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Braucht es das Leid, um die Kraft frischen Wassers zu spüren

27. Juni 2026

„Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert“, sagte Jesus seinen JüngerInnen und setzte gleich noch eins drauf: „Wer das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“. Solch ein Evangelium in der Hitze dieser Sommertage?

Dabei handelt es sich im Matthäusevangelium nicht um einen Ausrutscher, dass man sagen könnte, diese Worte sind wohl zeitbedingt aus der Bedrängnis der jungen Christengemeinde des Verfassers heraus entstanden, gehören aber nicht zu den zentralen Botschaften Jesu. Auch die anderen Evangelien wiederholen dieses Kreuztragen als das zentrale Merkmal der Nachfolge Jesu. Nicht das Kreuztragen an sich stößt auf, jede und jeder hat damit Erfahrung in seinem Leben. Wir wissen, wie es ist Leid zu ertragen, aber dass dies nun gewürdigt sein soll als besondere Jesusnachfolge ist schwer anzunehmen. Ging es denn Jesus nicht vielmehr um das Leben in Fülle? Stattdessen also Leid erfahren und Leben verlieren?

Der Mohr im Wappen und am Dombrunnen in Freising sind Symbole der Wertschätzung. Die Krone weist auf die Würde hin und das Wasser als Kraftquelle für jeden Menschen.

Nicht nach Schuldigen suchen

Zum Verständnis hilft, Leben und Leid nicht im Entweder-oder zu entkoppeln, sondern beides ineinander zu sehen. Von Beginn an gehören auch leidvolle Erfahrungen zum Leben in erlebten Unglücken, Krankheiten, Übergriffen, Beschämungen, Schuld und im Scheitern. Wird das Leid darin gewürdigt, kann es nicht nur getragen sein, sondern überwunden werden. Nicht selten erlebe ich in der Klinik, wie Menschen in schwerer Erkrankung und Beeinträchtigung sich fragen: Worum geht`s mir eigentlich? Was ist mir wirklich wichtig? Einige überlegen sich konkrete Schritte, den Lebensstil entsprechend zu verändern. Eine so angesehene Erkrankung kann zur Pforte eines neuen Lebens werden. Leidvoll können auch Nachwirkungen aus Beschämungen in der Kindheit sein, besonders wenn sie bereits lange unbearbeitet mitgeschleppt werden. Dann braucht es viel Behutsamkeit und Mitgefühl sowohl mit sich selbst wie mit denen, die in der Kindheit Auslöser der leidvollen Erfahrung waren.

So naheliegend es im Leid ist, nach Schuldigen zu suchen, so wenig hilfreich ist es. Die Opferrolle verstärkt das Gefühl der Hilflosigkeit und führt über Beschuldigungen weiter in die Abhängigkeit. Stattdessen braucht es liebevolle Zuwendung verbunden mit dem Wissen um die Kraft der Veränderung, die das Leben ja ausmacht. In solchen Prozessen von Annahme und Versöhnung kann Leidvolles ins Leben integriert werden. Sie mögen manchmal schmerzhaft sein und dann wieder befreiend. Dass wir darin nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern trag- und wandlungsfähig beschreibt das Evangelium mit dem Weg der Nachfolge Jesu.

Kraft neuen Weg zu gehen

Der Aufruf, das je eigene Kreuz auf sich zu nehmen, sagt nicht: suche das Leid, sondern nimm an, was im Moment an leidvoller Erfahrung in dir ist, und halte es ins Licht der liebevollen Botschaft Jesu, eine Geliebte, ein Geliebter Gottes zu sein. In diesem bewussten Erkennen kann Versöhnung werden statt Rache, und Befreiung statt Engführung. Es eröffnen sich neue Wege, und Leben wandelt sich, als wäre es nach Verlust neu gefunden. Vielleicht mag dies der einen oder dem anderen durch eine Krise hindurch recht plötzlich aufgehen, doch eher scheinen es längere Prozesse zu sein mit allem Auf und Ab. Die Kraft in uns, die uns dazu befähigt, heißt Mitgefühl. Und das Besondere an dieser Kraft ist, dass sie, einmal ins Fließen gekommen, nicht aufzuhalten ist.

Wo immer Mitgefühl entfacht wird, fließt es zu einer oder einem selbst und zur anderen Person, so bereits verdoppelt wirkt es jeweils weiter. Und wenn es nur ein Becher frischen Wassers ist, der dem Geringen gereicht ist, so das Evangelium, wird der Lohn groß sein. Zu den persönlichen Krisen kommen die globalen mit verheerenden Folgen von Gewalt und Zerstörung. Dieses Ausmaß kann dazu führen, sich eher zurückzuziehen, denn was kann ein einzelner da noch bewirken? Oder es kann aus vermeintlich bequemer Sicherheit aufwecken und bewusst einen neuen, anderen Weg beginnen lassen in Mitgefühl. Das Evangelium ruft zu letzterem auf.

Christoph Kunz | Matthäus 10, 37-42

 

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