Der Zeitpunkt der Inhaftierung kommt für den Betroffenen fast immer unerwartet, selbst wenn er von dem Haftbefehl weiß und er grundsätzlich mit einer Inhaftierung rechnen muss. Entsprechend wenig ist er sowohl von seiner inneren Einstellung noch von den äußeren Bedingungen her auf eine Inhaftierung vorbereitet. Wer unmittelbar nach der begangenen Tat verhaftet wird, steht nicht selten – besonders bei Gewaltdelikten – unter Schock, Verdrängung oder Schuldgefühlen seiner mutmaßlichen Tat.

 

Die ersten Vernehmungen, in der er wiederholt mit der Tat konfrontiert wird, belastet und verunsichert jemanden zusätzlich. In diesem physisch und besonders psychisch stark angeschlagenen Zustand wird er in Untersuchungshaft genommen. Dort beginnt für ihn die abrupte Trennung von der Außenwelt. Obwohl in Untersuchungshaft – d.h., es ist weiter von der Unschuldsvermutung auszugehen bis zu seiner Verhandlung – werden alle für ihn bisher lebenswichtigen Beziehungen zunächst unter- wenn nicht sogar abgebrochen. Der Briefverkehr wird vom Richter kontrolliert, Telefonate müssen ebenfalls genehmigt werden. Die von der Anzahl und der Zeit her spärlichen Besuche können nach § 119 akustisch wie visuell überwacht werden.

 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Der gewohnte Lebensstandard wird auf ein Minimum reduziert. Selbstverständliches wird zum Luxus oder ist verboten. Der Tagesablauf ist reglementiert. Zu jeder Zeit kann mit dem Durchsuchen des Haftraumes gerechnet werden. Obwohl noch nicht rechtmäßig verurteilt, wird er oft auf seine mutmaßliche Tat reduziert. Positive Persönlichkeitsanteile werden wenig wahrgenommen oder gegenüber der Tat relativiert. Bis zu 6 Monaten kann die U-Haft aufgrund von Fluchtgefahr, Wiederholungsgefahr oder Verdunklungsgefahr dauern.

Eine Belastung und Gefährdung bedeutet für den Inhaftierten die möglichen subkulturellen Tätigkeiten im Gefängnis. Manches Mal ordnen Mitinhaftierte entsprechend der Tat ein und man wird bewertet. Gegenüber den Bediensteten erlebt man sich in der Rolle des "Bittstellers". Für alles muss ein schriftlichen Antrag gestellt werden. Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sind ihm weitestgehend entzogen. Anpassung wird verlangt. Es greift wieder das Eltern-Kind-Schema: Bin ich brav, werde ich belohnt - bin ich unartig, werde ich mit Entzug bestraft. Diese – hier nur skizzierten – Umstände, vor dem Hintergrund der Fragen: Wie geht es weiter? - Was passiert draußen? - Wann ist mein Gerichtstermin? - Wie hoch wird die Strafe sein? -, stürzt ihn in ein Gefühlschaos, das er nach außen nicht sichtbar machen darf.

Im weiteren Verlauf der Untersuchungshaft stabilisiert sich die psychische Verfassung allmählich - bis nach Abschluss der Ermittlungen die Anklageschrift verfasst wird und Anklage erhoben wird. Das Wissen um den bevorstehenden Gerichtstermin bedeutet einerseits Entlastung - endlich geht die Ungewissheit über die bevorstehende Haftzeit zu Ende - andererseits wird alles, was bei der Bewältigung des Gefängnisalltages etwas verdrängt werden konnte, nun wieder ins Bewusstsein gehoben. Das führt nicht selten zu einer erneuten Krise.

28. März 2024
Rauchen gestattet. Allerdings brütende Ente in der Sitzgruppe
Jedes Jahr beherbergt die Justizvollzugsanstalt Herford zwei bis drei Entenpaare, die trotz und vielleicht sogar wegen der Zäune ihre Brutzeit hinter den Mauern verbringen. Zum Nestbau wählte eine Ente jetzt neu einen Blumenkübel an der Sitzecke im Kirchengarten. Nicht ganz ideal, weil sich in unmittelbarer Nähe […]
24. Mai 2022
Sagt Ihnen das Wort „Herrgottswinkel“ etwas ?
Da fiel mir das Bild aus einem Haftraum der Justizvollzugsanstalt Heilbronn ein… und dann die Verbindung zum „Herrgottswinkel“. Den kennen ja vermutlich viele von der eher älteren Leserschaft. Sagt Ihnen das Wort „Herrgottswinkel“ etwas? Der Herrgottswinkel befindet sich meistens in einer Zimmerecke (“Winkel”) des Wohnzimmers; bewusst […]
18. Mai 2019
Gefängnisarchitektur und Resozialisierung
96 Prozent aller Inhaftierten verlassen irgendwann das Gefängnis, 40 Prozent der Entlassenen werden innerhalb des ersten Jahres in Freiheit wieder rückfällig – das ist das große Dilemma des Strafvollzugs. Ihr Anteil steigt, je restriktiver der Strafvollzug gestaltet wird; ihr Anteil sinkt, je besser die Hilfsangebote und […]
22. Juni 2025
Bericht des nordrhein-westfälischen Justizvollzugsbeauftragten
Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das über einen Justizvollzugsbeauftragten verfügt. Diese Stelle wird seit vielen Jahren von Prof. Dr. Michael Kubink besetzt. Jetzt hat er und sein Team einen Kurzbericht verfasst, in dem er einerseits über seine Tätigkeiten berichtet und andererseits Vorschläge zur Verbesserung des Justizvollzugs […]
1. Mai 2020
Von Lockerungen ist in der Gefängniswelt die Rede
“Wir kriegen das gebacken.” Dieser aufmunternde Werbeslogan einer Großbäckerei könnten “wir” in der Corona-Krise, im gleichen Boot rudernd, den Gefangenen und den Menschen draußen wünschen. Wenn Menschen um ihr Leben kämpfen, geschieht dies in diesen Tagen auf unseren Intensivstationen und ist beängstigend nah; wenn Menschen um […]
7. Juli 2025
Jesuit und Ex-Häftling Alt kritisiert Haftbedingungen
“Jeder Tag hier drin ist ein Tag umsonst.” Das habe ihm ein Justizvollzugsbeamter gesagt, als er im April 2025 für 25 Tage in die Nürnberger Justizvollzugsanstalt ziehen musste. So schreibt es der Jesuitenpater, Soziologe und Klimaaktivist Jörg Alt in einem Bericht über seine Haftzeit, den er […]
Knastschlüssel