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Über 30 „Stolpersteine” erinnern an Häftlinge des Zuchthauses Herford

30. Oktober 2026

Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939 (Folge 42).

Am 16. Dezember 1992 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Historischen Rathaus in Köln den ersten „Stolperstein gegen das Vergessen”. Die Idee dazu hatte er gemeinsam mit den AktivistInnen des Kölner Rom e.V. entwickelt, die auch an der Verlegung beteiligt waren. Das Datum war nicht zufällig ausgewählt worden; denn genau 50 Jahre vorher hatte SS-Reichsführer Heinrich Himmler angeordnet, alle „Zigeuner” in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz zu deportieren.

Aus dieser Aktion von 1992 entwickelte Demnig in den folgenden Jahren das Projekt „Stolpersteine”, das an alle Opfergruppen des Nationalsozialismus erinnert und eine völlig neue Form des Gedenkens der NS-Opfer darstellt. Sein Ausgangspunkt war die jüdische Lebensweisheit: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist…” 1995 verlegte Gunter Demnig in Köln erstmals „Stolpersteine” im noch heute gebräuchlichen Format von zehn mal zehn Zentimetern. Mit Messingplatten auf dem Gehweg vor den Häusern, in denen einst jene Menschen wohnten, die der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer fielen, hält Demnig die Erinnerung an sie – und gleichzeitig an Mord und Terror des NS-Regimes – weiter lebendig. Die Messingplatten im Format 10 cm mal 10 cm, auf einem entsprechend großen Stein befestigt, geben in der Regel knappe Hinweise auf Namen, Geburtsjahr, Todesjahr und –ort, wobei der „Stolperstein”-Text in der Regel mit den Worten „Hier wohnte …” beginnt.

Stolpersteine für Herforder Gefangene

Demnigs „Stolpersteine” sind inzwischen zu einer weit verbreiteten und meistens auch akzeptierten Form der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus geworden. Mittlerweile sind mindestens 116.000 „Stolpersteine gegen das Vergessen” in über 1860 Kommunen in 31 europäischen Ländern verlegt worden, die meisten davon befinden sich in Deutschland. Demnigs „Stolpersteine” stellen damit „das größte dezentrale Mahnmal der Welt” dar. Seit 2020 arbeitet das Team um Gunter Demnig „an der Erstellung einer Datenbank für alle bislang verlegten STOLPERSTEINE und künftig verlegten Steinen in ganz Europa. [..] Ziel ist es, in dieser Datenbank sowohl alle Inschriften und Fotos der Stolpersteine aufzulisten, als auch Biografien zu den Schicksalen und dazugehörige Dokumente der Zeitgeschichte einzupflegen.” Bisher ließen sich 35 Häftlinge ermitteln, die in den Jahren 1934 bis 1939 aus politischen oder anderen Gründen im Zuchthaus Herford eingesperrt waren und für die in den letzten Jahren ein „Stolperstein gegen das Vergessen” verlegt wurde. Für einen dieser Häftlinge (Hugo Cohen) wurde sogar jeweils ein „Stolperstein” in zwei Städten verlegt. Allerdings weisen nur sehr wenige dieser „Stolpersteine” auf die Haft im Zuchthaus Herford hin.


Auf drei dieser NS-Opfer soll im Folgenden näher eingegangen werden; alle drei waren Mitte der 1930er Jahre aus politischen Gründen (Vorbereitung zum Hochverrat) zu Zuchthausstrafen verurteilt worden, die sie unter anderem im Zuchthaus Herford verbüßen mussten. Wegen erneuten Widerstandes gegen das NS-Regime wurden sie 1944 zum Tode verurteilt und am 15. bzw. 22. September 1944  in Dortmund hingerichtet:

Gustav Milse

Der Arbeiter Gustav Milse, der am 6. Juli 1885 in Altenhagen, Kreis Bielefeld, geboren wurde, verheiratet und Vater dreier Kinder war, wohnte Mitte der 1930er Jahre in Bielefeld. Er war Gewerkschafter und Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 beteiligte er sich am Widerstand gegen das NS-Regime. Er wurde deswegen festgenommen und musste sich Anfang 1936 vor dem Oberlandesgericht Hamm verantworten. Am 15. Februar 1936 wurde Milse in dem Massenprozess gegen Ebert und andere wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren und drei Monaten (unter Anrechnung von neun Monaten Untersuchungshaft) verurteilt (Aktenzeichen: 5 O. Js. 315/35); als geplantes Strafende wurde für ihn der 15. August 1939 bestimmt. Der Hauptangeklagte Wilhelm Ebert wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von 12 Jahren und drei Monaten verurteilt, die er in verschieden Zuchthäusern (Münster, Butzbach, Kassel-Wehlheide und Werl) verbüßen musste, bevor er im Dezember 1943 zunächst in das KZ Dachau und am 1. Januar 1944 in das KZ Mauthausen eingeliefert wurde, wo er am 21. Februar 1945 umkam oder ermordet wurde.

