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Tiefgreifend, lebensnah und kritisch: Texte von Ceelen

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Petrus Ceelen arbeitete in den Jahren 1975 bis 1991 als Gefängnisseelsorger im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg in Baden-Württemberg. Von 1992 bis 2005 war er in der Betreuung von HIV-Infizierten und an Aids-Erkrankten in Stuttgart tätig. Petrus Ceelen ist ein geistlicher Schriftsteller und Aphoristiker. Ceelen studierte katholische Theologie in Belgien und an der Universität Mainz. Seine Texte sind tiefgreifend, lebensnah und kritisch.

Im Gefängniskrankenhaus sprach Ceelen mit RAF-Mitgliedern und kranken Inhaftierten. Er betreute als erster Aids-Seelsorger Erkrankte und Infizierte im Namen einer Kirche, die Homosexualität verteufelt. Seine Stimme rüttelt auf und weist an den Rand, der die Mitte ist. Im Februar 2019 wurde er 75 Jahre alt. Der Autor widmet sich in seinem angeblich „letzten“ Buch dem eigenen Leben. Petrus wird zum Paulus, ein kirchlicher Grenzfall, Pendler zwischen Nordsee und Neckar, angelt am Wörtersee, Wassermann, mit allen Wassern gewaschen, feiert seit 25 Jahren seinen fünfzigsten, auf dem Friedhof zuhause, Freiredner, schreibt gerade, schön schräg, mit zwei Fingern und ohne Fußnoten. Er ist nahe bei den Menschen. Immer noch und weiter in Trauerfeiern und mit klaren Botschaften. Hier eine Auswahl von neuen Ceelen-Texten:

Glatt

Sie verzieht keine Miene. Auch die schlimmsten Nachrichten, die schrecklichsten Bilder lassen die Sprecherin sichtlich unberührt. Sie braucht keine Träne zu verdrücken, aber eine kleine menschliche Regung täte gut. Ein Zittern in der Stimme, ein leiser Seufzer, ein wenig Mitgefühl. Mit Gefühl. Ein Mensch, der nicht nur aus Oberfläche besteht und nicht so flach ist wie der Bildschirm.

Eine Fassade. Ein leeres Blatt.  Nichtssagend. Ausdruckslos. Nicht die geringste Spur vom gelebten Leben. Stirnfalten geglättet. Glattes Gesicht. Ausradiert, wie die Jahre diesen Menschen gezeichnet haben. Er kann sich nicht mehr sehen, hat sein Gesicht verloren. Offensichtlich. Ein Gesicht wie das andere – ein Einheitsgesicht.

Das Leben hinterlässt Spuren, Falten, Flecken, Furchen, Runzeln, Ringe um die Augen, Tränensäcke. Manches ist unter die Haut gegangen. Denkerfalten. Sorgenfalten. Zornesfalten. Lachfalten. Vielfältig, vielseitig was da auf einer Seite im Gesicht geschrieben steht. Die ganze Lebensgeschichte. Kummer, Freude, Zufriedenheit, Angst, Stress, Enttäuschung. Schon der Mund spricht Bände, auch wenn er nichts sagt. Und was der Blick eines Menschen alles erzählt.

Gesicht zeigen. Maske fallen lassen. Das Gesicht ist der menschlichste Teil des Körpers. Roboter ersetzen Arme und Beine des Menschen,  aber nicht sein Gesicht. Und in jedem Menschengesicht ist etwas Liebes, Liebeswertes, auch wenn es nicht sichtbar ist. Wir sehen nicht unser eigenes Gesicht. Schauen wir in den Spiegel hinein und hören, was Albert Camus uns sagt: Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich.

Mehrdeutig

Verzweifelt versucht eine junge Frau sich das Leben zu nehmen. Im letzten Moment wird sie gerettet. Zwei Jahre später stirbt sie an Krebs. „Warum haben Sie mich in dieses Scheißleben zurückgeholt?“, schreit eine Drogenabhängige nach einer Überdosis den Arzt an, der sie „gerettet“ hat?

Gut und Böse sind nicht eindeutig zu identifizieren. Nichts ist nur gut oder nur schlecht. Erst im Nachhinein erkennen wir, wozu das Schlechte gut war. Die Krankheit war heilsam, der Verlust ein Gewinn. Und auch ein Unglück kann sich zum Glück wenden. Aus Bösem wird Gutes und umgekehrt. Gegensätze gehen ineinander über. Die Medizin ist oft Segen und Fluch zugleich. Nach der Prostataoperation hat der Mann ideale PSA-Werte. Doch sein Geist baut langsam ab, Alzheimer. Als seine Frau es bei aller Liebe zu Hause nicht mehr schafft, kommt der Mann ins Heim, wo er  gut drei Jahren später einer Lungenentzündung erliegt. Waren die guten Prostata-Werte wirklich gut für den Mann und seine Frau?

