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Rolle der Gefängnisseelsorge in der Corona-Krise

Wenn Häftlingen Gefahr von draußen droht
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Als Fachdienst “Gefängnisseelsorge” ist es wichtig, einen Überblick über die aktuelle Corona-Situation in den JVA´en zu haben. Sie verändert sich allerdings ständig. Von Interesse ist, welche Angebote gemacht werden können in einem System, das zwar sicher abgeschottet, aber durch die Enge sehr anfällig für die Verbreitung des neuartigen Virus ist. Gibt es Knast-Gottesdienste ohne TeilnehmerInnen? Gibt es technische Hilfsmittel, die z.B. eine Übertragung in die Hafträume ermöglichen? Wie ist die Situation, wenn Inhaftierte unter Quarantäne stehen? Kann Haftraumtelefonie eine „interne Telefonseelsorge“ anbieten? Gibt es Entwicklungen für entsprechende Hilfs- und Unterstützungsangebote? Kommt die Gefängnisseelsorge im Krisenmanagement vor?

Solche Fragen stellen sich hauptberufliche GefängnisseelsorgerInnen hinter den Mauern in der derzeitigen Krisenzeit. Gefängnis heisst bereits “Quarantäne” für die Gefangenen auf engsten Raum. Die inhaftierte Menschen erleben die Begrenzungen und das Kontaktverbot draußen nicht unmittelbar. Manche sind verwundert, was “draussen” alles abgeht. Würden die Maßnahmen eins zu eins in den Justizvollzugsanstalten übernommen, gäbe es sicherlich eine Revolte. So geschehen in überfüllten Gefängnissen Italiens.

“Das Coronavirus bestimmt das gesamte öffentliche Leben und führt dazu, dass viele Menschen tief und heftig von den Folgen betroffen werden. Nach alledem, was namhafte Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen darlegen, müss davon ausgegangen werden, dass die durch die Coronaviren bedingten Erkrankungen bei einem Teil der Menschen tödlich ausgehen können, ein Teil der Menschen allerdings das Glück hat, kaum spürbar zu erkranken. Diese Fälle sind aber sehr problematisch: (noch) gesund erscheinende – tatsächlich aber hochinfektiöse – Personen können die Krankheit in hohem Maße verbreiten”, so erläutert der Anstaltsleiter, Friedrich Waldmann, von der JVA Herford die Lage.

Wenn Häftlingen Gefahr von außen droht.

In der Gefängniswelt, die ebenso Spiegelbild der Welt außerhalb der Mauern ist, hat die Corona-Pandemie daher ebenso Konsequenzen. So besteht ein striktes Besuchsverbot mit Ausnahme von Rechtsanwälten oder Dolmetschern. Um die Bindungen zwischen den Gefangenen und ihren Angehörigen aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren, soll neben der Möglichkeit des Telefonierens alternativ Kontakte mittels des Instant-Messaging-Dienstes „Skype“ genutzt werden können. Dies wird allerdings in den Justizvollzugsanstalten der Länder unterschiedlich gehandhabt.

Die Einschränkungen für den Gefangenen fallen nicht derart aus, dass der ganze Betrieb stillsteht und die inhaftierten Menschen 23 Stunden auf den Hafträumen sind. Im Pandemiefall innerhalb der Mauern sähe das sicher anders aus. Die sogenannte Freistunde, die jedem Gefangenen zusteht, findet in kleineren Gruppen statt, so dass keine große Menschenmenge aufeinander trifft. Ansonsten geht der Alltag mit Schulunterricht, Ausbildung und der Beschäftigung von Inhaftierten weiter.

Unter Beachtung der Hygienevorschriften und des Infektionsschutzes halten die Bediensteten Abstand untereinander. Notwenige Dienstbesprechungen werden ausschließlich in kleinen Gruppen abgehalten. Neuzugänge in die Justizvollzugsanstalt werden auf das Virus getestet und kommen für 14 Tage abgesondert auf eine eigene Abteilung. Die Arbeit als GefängnisseelsorgerIn im Homeoffice zu tun geht nicht nur aus technischen Mitteln nicht. Es gibt kein Internet und kein Smartphone für Inhaftierte. Die MitarbeiterInnen der Gefängnisseelsorge wie anderer Dienste im Vollzug können nicht auf Telefonie oder Skype umstellen. Die Einzelgespräche mit Inhaftierten sind besonders wichtig.

Forum – ökumenisch

Die Feier von Gottesdiensten oder dem Freitagsgebet sind in manchen Gefängnissen ausgesetzt. In einigen Anstalten ist eine gottesdienstliche Feier in kleinen Gruppen möglich. Die GefängnisseelsorgerInnen sind präsent vor Ort, klären auf, beantworten Fragen und sind für Gefangene wie die Bediensteten da. Alles in einem gebührenden Abstand und ohne dem üblichem Händedruck. Technische Mittel der Übertragung von Gottesdiensten gibt es nicht. Es wäre aufwändig diese zu installieren. Als GefängnisseelsorgerIn wissen wir, mit wem wir es zu tun haben und welche Kontakte zumindest ein Großteil des Klientels im Gefängnis hatte – nämlich keine. Das ist beruhigend.

Michael King | JVA Herford

 

 

Kommentar

  1. Franz-Josef Bode sagt:

    Mit einem Dank für den vielfältigen Einsatz an Menschen, die direkt von der Corona-Pandemie betroffen sind, haben sich der Vorsitzende der Caritaskommission der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Stephan Burger (Freiburg), der Vorsitzende der Pastoralkommission, Bischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück) und der Vorsitzende der Kommission Ehe und Familie, Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin), an die MitarbeiterInnen in der Caritas, der Beratungsstellen und der kategorialen Seelsorge gewandt.

    Ausdrücklich betonen die Bischöfe, dass zu den vielen Menschen, die in diesen Tagen ein hohes Maß an Dank, Anerkennung und Solidarität verdient haben. „Auf vielfältige Weise stehen Sie in dieser ganz und gar außergewöhnlichen Situation den Menschen bei in den sozialen, diakonischen und administrativen Diensten und Einrichtungen der Caritas, in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Beratungsstellen, in der Telefon-, Gefängnis-, Krankenhaus- und Notfallseelsorge, in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung, aber auch in der Senioren- und Altenheimseelsorge oder in der Palliativ- und Hospizseelsorge, um nur einige zu nennen, die wie alle in der kategorialen Seelsorge derzeit unermüdlich ihren wichtigen Dienst tun“, so die Bischöfe.

    Jede fachliche und menschliche Zuwendung, jede Idee zur Überwindung von Einsamkeit, Hilflosigkeit, Angst und Niedergeschlagenheit sei ein wichtiges Zeichen. Deshalb sei der Dank in diesen Tagen so wichtig: „Von Herzen danken wir Ihnen allen, die Sie mit hohem Einsatz und oft auch mit Gefahr für die eigene Gesundheit ihren Dienst tun.“

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