foto: Stefan Husemann

Geht ein Gefangener „auf Ampel“, hat er den Notrufknopf in Haftraum betätigt. Gut möglich, dass dann ein „Blauer“ (uniformierter Bediensteter) auftaucht. Macht ein „Knacki“ „den langen Schuh“, dann „geht er auf Flucht“ – was den meisten nicht möglich ist. Im „Sixpack“ (besonders gesicherter JVA-Sprinteri) kehren viele zurück. „Auf Transport“ geht ein Inhaftierter mit einem besonders gesicherten Gefangenenomnibus zur Überstellung ins Gericht. Dies kann oft Tage und Wochen dauern und Aufenthalte in anderen Haftanstalten in so genannten „Transporter-Zellen“ erforderlich machen. Der Omnibus mit blauem Streifen und den waagerechten und verdunkelten Fensterschlitzen fährt nach einem besonderen Plan von Haftanstalt zu Haftanstalt.

Der Anstaltsarzt wird oft „Daktari“ genannt. Kann „Daktari“ nicht helfen, geht’s zum „Dackdecker“ – so heißt im Knast der Psychologe. Zum „Sani gehen“ signalisiert, es geht in die Krankenabteilung zum Drogentests. Normaler Anstaltskaffee heißt „Spüli“ – man ahnt, aus welchem Grund… Das 200-Gramm-Glas löslicher Kaffee nennen die Knackis „Bombe“. Der Kaffee kann mit einem „Moped“ (einem selbstgebauten Tauchsieder aus Gabeln und Messern) zubereitet werden. Ein „Ufo“ hat mit Raumfahrt nichts zu tun. Ein Ufo ist ein „unbekanntes Fleischobjekt“ (Frikadelle). Eine undefinierbare Masse aus Fischresten und Reis nennt der Knast-Gourmet „Wikingerrisotto“. „Nachschlag“ gibt’s ebenso manchmal. Dies schmeckt aber keinem so besonders. Es bekommt ein Inhaftierter, wenn er während laufender Strafzeit zu einer weiteren Freiheitsstrafe verurteilt wird.

„Pendeln“ zwischen den vergitterten Haftraumfenstern will gelernt sein. Foto: myview-video

Der Anstaltsseelsorger wird wahlweise mit „Himmelskomiker“ oder „Käfigheiliger“ bezeichnet. „Kommste Kirche“ bedeutet nicht unbedingt Gebet, eher ist es eine Verabredung zur Übergabe von Tabak. Der „Spaltengucker“ ist der Beauftragte für körperliche Durchsuchungen. Das Wort „Pendeln“ bezeichnet das Weitergeben von Tabak oder anderen Dingen von Fenster zu Fenster mittels zusammengeknoteter Schnürsenkeln oder aus Müllsäcken zerrissene Plastikstreifen. Und letztlich redet man „Pop Shop“, was so viel wie Einschluss in den Haftraum heißt. Dies rührt von der Musiksendung des damaligen Südwestfunks SWF her, der später zu SWR 3 wurde. Die Pop-Sendung wurde zu der Uhrzeit  ausgestrahlt, als Nachtverschluss im Gefängnis war.

Im Osten Deutschlands ist die Knastsprache eine andere. Dort wird von „Piste“ (Abteilungsgang) und „TE“ (Terminende) gesprochen. Oder wenn jemand wütend auf den Bediensteten ist, heißt es dann: „Mach das Brett zu“ –  was freundlich ausgedrückt bedeutet: „Schließen Sie bitte die Haftraumtür!“

Michael King | JVA Herford

Das kleine Knast-Wörterbuch

 

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