Wäre es für die junge Frau die Selbsttötung nicht besser gewesen als vom Krebs umgebracht zu werden? Die Chinesen sagen: Besser zwei Jahre früher sterben als ein Jahr zu spät.


Follower Fans Anhänger

Lady Gaga hat mehr als 30 Millionen Follower, „kleine Monster“, wie die Popikone ihre Anhänger nennt. Ihnen erzählt sie auf Twitter regelmäßig Wichtiges und Belangloses aus ihrem Leben. Klick. Lady Gaga news. Die schrille Sängerin ist natürlich auch auf Instagramm, You tube und Facebook zu hören und zu sehen. Die Diva folgt ihren Fans auf den Fuß.

„Wer mir folgen will, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Ganz schön gaga. Ein normaler Mensch tut ja alles, um sein Kreuz loszuwerden. Wer will schon leiden? Doch auch 2000 Jahre nach seinem Tod am Kreuz folgen ihm immer noch ein paar Frauen und Männer mehr als Lady Gaga. Viele tragen sogar das Leid der anderen mit, begleiten sie liebevoll auf ihrem Kreuzweg. Geschlagene und Geschundene schauen auf das Haupt voll Blut und Wunden. Kranke und Sterbende hängen ihre Hoffnung ans Kreuz. Der Schmerzensmann gibt Trost in Trauer und Leid. Manche Follower lassen sich sein Kreuz eintätowieren. Oder sich etwas einfallen. Jesus hat viele Anhänger steht hinten auf dem Anhänger.

Wir hätten, hätten…

Wir reden über Gott und die Welt, über das Wetter sowieso. Wir sagen nur wenig über uns selbst. Wir verstecken uns hinter Floskeln, umgehen einander mit höflichen Umgangsformen. Wir scheuen uns, ein offenes Gespräch zu führen. Wir könnten ja etwas Falsches sagen oder falsch verstanden werden. Weil die Angst vor gegenseitige Verletzung so groß ist, gibt es so viel nicht-gelebtes Leben. So manches in uns wurde nie angesprochen und kann deshalb nicht zum Leben erwachen. Unsere innerste Sehnsucht. Unser Herzenswunsch. Unser ganz großer Traum.

Auch viele Paare trauen sich nicht, einander zu fragen. Wovor hast du Angst? Was fürchtest du am meisten? Menschen, die seit vielen Jahren, Jahrzehnten  miteinander schlafen, geben Intimes nicht preis. Manches Thema ist tabu, darf nicht  berührt werden. Nach dem Tod des Partners sagen Hinterbliebene: Wir hätten mehr miteinander reden sollen, richtig reden. Wir haben oft über Dinge gesprochen, die nicht der Rede wert waren. Banales, Oberflächliches. Wir hätten mehr in die Tiefe gehen sollen und ansprechen, aussprechen, was uns zutiefst bewegt, bedrückt, belastet, beglückt. Ja, wir hätten, hätten … Hätten wir nur.


Lieb und nett

Straftaten bringen oft erst ans Licht, wie sehr wir uns in einem Menschen täuschen können. Auch nach einem furchtbaren Verbrechen bezeugen Nachbarn oft, wie nett und lieb der Täter gewesen sei. Übeltäter sehen nicht übel aus. Wenn es nur nach dem Aussehen ginge, wünschte sich manche Mutter einen Sexualstraftäter zum Schwiegersohn.

Als ein Pastor angeklagt wurde, seine Frau brutal erschlagen zu haben, waren seine Mitglieder fest von seiner Unschuld überzeugt. Auch noch nachdem das Gericht den „guten Hirten“ in einem Indizienprozess zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt hatte. Das Bild, das wir von einem Menschen haben, ist immer auch ein Abbild von dem, was wir in ihm sehen möchten. Unsere Sicht, unsere Ansicht bestimmt unsere Wahrnehmung. In manche Menschen projizieren wir eine Menge Gutes hinein, in anderen sehen wir nur Böses.

Die Firma Benetton zeigte vor Jahren auf ihren Plakaten Gesichter von zum Tod Verurteilten. „Dem Tod ins Gesicht sehen.“ Da schauten uns Männer und Frauen an, als wollten sie uns sagen: Schau mich an. Dann weißt du, wie ein Mörder aussieht. Wie du siehst, bin ich kein Monster. Ich bin ein Mensch wie du.

Jeder ist fähig einen anderen umzubringen.
Aber ich doch nicht, denke ich.
Das haben die Täter auch einmal gedacht.