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Demografischer Wandel: Alt werden im Gefängnis

Raquel Erdtmann ist als Gerichtsreporterin tätig
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Der demografische Wandel in Deutschland macht auch vor den Gefängnissen nicht halt. Immer mehr Inhaftierte in deutschen Justizvollzugsanstalten gehören zur Generation 65plus. Doch im Alter wünschen sich auch die Menschen im Knast vor allem eines: Ruhe. Daher hat die Justizvollzugsanstalt in Detmold in Nordrhein-Westfalen reagiert. Hier gibt es in einem Pilotprojekt mittlerweile einen speziellen Bereich für ältere Häftlinge ab 62 Jahren.

Der Körper wird schwächer, die Nerven dünner und auch der Tagesrhythmus verlangsamt sich. Dieses Phänomen im Alter macht hinter den Mauern nicht halt. Denn obwohl tendenziell eher junge Männer öfter straffällig werden als Rentner, ist der steigende Altersdurchschnitt der Gesellschaft auch hinter mit Stacheldraht versehenen Mauern deutlich zu spüren. Denn bereits Mitte 2000 war die Zahl der über-60-jährigen Inhaftierte drei Mal so hoch wie noch zehn Jahre zuvor. Und die Kommastelle des Zuwachses klettert jedes Jahr weiter nach oben. Das heißt: Immer mehr Menschen verbringen ihren Lebensabend im Gefängnis.

Das Leben in der speziellen Abteilung in Detmold gleicht einer großen WG. Hier gibt es Seniorensport und auch eine Kochgruppe. Viele der Insassen lernen hier noch im Alter, wie der Alltag im Haushalt abläuft. Doch was wie betreutes Wohnen klingt, ist kein Komfort. In der JVA Detmold gibt es keine Altenpfleger oder geriatrisches Personal. Denn zusätzliche Mittel vom Staat sind hierfür nicht vorgesehen. Allerdings ist für etwas mehr Beschäftigung gesorgt. Denn viele Ehrenamtliche kommen in die Justizvollzugsanstalt und beschäftigen sich mit den älteren Gefangenen. Hier wird dann Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt oder am Tischfußball gekickt. Seit 5 Jahren dürfen die 22 Männer in einem langsameren geschlossenen Vollzug leben. Und die Warteliste für einen Platz ist nicht zu knapp. Auch wenn die Gefangenen hier keine Freizeit verbringen, wollen die Verantwortlichen den Alltag erleichtern. Daher sind beispielsweise auch die Betten der alten Insassen in ihrer Höhe verstellbar. Zudem sind die Toiletten in den Zellen der Altenabteilung mit Haltestangen bestückt.

Was in Detmold bereits gut klappt, muss bundesweit erst noch greifen. Denn durch die Überalterung der Gesellschaft werden sich auch Gefängnisse ändern müssen. Hier regen Experten Arbeitsgruppen an, um neue Modelle auf den Weg zu bringen. Denn härtere und längere Strafen führen dazu, dass immer mehr Menschen durch ihre Verfehlungen in der Vergangenheit im Gefängnis alt werden und letztlich auch sterben. Das Alter und die damit verbundenen Beschwerden eines Häftlings stellen Bedienstete nicht nur pflegerisch, sondern auch menschlich vor neue Herausforderungen.

 

Endstation Gefängnis – Sterben hinter Gittern
Justizvollzugsanstalt Pöschwies, Schweiz

Film NZZ.ch und im Apple-Store

 

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