Sie hat die zwei letzten Weltkriege in Europa erlebt, war in die USA ausgewandert, um in Sicherheit zu sein, und ist in den Zeiten des Hasses und der Judenverfolgung wieder zurückgekehrt, um die Mutter in der rumänischen Heimat zu pflegen, sie wurde deportiert und war im Gefängnis, die Lyrikerin Rose Ausländer (*1901 + 1988)
Menschlichkeit
In den zehn letzten Jahren ihres Lebens, sie lebte inzwischen in Deutschland, verließ sie nach einem Oberschenkelhalsbruch ihr Haus nicht mehr. In diesen Jahren allein des inneren Unterwegsseins entstanden besonders viele Gedichte, die von tiefer Menschlichkeit geprägt sind. Eines von ihnen hat sie ihr Bekenntnis genannt. Was ist da in uns Menschen, dass wir trotz größter Bedrängnis inmitten einer Wirklichkeit von Hass und Hetze den Glauben an die Menschlichkeit wach halten können?
Bekenntnis
Ich bekenne mich
zur Erde und ihren
gefährlichen Geheimnissen
zu Regen Schnee
Baum und Berg
zur mütterlichen mörderischen
Sonne zum Wasser und
seiner Flucht
zu Milch und Brot
zur Poesie
die das Märchen vom Menschen
spinnt
zum Menschen
bekenne ich mich
mit allen Worten
die mich erschaffen
Rose Ausländer
Verstummen
Diese Frage bewegte auch die junge Christengemeinde zu der Zeit, als das Matthäusevangelium entstand. Ungefähr 50 Jahre nach dem Tod Jesu hatten sich die konfliktreichen Auseinandersetzungen zwischen denen, die Jesus nachfolgten, und anderen jüdischen Gruppierungen zugespitzt, es gab Bedrohungen und Verfolgungen. „Fürchtet euch nicht“ heißt es im Evangelium von Jesus. Dreimal werden diese Worte dort wiederholt. Damit werden die Menschen ermutigt, ihren Glauben nicht zu verleugnen. Es ist naheliegend, in Zeiten der Bedrohung zu verstummen, aus der Angst heraus nicht zu widersprechen und lieber mit der vorgeblich herrschenden Meinung mitzuschwimmen.
Loslassen
Doch gerade dieses Verleugnen lässt untergehen, was Wert und Sinn ausmacht. Beides aber ist notwendig – besonders in Krisenzeiten. Zu glauben, zu hoffen, zu lieben bedeutet ins Ungewisse hinein annehmen, dass das, was wirklich erfüllend ist, immer ein Geschenk ist, das wir nicht selbst herstellen können, das uns aber entgegenkommt aus dem Geheimnis des Lebens, das wir Gott nennen. Dazu braucht es den Mut loszulassen vom eigenen Ich, das nur um sich selbst kreist.
Mehr wert als Spatzen
Mit anderen Worten: loslassen von der manchmal mächtigen Bequemlichkeit, alles müsse im Leben so weitergehen, wie bisher, loslassen auch von der Vorstellung, selbst stets mit der richtigen Meinung ausgestattet zu sein, und nicht zuletzt loslassen vom ewigen Haben-wollen, worin sich das Ich besonders gern groß macht. Bei euch ist doch sogar jedes einzelne Haar gezählt und ihr seid mehr wert als viele Spatzen, heißt es im Evangelium.

Detail einer Skulptur des Bodhisattva Jizo, der buddhistischen Gestalt des Mitgefühls, aus der Holzbildhauerei von Marion Jochner.
Imme wieder neu Menschwerdung
Gott selbst hat sich bedingungslos eingelassen in den Menschen. Die Botschaft der Hingabe Jesu bis in den Tod ist doch, dass bis in die erlittene Hilflosigkeit, in das Alleingelassen sein, die Aussichtslosigkeit, die Angst, ja bis in den Tod Gott da ist, befreiend und Leben schaffend. „Zum Menschen bekenne ich mich mit allen Worten, die mich erschaffen“, so verdichtete Rose Ausländer ihr Bekenntnis für die Menschlichkeit. Angesichts aller Unmenschlichkeit hat dieses Bekenntnis die Kraft des Trotzdem: an Versöhnung glauben auch, wo sie nicht im Blick ist, trotz aller Spaltung im Bewusstsein der Verbundenheit aller sein, im Widerstand gegen den Krieg nicht selbst kriegführend werden. So zu leben bedeutet in Worten zu sein, „die mich erschaffen“: so geschieht immer wieder neu Menschwerdung. Das ist die Grundlage, die das Johannesevangelium im Prolog so aussagt: das Wort ist Fleisch geworden. Gott selbst hat sich in bedingungsloser Zusage der Liebe in alles verderblich Menschliche eingelassen. Es lohnt sich, Mensch zu sein.
Christoph Kunz | Matthäus 10, 26-33





