An der Bushaltestelle in Würzburg steht eine Frau mit Regenschirm. Ein Gewitter zieht auf. Der Himmel ist dunkelblau und es regnet plötzlich in Strömen. Der Bus scheint nicht zu kommen an dieser Bushaltestelle am Hochhaus des Hotel „Premier Inn“. Keine Überdachung schützt die Fahrgäste an der Haltestelle. „Das alles wegen dieses Katholiken-Dingsbums“ sagt die Frau, die schützend ihren Regenschirm über mich hält und genauso ungeduldig wartet wie ich. „Ja genau“, sage ich, ohne ihr zu sagen, dass ich ausgerechnet wegen dieses Ereignisses des 104. Katholikentages in Würzburg am Stand der Gefängnisseelsorge bin.
Und das mache ich sogar alles freiwillig, wegen dieses „Dingsbums“. Warum setze ich mich als katholischer Seelsorger in einer staatlichen Einrichtung des Justizvollzuges für die „Katholische Kirche“ ein? Warum setze ich mich weiterhin ein, wenn auch kritisch-konstruktiv für eine Kirche, deren Eigenwilligkeiten ich nicht (mehr) tolerieren und akzeptieren will und kann? In der Straßenbahn der fränkischen Stadt sitzen Menschen mit weißen „Kalk-Leisten“ und schwarzen „Röcken“ und ich sinniere, welche Geschichten und welche Funktion sie wohl haben? Sie stehen für mich für die Römisch-Katholische Kirche, obwohl ich weiß, dass evangelisch-lutherische Pfarrer diese „Kleidung“ im Norden und in den skandinavischen Ländern ebenso tragen. Ob die Kleidung etwas über ihre tatsächliche Haltung und Einstellung aussagt?

Hab Mut und steh auf?
Auf der anderen Seite erlebe ich Menschen, die aufgrund der Lehre der Katholischen Kirche eigentlich austreten müssten. Da ist ein Stand der eher konservativen Initiative „Maria 1.0“, die gegen die progressiv eigestellte Opposition mit dem Titel „Maria 2.0“ wettert. Wie geht dass denn? Nicht weit weg ist die Abtei Münsterschwarzach. Hier werden MitarbeiterInnen der Katholischen Kirche wieder „aufgemöbelt“ und „gestärkt“ für ihren Dienst, nachdem sie angeblich „am System gescheitert“ sind. Oder ist das zu sarkastisch? Die Kritik trifft nicht diejenigen, die einen Weg der Selbsterkenntnis im persönlichen Leben ermöglichen. Sie richtet sich an ein krankmachendes System einer Amts-Kirche, die weiterhin Frauen in den Ämtern ausschließt, die eine Sexualmoral aufrecht erhält, die längst reformiert gehört und in deren Kirche ausschließlich (ältere) Männer das Sagen haben. Das alles ist nichts Neues. Nur, warum gehöre ich dieser Gemeinschaft an, die Menschenrechte nicht anerkennt und auf der anderen Seite mit dem Katholikentag-Slogan „Habt Mut und steht auf“ wirbt? Braucht es Mut, Kritik nicht ausschließlich gesellschaftlicher Art, sondern innerkirchlich zu äußern, von der man weiß, daß sie nicht fruchtet und keiner sie noch hören will? In der staatlichen Einrichtung einer JVA stehe ich ausgerechnet für diese Kirche gerade, die ich selbst oft mit „sektiererischen Tendenzen“ erlebe. Und das an so einem „Katholiken-Tag“. Hier präsentieren sich besonders die „so Eindeutigen“ und „Missionierenden“.
