Eisenbahngleichnis
Wir sitzen alle im gleichen Zug und reisen quer durch die Zeit. Wir sehen hinaus. Wir sahen genug. Wir fahren alle im gleichen Zug. Und keiner weiß, wie weit.
Ein Nachbar schläft, ein anderer klagt, ein dritter redet viel. Stationen werden angesagt. Der Zug, der durch die Jahre jagt, kommt niemals an sein Ziel.
Wir packen aus, wir packen ein. Wir finden keinen Sinn. Wo werden wir wohl morgen sein? Der Schaffner schaut zur Tür herein und lächelt vor sich hin.
Auch er weiß nicht, wohin er will. Er schweigt und geht hinaus. Da heult die Zugsirene schrill! Der Zug fährt langsam und hält still. Die Toten steigen aus.
Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit. Die Toten stehen stumm am Bahnsteig der Vergangenheit. Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit, und keiner weiß, warum.
Die erste Klasse ist fast leer. Ein feister Herr sitzt stolz im roten Plüsch und atmet schwer. Er ist allein und spürt das sehr. Die Mehrheit sitzt auf Holz. Wir reisen alle im gleichen Zug zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug. Wir sitzen alle im gleichen Zug und viele im falschen Coupé.
Erich Kästner
Wer kann schon sagen, wohin die Reise geht?
Das ist keine schöne Bahnfahrt. Ein Zug voller Menschen fährt durch das Land und niemand weiß, wohin die Reise geht. Der Zug fährt und fährt und erreicht niemals sein Ziel. Die Menschen sitzen zwar im gleichen Zug, aber anscheinend haben sie nicht viel miteinander zu tun. Sogar der Tod erhält Einzug und macht auch vor einem Kind nicht halt. Eine traurige Stimmung liegt über diesem Gleichnis von Erich Kästner. Vielleicht ein Gleichnis für den möglichen Zustand einer Gesellschaft von heute und des persönlichen Lebens? Wer kann schon sagen, wohin die Reise seines Lebens geht? Kriegerische Auseinandersetzungen in Osteuropa und im Nahen Osten, Inflation, Antisemitismus, Machtmechanismen, Hass auf Migranten und … vielleicht auch eine Erkrankung, Misserfolge im Beruf, enttäuschte Freundschaft und Liebe.
Im Zug bewegen, Klassen überwinden
Wer kann schon die Fragen nach Glück und Lebenssinn so locker beantworten? Wir sitzen alle im gleichen Zug, reisen quer durch die Zeit, sehen hinaus und sehen genug. Es machen sich Ängste breit, wohin die Reise geht. Erich Kästner beschreibt schonungslos die Situation von Menschen. Ich sehe uns GefängnisseelsorgerInnen in diesem Zug sitzen mit den anderen, der davonrast mit unbekanntem Ziel und bisweilen sogar im falschen Abteil. Können wir diesem Zug entkommen, indem wir abspringen? Dafür ist er zu schnell unterwegs. Aber wir können uns in dem Zug bewegen, das Abteil wechseln, Klassen überwinden, mit den anderen Leid aushalten, schweigen und wachen. Und dann ist das kein Zug mehr, in den man sich setzt und dem Schicksal ziellos überlässt.
Verändert immer wieder festgefahrene Sitzpositionen, macht die Abteiltüren auf, nehmt den „Stuhl in die Hand“ setzt euch um. Wir fahren – um im Bild zu bleiben – in einem Zug, in dem wir anderen zur Begleiterin werden und wir Begleitung erfahren durch andere. So wie Jesus für die Emmaus-JüngerInnen ein Begleiter war auf ihrem Weg, auch wenn wir es – wie die Jünger – nicht sofort erkennen und erst später das Gefühl haben, da hat jemand mein Leben berührt.
Peter Glock | JSA Schifferstadt
Morgenimpuls AG Jugendvollzug in Trier, 9. Juni 2026
Hintergrund
Das Eisenbahngleichnis gehört zu den bekannteren Gedichten, die Erich Kästner für das Kabarett schrieb. Obschon im Titel „Gleichnis“ genannt, handelt es sich um eine Parabel. Eine erste Druckversion erschien 1931 in einer Zeitschrift. Kästner vergleicht das Zusammenleben der Menschen mit einer Zugfahrt an ein unbekanntes oder nicht vorhandenes Ziel. Schließlich steigen nur die Toten aus. Es werden Klassenunterschiede berücksichtigt. Auf Holz saß zur Entstehungszeit auf Bahnreisen die Dritte Klasse, auch Holzklasse genannt. Es sind soziale Problem-Felder, wie eine unglückliche Lebensplanung (wir sitzen alle im gleichen Zug und viele im falschen Coupé). Die Eisenbahn ist als Symbol von der eingerichteten Welt zu sehen: der Gleichförmigkeit, der Unveränderlichkeit und Sinnlosigkeit, die zwar verbesserungsbedürftig ist, aber kaum verbessert werden kann.





