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Keine Kräfte (mehr) im Rennen gegen die Wand

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Pfingsten gilt als Geburtstag der Kirche. Über Jahrhunderte hin weg ringen Menschen um die Wahrheit, die das Evangelium ausmacht. Die Wahrheit ist keine Ideologie, kein schwarz-weiß. Das gegenseitige Ringen ist eine Kraft, die, wenn fair gestritten wird, positiv und weiterführend sein kann. Die Ausnahme: Viele Menschen kümmert es nicht mehr. Sie haben sich verabschiedet aus dem Korsett der Kleindenkerei in Sachen Glauben. Auf der anderen Seite stehen konservative Kräfte, die klar sagen, was zu glauben ist und was nicht.

„Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. Man könnte ebenso gut übersetzen: Ehre mich, wie ich dich ehre. Das heißt: gib mir Ansehen, gib mir Würde, gib mir Glanz, gib mir Schönheit. Das ist das, was eine gelingende Beziehung ausmacht: Wir lassen einander groß sein. Wir lassen einander fliegen. Das ist Liebe: Ich gebe alles, damit du in meiner Nähe dich selbst zeigen kannst, dein Innerstes, dein Stärkstes, dein Schwächstes und auch dein Schönstes.“ sagte Dr. Katrin Brockmöller in der Dialogpredigt in der Abschlussmesse beim KatholikInnentag 2022 in Stuttgart. „Starke Worte“, kommentiert Bernd Mönkebüscher, Pfarrer in Hamm: „Die Kirche ist genauso nicht. Sonst hätte es #OutInChurch nicht gebraucht, sonst könnten Frauen genauso die Weihesakramente empfangen. Stattdessen GRAUT oder schwärzt Kirche ein, verbannt immer noch die Regenbogenfarben, lässt Menschen eben nicht das Innerste, Stärkste, Schwächste und Schönste, sich selbst zeigen. Das eklatante Auseinanderklaffen von Wort, Wunsch und Wirklichkeit spricht für sich“, sagt der Mitinitiator von #OutInChurch.

Kein Update nötig?

Auf dem Katholikentag haben sich Menschen untereinander getroffen. Da ist die konservative Initiative Maria 1.0 ebenso vertreten. Die UnterstützerInnen dort sagen, es braucht kein Kirchen-Update. Frauen als Priesterinnen zu weihen, sei für sie unvorstellbar. Die Katholische Kirche besitze nicht die Vollmacht dazu. In einem Kommentar auf Facebook wird dies deutlich gemacht: „Die Kirche ist längst für alle Personen, die das Evangelium ernst nehmen, dass Gott Mensch geworden ist, in Bedeutungslosigkeit versunken, bzw. zu einer Räuberhöhle verkommen, in der alle das Wort welches befreien kann vergessen haben. So sind alle bis zum St. Nimmerleinstag dazu verdammt, das sogenannte Friedensgebet in der Messe nach dem Vaterunser zu sprechen. Ja, beten Sie weiter: Herr Jesus Christus, schaue nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke ihr nach deinem Willen Einheit und Frieden! Im Übrigen habe ich einige Jahre Gespräche geführt mit Gefangenen und besser verstanden, was kriminell, süchtig und verrückt macht. Ich weiß nur, das Helfen bedeutet: Leiden zu ermöglichen!“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt man. Haftraumfenster mit einer kleinen Palme.

Sprache verrät

Menschen können an der Kirche leiden oder sie verlassen. In diesem Kommentar wird die Argumentation herumgedreht: „Lesen Sie das Evangelium, dann wissen Sie wo es lang geht…“ Da werden christliche Gegenfragen gestellt, andere „verdammt“ oder gar die Fähigkeit abgesprochen, mit Gefangenen umzugehen. In solch einer Kirche will ich nicht sein. Besonders hinter den Mauern wird deutlich, was Barmherzigkeit bedeutet. Aber nicht nur dort. Menschen treten aktiv für den Frieden ein, engagieren sich für Einsame und Geflüchtete, verbinden sich mit Klima-SchützerInnen, stehen gedemütigten (Ordens-) Frauen*, Männern*, Jugendlichen und Kindern bei, sind da in Krankenhäusern, Altenheimen, Gefängnissen, Schulen, Bildungshäusern, Klöstern, Universitäten, Pfarreien, Verbänden und feiern das Leben. Sprache verrät und zeigt, wes Geistes Kind jemand ist. Vor allem religiöse Rituale bergen die Gefahr in sich, abgrenzend zu wirken. Wie der Kommentar zeigt, werden religiöse Überzeugungen gebraucht, um den Geist Gottes im Keim zu ersticken. „Es wird sich eh nichts ändern“, sagen manche, wenn es um die Lehre der Kirche geht. Kämpfen für Veränderungen? Dies ist auf jeden Fall angesagt. Aber auch die Entscheidung, nicht weiter gegen Windmühlenflügel ankämpfen zu wollen, ist ein Weg.

