„Mit dem Himmelreich ist es wie…“ – so beginnen die Gleichnisse Jesu. Dann folgt eine alltägliche Erfahrung aus menschlichem Unterwegssein, die plötzlich aufgebrochen und verstört wird. Etwas ist dann völlig anders, meist übertrieben anders. Und es gelingt eine überraschende Wendung.
Gott selbst ist nicht genannt im Gleichnis, doch wird klar, dass das, was da im Menschen geschieht, unmittelbar mit Gottes Wirken zu tun hat. Dann ist es wie im Himmelreich, nur dass es leibhaftig erfahrbar auf Erden so geschieht.

Detail aus dem Bodenbild von Martin Assig in der ehemaligen Klosterkirche Unser Lieben Frauen im Kunstmuseum in Magdeburg, ein sehr anregender spiritueller Ort. „Weil ich Mensch bin“ zwischen verschlungenen Wegen, einem verschachtelten Durcheinander und der 8 für die Unendlichkeit – und „Weil ich lebe“ dazu: ja, Menschsein hat immer beides.
Erfahrung aus Lebenspraxis
Auch wenn die Beschreibungen des Alltags in den Gleichnissen Jesu aus längst vergangenen Zeiten kommen, sind doch die Erfahrungen darin erstaunlich aktuell. So auch im Evangelium dieses Sonntags mit dem Gleichnis von der guten und der schlechten Saat. Weizensamen werden weitflächig auf dem Acker der Menschen verstreut. Da geschieht also viel, aus dem wirklich Gutes werden kann: in gemeinsamer Sorge um die Schöpfung, im Bemühen um Verständigung, in Großzügigkeit und einfach in alltäglicher Freundlichkeit. Dann aber, als die Menschen schliefen, so das Gleichnis, wird feindlich plötzlich Unkraut unter den Weizen gesät. Etwas Bedrohliches geschieht und keiner weiß, woher es kam. Mit dem Unkraut ist der Taumellolch gemeint, eine giftige Pflanze, die dem Weizen zum Verwechseln ähnlich sieht, aber ungenießbar ist und zu Erbrechen führt. Wer kennt diese Erfahrung aus der eigenen Lebenspraxis nicht? Immer ist da beides, Gutes wie Schlechtes, und oft tun wir uns schwer, eines vom anderen zu unterscheiden. Manchmal gar erweist sich erst im Lauf der Zeit, wozu etwas gut war, was ich im ersten Moment für ganz schlecht hielt. So endet das Gleichnis mit dem Ratschlag: Lasst beides wachsen bis zur Ernte, erst dann soll Gutes von Schlechtem getrennt sein. Und das geschieht allein durch Gott. Das Evangelium kommt mit der Zumutung, nicht zu be- oder verurteilen, sondern wachsam hinzusehen und dabei stets im Blick zu haben, dass Gutes und Schlechtes, Freund und Feind sehr nah beieinander sind. Da braucht es wirklich viel Behutsamkeit und eine auch sich selbst gegenüber freundliche Gelassenheit.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt
Lassen wir die Zumutung dieses Gleichnisses aus dem Matthäusevangelium jetzt klingen, wenige Wochen vor der mit Spannung erwarteten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die Sorge angesichts der politischen Situation ist groß. Was ist, wenn tatsächlich, wie es die Umfragen verlauten, erstmals wieder eine Partei die Regierung übernimmt, die ganz offen unsere Grundwerte von Menschenwürde und Solidarität missachtet? Manche sehnen sich nach dem starken Führer, der endlich aufräumt und Ordnung schafft in einer als unsicher und bedroht gefühlten Welt. Andere sehen und fühlen genauso die Unsicherheiten und Bedrohungen und sind doch voller Sorge angesichts der naheliegenden Versuchung, radikal dreinzuschlagen, was doch nur neuen Schaden anrichtet. In diese Gemengelage hinein gerät nun mit dem Gleichnis Jesu ein Plädoyer für eine mutige Gelassenheit. In ihr ist beides: Mut im Sinne von wachsamen Dasein und Handeln und Gelassenheit im Sinne des nicht beurteilen und nicht retten Müssens. Ein anderes Wort dafür ist Demut.
Zutrauen – ein Mensch wie ich
Wie wäre es also, wieder mehr das eigene Herz zu achten mit seinem wachen Gespür für das, was wirklich ist, anstelle gebannt in den sozialen Medien sich andauernd in Aufregung und Empörung zu ergehen? 90 Sekunden braucht unser Gehirn, um eine momentane emotionale Aufregung wieder herunter zu regeln, danach entscheiden wir, ob die Aufregung anhalten soll oder nicht. Warum dann nicht darauf vertrauen, dass immer auch guter Same gesät ist, der Frucht bringen will? Ich könnte auch sofort beginnen, trotz aller verständlichen Verärgerung erneut guten Samen zu säen. Und wie wäre es, dem Menschen von nebenan, dem ich radikale Ansichten zutraue, ebenfalls zuzutrauen, dass er ein Mensch ist wie ich – und deshalb auch die Anlage zum Guten in sich hat? Und schließlich: wir wäre es, darauf zu vertrauen, dass das Aufgehobensein im Leben letztlich nicht in der eigenen, sondern in Gottes Hand liegt – glaubend, dass Gott die Liebe ist?
Christoph Kunz | Matthäus 13, 24-30
Titelfoto: Michael Barnt





