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Das Unerwartete einer Knast-Krippe irritiert

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Ein Inhaftierter sitzt mittig auf einer Pritsche, umringt von seiner Mutter und dem Großvater. Eine Darstellung aus dem Haftraum eines Gefängnisses, von einem Holzbildhauer trefflich in Figuren umgesetzt. Irgendwie gleicht das Bild im Aufbau , das zum Sinnbild der Weihnachtszeit geworden ist. Die Konturen der Krippe sind sichtbar, verschwimmen doch zugleich wieder in der Surrealität des Unmöglichen. Denn das Unerwartete steht dem gewohnten Bild gegenüber. Eine Szene, die irritiert.

 

Holzbildhauer Rudi Bannwarth und die beiden Gefängnisseelsorger der JVA Herford, Stefan Thünemann und Michael King. „Irritation ist gewollt“, bestätigt Michael King, katholischer Gefängnisseelsorger der JVA Herford. Und sein evangelischer Kollege, Stefan Thünemann, ergänzt: „Wir wollen raus, aus dem, was wir kennen und einen Denkprozess anstoßen.“ Die neue Knast-Krippe sei Realität im Jugendknast – einem Gefängnis wie die geschlossene Vollzugsanstalt in Herford. Die beiden Seelsorger ergriffen die Initiative, luden jugendliche Inhaftierte zu einem Gedankenaustausch mit Künstler Rudi Bannwarth (Ettlingen bei Karlsruhe) hinter den Mauern ein und können nach fast einjähriger Planung nun die Knast-Krippe aus Holz präsentieren, die Lebensrealität und Sozialkritik widerspiegelt.

Der Prozess zur künstlerischen Darstellung

Es sei ein Prozess, der sich habe entwickeln müssen. Ein Prozess, von der auch die Gefangenen überrascht waren. Denn, so Thünemann, die Jugendlichen hätten eher eine geringe Beziehung zur Krippe und wenn, dann sei es eine kitschige Krippenvorstellung. Es ist keine gewöhnliche Krippendarstellung mit Maria und Josef und dem Jesuskind. „Es sind Figuren, die die Botschaft der Geburt Jesu zeigen wollen“, ergänzt Michael King: „Der Künstler will, dass sich die Botschaft der Geburt des göttlichen Kindes in den Kontexten der Lebenswirklichkeiten zeigt und inkulturiert.“

Die Mutter ist bei Inhaftierten heilig

Maria wurde zur Mutter einen Gefangenen, Anfang 40 und in der Darstellung auch vom Leben gezeichnet. „Die Mutter ist bei den Jugendlichen hier hoch geschätzt. Sie ist für die Inhaftierten heilig – egal was sie gemacht hat“, kennt King die Wertschätzung für die eigene Mutter aus vielen Gesprächen mit den Gefangenen.

„Besonders die Großeltern spielen eine wichtige Rolle im Leben der Inhaftierten, manche sind bei ihnen aufgewachsen. Oma und Opa nehmen ihre Enkel trotz vieler Abgründe so an, wie sie sind“, sagt Stefan Thünemann, der seit acht Jahren in Herford arbeitet: „Selten so oft wie in diesem Jahr mussten wir den Gefangenen Todesnachrichten ihrer Großeltern überbringen und sie in der Trauer begleiten.“

Das Jesuskind als Inhaftierter

Die moderne Interpretation der Krippe lässt weiter Raum zur Diskussion. Das Jesuskind als Inhaftierter in der Zelle soll provokant den Spiegel vorhalten. Jesus als derjenige, der mit Verbrechern zu Abend aß, der die Ehebrecherin nicht verurteilte und der mit den frommen Schriftgelehrten Streitgespräche führte. Jesus wurde als Verbrecher von den Römern hingerichtet. Eine Zeichnung im Hintergrund des dargestellten Haftraumes zeigt ein Fahndungsplakat mit Jesus. „Wenn Gott zur Welt gekommen ist, dann auch in den Knast. Somit wohnt Gott in jedem von uns“, betont Michael King, der sich freut, wenn nachgefragt wird, um die ungewöhnliche Krippe zu entdecken.

Holzbildhauer Rudi Bannwarth schuf die Knast-Krippe nach Gesprächen mit den jungen Gefangenen und den Gefängnisseelsorgern in der JVA Herford. Weihnachten ist im Knast ein schwieriges Fest. Kontakte zu vertrauten Menschen fehlen. Das Familienbild der Knast-Krippe weckt Erinnerungen an die eigene Familie. Die Schlichtheit der Krippe und ihrer Darsteller kommt bei den Jugendlichen an.

Die Krippe ist in diesen Tagen – auch in optischer Größe – zum Mittelpunkt der JVA Herford geworden. King: „Jesus spielt eine wichtige Rolle.“ Irritieren und etwas „quer“ stellen, sei bewusst gewollt, um anzuregen. Dabei wirkt auch die Arbeit des Künstlers mit. „Die Figuren begeistern mich handwerklich und in der Aussagekraft“, freut sich Thünemann über die Kreativität von Rudi Bannwarth. Die Chemie habe mit ihm von Beginn an gepasst. Offenheit gegenüber den Gedanken der Jugendlichen, Engagement in der Kirche und sozialkritisches Denken habe Bannwarth mit aller künstlerischen Freiheiten hervorragend umgesetzt.

Viele Details laden zum Hinschauen ein

Die Knast-Krippe hat noch viele weitere Details und lässt noch viel Spielraum für weitere Interpretationen. Die Wirklichkeit mit den vergitterten Fenstern, den Haftraumtüren und dem Knastbett. Ein Engel stürmt herbei. Ein jugendlicher Arbeiter mit Sonnenbrille. Dies sei typisch für manche der Jugendlichen, berichten die Gefängnisseelsorger. Sie wollen im Knast und draußen cool sein. Im Jugendvollzug sind Jugendliche und junge Menschen inhaftiert, die Schuld auf sich geladen haben. Sie wurden für eine Gefängnisstrafe verurteilt. „Alles andere als Engel, mag so mancher sagen. Doch die jungen Menschen haben eine lange Geschichte hinter sich. Auch wenn sie sich strafbar gemacht haben, ist ein guter Kern in einem jeden von ihnen, ist die Möglichkeit da, das Leben hoffnungsvoll neu zu gestalten. Besondern im Jugendvollzug steht Resozialisierung an erster Stelle“, betonen die Gefängnisseelsorger beider Konfessionen.

Weitere Figuren der Lebensrealität

Nach und nach sollen neue Figuren zur Krippen-Kulisse dazukommen: Ein Bediensteter, kartenspielende Jungs auf einer Bank im Freistundenhof und natürlich Ochs und Esel. Der Stern von Bethlehem schlägt in die Kulisse des Haftraums und des Knastes ein. Weihnachten will so gar nicht zum Gefängnis passen und doch ist es für viele ein Fest ihrer Hoffnung und Sehnsucht auf Neubeginn.

Ronald Pfaff | Erzbistum Paderborn

 

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