Keine Kräfte (mehr) im Rennen gegen die Wand

Veronika Jehle ist neben dem Generalvikar Andreas Sturm (Bistum Speyer) diesen Weg gegangen. Sie hat im Herbst 2021 Bischof Bonnemain des Bistums Chur einen berührenden Abschiedsbrief geschrieben und ihre Missio für Ihre Arbeit als Spitalseelsorgerin zurückgegeben. Ihr Handeln ist ein kirchenpolitisches Statement. Jehle muss vor der Nicht-Reformierbarkeit der römisch-katholischen Kirche kapitulieren. 50 SeelsorgerInnen haben sich solidarisiert. Sie wollen keine Kräfte (mehr) mit dem Rennen gegen die Wand der Institution Kirche verschwenden, mit demütigenden Gesprächsrunden und Aktionen betreffend Reformen. „Aus Freundschaft zu und in Solidarität mit all jenen, die aus verschiedenen Gründen aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten sind, die ihre Missio zurückgegeben oder erst gar keine Missio bekommen haben – zum Beispiel auf Grund ihrer offen gelegten sexuellen Orientierung, in Freundschaft und Solidarität mit all jenen, die spirituell und sexuell ausgebeutet, in ihrer Würde tief verletzt worden sind –, ist es uns wichtig, unsere Trauer über den Weggang von guten TheologInnen und Seelsorgenden wie Veronika Jehle und vielen anderen und unsere Zerrissenheit als Seelsorgende in der römisch-katholischen Kirche zu zeigen. Dieser Schritt lässt uns nicht kalt“, so ein Auszug aus dem Offenen Brief, den die feministische Theologin Monika Hungerbühler verfasste.

Traum von Kirche im Kleinen?

Kirche hat sich immer wieder verändert, reformiert und neu aufgestellt. Warum sollte dies in unserer heutigen Zeit nicht so sein? Vielleicht kommt diese Änderung nicht mit einem lauten Knall, vielleicht vollzieht er sich darin, dass Menschen sich verabschieden. Ich träume von keiner neuen Kirche (mehr). Vor fast 30 Jahren träumte ich daran teilzuhaben, die Kirche mit einem basisgemeindlichen Ansatz mit anderen MitstreiterInnen reformieren zu können. Als kirchlich pastoraler Laie habe ich dies mit Inbrunst gemacht. Nach all den Jahren will ich die Katholische Kirche nicht mehr verändern und auch nicht von ihr träumen. Das ist zu träumerisch geworden. Ich träume von keiner Kirche mehr.

Ich träume von Menschen in kleinen Gemeinschaften inmitten der Gesellschaft. Unter Bekenntnisfreien und Menschen guten Willens. Mit Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen. Eine Kirche, die keine ist, ohne Prachtbauten und Machtgehabe, ohne übergestülpten Ritualen und festgefahrenen Formen, die klerikal und hierarchisch daherkommen. Ich träume von keiner Kirche mehr. Ich realisiere Kirche an dem Ort, an dem ich jetzt hingestellt bin: Hinter Mauern und Stacheldraht. Mit Nichtgläubigen und jugendlichen Straftätern auf der Suche. Der Traum von Kirche ist im Kleinen erfüllt, jeden Tag neu. Alles andere soll in der Vielfalt leben können, wie es war und ist. Es lohnt sich in diesen Kreisen nicht für Veränderungen zu kämpfen.

Michael King

 

1 Kommentar

  1. K.P. sagt:

    In Maria 1.0 zeigt sich doch, dass es immer Leute geben wird, die das System Kirche stabilisieren! Mit ihnen diskutieren ist sinnlos, genauso wie Dialoge in politischen Autokratien leider zu nichts führen! Dazu kommt, dass wir, die reformen wollen, den Tunnelblick von Maria 1.0 zu wenig verstehen, um adäquate Dialoge führen zu können! Zu fremd ist uns das Denken!

    Wenn Sie überschüssige Energie zur Verfügung haben, kann man das machen, aber es ist ohne Sinn! Setze Energien besser da ein, wo schon „Feuer im Turm“ ist! Auch wenn das wiederum nur gemäßigte Feuer sein dürfen, denn sonst fliegt man raus! Und da gemäßigte Feuer schon seit Jahrzehnten kaum Veränderung brachten, habe ich mich rausgezogen!

    Der Augsburger Bischof sieht Risiken beim Synodalen Weg. Er befürchtet Konflikte mit der Weltkirche… So wird´s immer und ewig Ängste derer geben, die an den Plätzen sitzen, wo Veränderung nicht dran vorbeigehen kann! Und er sagt noch: Erneuerung sei möglich (ein joviales Schulterklopfen den kritischen ChristInnen hingeworfen), aber es erfordere mehr Zeit! Wieviel Jahrhunderte Zeit brauchts eigentlich noch?!

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