Papst mit Nike-Schuhen
Es sollte nicht um Ab-und Ausgrenzung gehen sondern um ein offenes Leben in Würde, egal wie ein Mensch sein Leben leben will. Es sollte nicht um die „Eine“ Wahrheit gehen sondern um eine Vielfalt vieler Wahrheiten. Und schon gar nicht um einen „Frei-Schein“ und einen Schlüssel für ein gesichertes „Himmelreich“. Manche versuchen auf „Teufel komm raus“ die „frohe“ Botschaft den „bösen“ Menschen zu vermitteln. Das wirkt einengend und einordnend. und „über-heblich“. Das passiert villeicht ebenso in anderen Konfessionen und „Frei-Kirchen“. In den letzten Jahren erlebe ich das verstärkt auf vielen innerkirchlichen Ebenen. „Es war schon einmal viel offener und weiter“, sagt eine Kollegin. Entweder bist Du im Jetzt dafür oder dagegen. Ein „Dazwischen“ oder ein „Sowohl als auch“ gibt es nicht (mehr). Ein jovial-agierender Kleriker genügt, um eine angebliche Mehrheit zu begeistern: „Der Pfarrer ist doch so menschlich!“. Ist ein Tennis-spielender Papst in „Nike-Schuhen“ fortschrittlich und „modern“? Das ändert nichts am Leben der Menschen, die sich längst von den Riten und den Liturgien vergangener Zeit verabschiedet haben oder die sich davon nicht (mehr) berühren lassen (wollen). Ein Kämpfen für eine Veränderung erscheint aussichtslos.
Uninformiertheit verändern
Vielleicht ist etwas dran an diesem „Dings-Bums“. Vielleicht könnten ChristInnen der Welt „Paroli“ bieten. Vor allem u.a. gegenüber Rechts außen oder gegen unwürdige Bedingungen gegenüber Menschen, die keine Stimme haben wie Straffälligen, MigrantInnen oder wohnungslosen Menschen. Personen mit ambivalenter Haltung, deren poersönlichen Geschichte sie „gemacht hat“ wie sie sind oder die so sind, wie sie eben sind. Da spielt eine Konfession oder Religion weniger eine Rolle. Da kann es keine Abgrenzungen geben. Da steht das LEBEN im Mittelpunkt mit allen Facetten, ohne klare „Antworten“ geben zu können und zu wollen. Oder sich mit einer (klerikalen) Kleidung und mit einem „inneren Gefängnisdirektor“ über andere zu erheben. Das bedeutet, sich selbst zu hinterfragen, Riten und Gewohnheiten auf den Prüfstein zu stellen und sich von der Lebenswirklichkeit inspirieren zu lassen. Dies besonders an einem Ort, wie die des Gefängnisses, wo existenzielle Themen deutlich werden. Hier sind keine frommen Lehrsätze angesagt, vielmehr Mitmenschlichkeit und zugewandtes Da-Sein, ohne Vor-Verurteilung. „Uniformierungen“ innerhalb des Kirchensystems müssten tiefgreifend eine Veränderung erfahren, um der Vielfalt menschlicher Existenzen gerecht zu werden.
Michael King
Aufruf: Gemeinsam für [mutige(re)] Reformen
In den großen Herausforderungen und Umwälzungen, in denen unsere Kirche und unsere Gesellschaft stehen, erleben wir eine Zeitenwende, die mutige Reformen in allen Bereichen und auf allen Ebenen erfordert. Dies kann nur gemeinsam und solidarisch geschehen. Uns Reformkräfte motiviert die befreiende Vision Jesu, die Gottes- und Nächstenliebe, die uns dazu aufruft, uns konkret für eine gerechtere Kirche und eine gerechtere Welt einzusetzen.

Wir setzen uns ein für eine Kirche, die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Konzilsdekret „Gaudium et spes“) wahrnimmt und in Verbundenheit mit der ganzen Menschheitsfamilie das Anbrechen des Reiches Gottes konkret sichtbar und erfahrbar werden lässt.
Wir setzen uns ein für eine Kirche, die Teilhabe und Demokratie ernstnimmt, die den Klerikalismus einer Zwei-Klassen-Kirche überwindet und die die Gleichberechtigung aller Geschlechter zum Ziel hat. Von den Bischöfen erwarten wir, dass sie die Beschlüsse des Synodalen Weges und der Weltsynode konsequent und zeitnah umsetzen. Synodalität ist ein wichtiges Gegenmodell angesichts zunehmend totalitärer politischer Entwicklungen in aller Welt.
Wir setzen uns ein für eine Kirche, die endlich die systemischen Ursachen sexualisierter und geistlicher Gewalt sowie deren Vertuschung bekämpft, wie es der Synodale Weg in Deutschland seit 2019 zum Ziel hat. Die beschlossenen (wie auch die nicht beschlossenen) Texte zeigen Wege aus der fundamentalen Glaubwürdigkeitskrise und dem großen Reformstau, der bereits seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode besteht.
