Ein Jugendrichter in Halle an der Saale, sagte bei einer Diskussion, er wolle junge Menschen nicht richten, sondern aufrichten. Er hat bei verschiedenen Urteilen so manch ungewöhnliche Strafe ausgesprochen, die Konsequenzen aufzeigen. Ein Urteil zu fällen ist nicht einfach und doch hatte der Jugendrichter stets noch etwas anderes im Blick: die Würde und eine mögliche Wiedergutmachung. Theologisch ist das mit der Kraft Gottes ähnlich.
„So sehr geliebt hat Gott die Welt“, heißt es im Johannesevangelium, „dass er seinen einzigen Sohn gegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde gehe, sondern unendliches Leben habe. Denn nicht dazu sandte Gott den Sohn in die Welt, dass er sie richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“

Bemalte Häuserfassade in Magdeburg. Foto: Hans-Gerd Paus
Gott hat sich in die Welt verliebt
Diese Worte offenbaren, wofür Jesus gelebt hat: zu retten, nicht zu richten. Mit der Botschaft Jesu wird klar, wie heilvoll die Beziehung Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott ist. Das Evangelium erzählt davon in der Geschichte einer nächtlichen Begegnung Jesu mit Nikodemus, einem der geistlichen Anführer der Juden. So leuchtet in der Dunkelheit auf, was Glauben bedeutet. Es ist eigentlich nicht zu fassen: Gott hat sich in die Welt verliebt. Nicht in eine ideale heile Welt, sondern in die tatsächliche, zerrissene, verwundete und nach Frieden dürstende Welt. Und das so sehr, dass Gott selbst sich ohne Bedingungen in den Menschen einlässt zu retten, zu heilen, aufzuerstehen. Darin vertrauen bedeutet glauben.
Eine sich stets entfaltende Wirklichkeit
Damit ist an Gott glauben vielmehr eine Lebensweise als ein gesprochenes Bekenntnis. Es ist das Wagnis buchstäblich ins Nichts hinein zu vertrauen. Denn Gott ist nicht zu fassen, ist unberechenbar, ist maßlos – und zugleich unmittelbar nah, in der Liebe sogar näher als wir es uns selbst sein können. Die christliche Tradition spricht von Gott als „Dreifaltigkeit“: keine thronende Macht, vielmehr eine sich stets entfaltende Wirklichkeit. Gott ist alles in einem, nicht teilbar und doch ganz ausgegossen in unsere Herzen. Karl Rahner sprach vom Geheimnis des Lebens. Sich in dieses Geheimnis lassen verlangt alles Berechnen und Bewerten aufgeben und sich nur noch sozusagen barfuß und mit leeren Händen dem stellen, was ist.
Eher selten mag dies geschehen in großen Bekehrungen, öfter geschieht es ganz alltäglich ohne große Worte in der Selbstverständlichkeit gelebten Miteinanders: wo in schwierigen Zeiten dennoch einander zugetraut wird, freundlich zu sein, wo Verzicht ist auf das sich durchsetzen, wo gegenseitiges Bewerten sich wandelt in ein einander zuhören. Auch wenn darin weder das Wort Gott vorkommt noch ein religiöses Bekenntnis vorhanden ist – beides kann ohnehin die Wirklichkeit Gottes nicht fassen –, lebt in jeder dieser Gesten doch das, was das Evangelium die Menschwerdung Gottes nennt.
Ein Richter-Gott vergrößert das Leid
Die Kraft des Glaubens erlebe ich immer wieder in der Begegnung mit PatientInnen in der Magdeburger Universitätsklinik. Aufgrund einer Verletzung, in schwerer Erkrankung und besonders im Sterben geraten Menschen in ein leidvolles Ausgesetztsein. Plötzlich scheint nichts mehr sicher, vieles scheint verloren und ausweglos. Darin dennoch sein können und leben, was wirklich wesentlich ist, was vom Herzen kommt, ist eine große Kraft in uns. Schon öfter konnte ich Zeuge dieser befreienden Kraft werden. Zugleich aber erlebe ich auch, wie Menschen in diesen Krisensituationen, die nach dem Warum fragen lassen, aus religiöser Prägung heraus einen strafenden Gott als Ursache ihres Leids ansehen. Der Glaube an einen strafenden Richter-Gott aber vergrößert das Leid und lässt Menschen unversöhnlich verbittern. Eine Religion, die so ein Gottesbild predigt, übt Herrschaft und Kontrolle aus, statt zu einem befreienden Glauben einzuladen.
Das Evangelium ist eindeutig: Gott richtet nicht, Gott rettet. Dass wer nicht glaubt schon gerichtet ist, wie es auch geschrieben steht, meint nicht Gottes Strafgericht, sondern die Folge des nicht Vertrauens in einer entsprechenden Verhärtung und Verbitterung im Menschen selbst. Leider hat sich die Ideologie eines strafenden Gottes in manche Menschen tief eingegraben. Dann braucht es viel liebevolle Herzenskraft, in Selbstmitgefühl aufzuatmen als unbedingt Geliebte oder Geliebter Gottes. Dazu sollten wir einander ermutigen, denn zu glauben ist nicht nur sehr menschlich, gelebter Glaube schafft auch Menschlichkeit, besonders da, wo etwas aussichtslos erscheint – rühren wir doch glaubend an das unfassbare Geheimnis des Lebens, das wir Gott nennen.
Christoph Kunz




