„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“, sagt Jesus im Matthäus-Evangelium. So antwortet er auf die Fangfrage der Pharisäer auf der einen und der Anhänger des Kaiser auf der anderen Seite, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Sagt er Ja, erbost er die geistlichen Anführer in ihrer Ablehnung eines gottgleichen Kaiserkultes, sagt er Nein, bringt er die politische Führung gegen sich auf.
In seiner berühmt gewordenen Antwort auf die kritischen Anfrage, die unweigerlich in die Sackgasse eines Entweder-oder zu führen scheint, sieht Jesus tatsächlich den Kaiser und Gott gesondert voneinander an. Heißt das, dass sich Religion aus der Politik herauszuhalten hat, wie es manchmal gefordert wird?

„Dazwischen“ an der Studientagung der Gefängnisseelsorge im Liborianum in Paderborn.
Antwort trennt nicht, sie verbindet
Hat sich Politik nicht stets einem moralischen Anspruch zu stellen? Leidvoll erleben wir durch unsere Geschichte hindurch, wie selbst aus demokratischen Systemen heraus politische Willkür und diktatorische Machtergreifung geschehen können, und Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Minderheitenschutz missachtet werden. Und wie wäre andererseits ein religiöses Leben, in dem politische Stellungnahme nicht vorkommen darf? Es verkommt zur frommen Zutat, wird lebensfremd und unverbindlich. Jesus aber lässt sich auf ein Entweder-oder nicht ein, seine Antwort trennt nicht, sie verbindet vielmehr, indem sie auf Beziehung und Zugehörigkeit verweist. Damit lenkt Jesus die Aufmerksamkeit auf eine tiefer liegende Wirklichkeit: wo ist der Mensch verortet und welches Woraufhin bestimmt sein Leben? Inmitten der hasserfüllten Auseinandersetzung – die Pharisäer waren den Kaiserlichen Feind, und beide zusammen Jesus und seinen Jüngerinnen und Jüngern – sagt Jesus klar: hier geht es um den Menschen, denn der gehört Gott. Gebt also Gott, was Gott gehört, seht den Menschen, euch selbst und die anderen, an in der Bezogenheit auf Gott.
Würde zu schützen ist Verpflichtung
Plötzlich leuchtet auf, dass es um die Würde eines jeden Menschen geht. Kein Mensch wurde gefragt, ob er in diese Welt geboren werden will und wenn ja, an welchem Ort. Jeder Mensch aber hat von Beginn des Lebens an das absolute Ja-Wort Gottes zu sein und zu leben. Jeder Mensch ist kostbar – und das nicht nur für sich selbst, sondern in der Verbundenheit der gesamten Schöpfung. 1949 hat Deutschland nach den Verbrechen der Nationalsozialisten die Menschenwürde ins Grundgesetz geschrieben. Im ersten Artikel heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wir Menschen sind einander geschenkt, uns zu begegnen, zu lieben und zu verzeihen, dabei bereichern wir uns einander in aller Vielfalt und können Leid miteinander tragen. Welche politische Wucht steckt in einem solchen religiös verankerten Menschenbild? Sie entlarvt eine Politik, die auf Spaltung und Ausgrenzung setzt, als eine Missachtung der natürlichen Verbundenheit aller auf dieser Erde. Sie deckt auf, wo Politik als Mittel zu persönlicher Machtergreifung missbraucht wird, und fordert heraus zu Respekt und zur Achtung der Vielfalt.
Anerkennen der Begrenztheit
Die Würde des Menschen zu achten, bedeutet in religiöser Perspektive seine Bezogenheit zu Gott anzuerkennen, was zugleich seine Kostbarkeit wie seine Begrenztheit ausmacht. Die Bibel erzählt, wie Gott den Menschen schuf und es als „sehr gut“ ansah – nur um ihn dann aus dem Paradies in die Wirklichkeit der Welt zu werfen. „Existenz“ bedeutet in der lateinischen Herkunft des Wortes „bestehen“: sein in den alltäglichen Herausforderungen. Und das mit dem Segen Gottes. Zur Würde des Menschen gehört das Anerkennen seiner Begrenztheit, seiner Not und seines Scheiterns. In dieser Bedingtheit menschlichen Lebens leuchtet unser Angewiesensein auf, in Barmherzigkeit und mit der Kraft des Verzeihens einander zu begegnen. Wo das geschieht, geben wir Gott, „was Gott gehört.“
Christoph Kunz | Matthäus 22, 15-21