Wir setzen uns ein für die dringend notwendige Erneuerung aller priesterlichen, diakonischen und Leitungs-Dienste, damit sie lebendige Gemeinden vor Ort glaubwürdig zum solidarischen Engagement befähigen. Wir wollen eine Kirche, die Hoffnung gibt, die nah bei den Menschen ist, die sich nicht in XXL-Pfarreien selbst verwaltet und die das Gemeinwohl zum Ziel hat.
Wir setzen uns ein für das Ende der Kriege in aller Welt, für globale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Lebensgrundlagen. Wir ermutigen zu einem neuen Aufbruch des 1983 begonnenen Konziliaren Prozesses „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, denn die bisherigen Versäumnisse in der Klima- und Friedenspolitik machen ein konsequentes Handeln nötiger denn je.
Wir erwarten von den Kirchenleitungen, dass sie sich intensiv um ein besseres Miteinander zwischen dem Vatikan und der katholischen Kirche in Deutschland bemühen, damit die verfasste Kirche in Deutschland nicht noch mehr an Relevanz verliert, sondern weiterhin ihren Beitrag für die Menschen in unserem Land und innerhalb der Weltkirche leisten kann.
Wir rufen alle Menschen auf, Junge wie Alte, Alleinlebende, Paare, Geschiedene, queere Menschen: „Habt Mut, steht auf!“ Engagiert euch, mischt euch ein, setzt euch für die Ausgegrenzten ein, gestaltet die Kirche vor Ort und lasst frischen Wind ins Haus! Für eine Kirche ohne Angst, ein offenes Haus, in dem wir Vielfalt und Verschiedenheit leben und feiern.
Wir rufen auf zur Menschenkette „Ich will, dass Du bist…“ für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. Die von der Initiative #meingottdiskriminiertnicht initiierte Menschenkette soll vom Würzburger Kiliansdom bis zur Augustinerkirche reichen. Die Reformkräfte (Betroffeneninitiativen sexualisierter und geistlicher Gewalt, katholische Verbände und kirchliche Reformgruppen sowie Einzelpersonen in kirchlicher Verantwortung) sehen sich als Sprachrohr für die große Mehrheit von Menschen, die sich um die Zukunft der Kirche(n) für Reformen engagieren. Laut Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 2023) halten 96 % der Befragten tiefgreifende Veränderungen besonders in der (römisch-) katholischen Kirche für notwendig. Doch dies ist angesichts der sogenannten „DNA grundgelegten Struktur der Katholischen Kirche“ eher utopisch als erfolgsversprechend.







1 Rückmeldung
Die „Forderungen“ der Reformkräfte in der Katholischen Kirchen sind die, die vor 30 Jahren schon gestellt wurden. Ich habe „damals“ für eine neue Art von Kirche gekämpft, heute kämpfe nicht weiter für eine andere Kirche, die diese Bedingungen nicht erfüllen will und kann. Vertröstungen auf einen langwierigen Prozess stoßen bei mir – aufgrund meiner persönlichen Geschichte – auf massiven Widerstand. Mir ist es egal geworden. Soll es so werden, wie es werden wird. Eine Veränderung wird nicht von oben „verordnet“ werden, es wird eher gebremst.
Vielmehr geht es darum, dass immer mehr Menschen aus dieser weltweiten Gemeinschaft aus-treten. Der stille „Abschied“ ist längst vollzogen. Hochachtung vor den Menschen, die sich weiter kraftvoll für eine offene(ere) „Katholische Kirche“ einsetzen. Gegebene „Lockerungen“ sind keine mehr, auch wenn es heute Ministrantinnen gibt. Ein KatholikInnen-Tag kann daran nichts verändern. Es ist eine Täuschung zu glauben, dass ein „Synodaler Weg“ Reformen hervorruft. Die Geistin Gottes wirkt wie sie möchte. Vielleicht ist die Distanz eher förderlich, als eine kämpferische Nähe. Von Verantwortlichen gibt es keine Änderungen. Sie erwächst aus der Praxis. Und die ist anders, als es die römisch-zentrierte Kirche es sehen möchte.