Nach Karl Schabrod waren in diesem Prozess, in dem insgesamt 228 Jahre und fünf Monate Strafhaft verhängt wurden, 67 Personen angeklagt worden. Gustav Milse musste seine Strafe im Zuchthaus Herford verbüßen; im Zusammenhang mit der bevorstehenden Umwandlung dieser Strafanstalt in ein Jugendgefängnis wurde er am 20. Juni 1939 in das Zuchthaus Siegburg eingeliefert. Am 15. August 1939, also nur zwei Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurde er von dort nach Hause entlassen. Milse, der im Zweiten Weltkrieg erneut Widerstand gegen das NS-Regime leistete, wurde am 22. September 1944 in Dortmund hingerichtet, wo zwischen 1943 und 1945 insgesamt 305 Männer und Frauen mit einer Guillotine hingerichtet wurden. Unter der Überschrift „Unsterbliche Opfer – ihr sanket dahin” veröffentlichte das „Volks-Echo für Westfalen und Lippe” in seiner Ausgabe vom 20. September 1946 anlässlich des Todestages der ermordeten Bielefelder Antifaschisten unter anderem auch einen Nachruf auf Gustav Milse: „geb. am 5. Juni 1885. Alter Gewerkschaftler. Funktionär der KPD. 1933 (sic!) zu 4½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Mitte Februar 1944 erneut verhaftet und v. Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, am 22. September 1944 hingerichtet.”


 

Gustav Koch

Ebenso für Gustav Koch ist in jenem Artikel ein Nachruf abgedruckt: „Geboren am 15. September 1900. Seit 1919 gewerkschaftlich organisiert. Mitglied der KPD. seit 1923. Funktionär. 1933 Schutzhaft. 1935 zu 4½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 21. Juli 1943 wiederum verhaftet, am Juli 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 15. September 1944 hingerichtet.”

 

Bernhard Putjenter

In dem Artikel im Volks-Echo für Westfalen und Lippe ist auch ein Nachruf auf Bernhard Putjenter abgedruckt: „Geboren am 6. April 1888. Alter Gewerkschaftler. Im Mai 1935 zu 3½ (sic!) Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 21. Juli 1943 erneut verhaftet. Am 5. Juli 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 15. September 1944 hingerichtet.”


Für Gustav Milse, Bernhard Putjenter und Gustav Koch sind in Bielefeld nicht nur „Stolpersteine” verlegt worden, sondern auf dem Ehrenfeld des Sennefriedhofs, wo die drei ermordeten Antifaschisten nach dem Krieg beigesetzt worden waren, erinnern darüber hinaus ein Denkmal und Grabsteine an die drei Männer.

Armin Breidenbach

Quellen und Literatur

Arolsen Archives, Online-Archiv: Verschiedene Dokumente
Peukert, Detlev: Die KPD im Widerstand. Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945, Wuppertal 1980
Schabrod, Karl: Widerstand an Rhein und Ruhr 1933 – 1945, Hrsg.: Landesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1969
Schrader, Ulrike: Die „Stolpersteine” oder Von der Leichtigkeit des Gedenkens. Einige kritische Anmerkungen, in: Geschichte im Westen. Zeitschrift für Landes- und Zeitgeschichte, Jahrgang 21, Essen 2006, S. 173 – 181

Schulte, Armin: „Man soll mich nur nicht vergessen!” Stolpersteine in Solingen – Schicksale 1933 – 1945, hrsg. vom Stadtarchiv Solingen, Remscheid 2020
Stolpersteine für die von den Nazis ermordeten ehemaligen Nachbarn aus Friedrichshain und Kreuzberg. Dokumentation. Texte. Materialien, hrsg. von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. (NGBK), Berlin 2002
Volks-Echo für Westfalen und Lippe vom 20.9.1946. Online einsehbar… 
Stolpersteine: WDR | Europäische Union | Fakten | Demnig | Bielefeld | JVA Dortmund | Dürkopp

Thematischer Überblick zur gesamten Artikelserie

 

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