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Wort Gottes wird inkulturiert und ins Leben übersetzt

Kirche aus Papier – Memorieren einer Papierkirche
8. Juli 2021

Eine einzigartige Knast-Krippe ist fertiggestellt. Sie ist durch den Künstler Rudi Bannwarth aus Ettlingen bei Karlsruhe über Monate geschaffen worden. Grundlage seiner Arbeit ist die Realität im Jugendknast der ostwestfälischen Justizvollzugsanstalt Herford. Dazu traf er sich mit jugendlichen Inhaftierten hinter den Mauern. Dessen Ideen nahm Bannwarth in seinem Schaffen mit auf. Die Realität im Jugendvollzug spiegelt sich wieder in seiner Krippendarstellung

Es ist keine gewöhnliche Krippendarstellung mit Maria und Josef und das Jesuskind. Oder doch? Klar, da sind Figuren, die die Botschaft der Geburt Jesus zeigen wollen. Der durch seine sozialkritischen Krippendarstellungen überregional bekannte Bildhauer Rudi Bannwarth aus Ettlingen bei Karlsruhe will die Geschichte der Geburt Jesus nicht nur darstellen. Er will, dass sich die Botschaft der Geburt Jesus in die Kontexte der Lebenswirklichkeiten zeigt und inkulturiert. Mit 15 Jahren begann Bannwarth eine Schreinerlehre, die ihm später als Basis für die Arbeit als Holzbildhauer diente. Anfang der 1990er-Jahre beschloss der 58 jährige sich zum Holzbildhauer weiterzubilden.

Krippenfiguren interpretieren

Nach seiner Meinung verharren Motive und Darstellung zu sehr in der Vergangenheit. Aus diesem Wunsch entstand die Idee, Krippenfiguren modern zu interpretieren. Weihnachten ist im Gefängnis ein schwieriges Fest. Die Inhaftierten spüren besonders, wie sehr ihnen vertraute Menschen fehlen. Krippendarstellung kennen die meisten Inhaftierten nur aus dem Fernsehen. Umso mehr sollen jugendliche Gefangene sehen, dass die biblische Erzählung der Geburt Jesu im Heute wirken kann. “Die Lebenserfahrungen von damals sind auch heute weiter aktuell” sagen die Gefängnisseelsorger. “Die ungeklärte Situation des angeblichen Vaters Josef, das Suchen nach einer Herberge und die armen Verhältnisse, in denen sich “das Göttliche” ereignen soll. Im Kontext des Knastes ist Josef ist der Großvater, das Jesuskind der jugendliche Inhaftierte und Maria die Mutter des Gefangenen mit Anfang Vierzig. Großeltern spielen eine wichtige Rolle. Manche der Inhaftierten ist bei ihnen aufgewachsen. Oma und Opa nehmen ihren Enkel trotz vieler Abgründe an, wie er ist.

Großvater als Josef

Mutter als Maria

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Gefangener als Jesuskind

Die Krippen-Kulisse

Knacki als Engel


Christusmonogram: JHS – Wanted

Jesus als derjenige, der mit Verbrechern zu Abend aß, der die Ehebrecherin nicht verurteilte und der mit den frommen Schriftgelehrten Streitgespräche führte. Jesus wurde als Verbrecher von den Römern hingerichtet. Die Zeichnung im Hintergrund des dargestellten Haftraumes zeigt ein Fahndungsplakat. Ob dies eher zufällig entstanden ist? IHS (oder JHS) als Kurzform des Namens Jesus kann man in Bibeln des Mittelalters oder als Ornament an Kirchen und auf Paramenten finden. Für jugendliche Inhaftierte ist diese keine verständliche Sprache. Das Wort Gottes muss inkulturiert  und in Lebenslagen übersetzt werden. Im Jugendgefängnis gibt es sehr oft genauso eine Kurzformel für bestimmte Dinge und Ereignisse. Es gibt hier inoffizielle und offizielle Regeln.

Ein Engel inmitten des Knastes

All dies finden die BetrachterInnen dieser Knast-Krippe. Die Wirklichkeit mit den vergitterten Fenster, den Haftraumtüren und dem Knastbett. Ein Engel stürmt herbei. Ein jugendlicher Arbeiter mit Sonnenbrille. Typisch für manche der  Jugendlichen. Sie wollen im Knast und draußen cool sein. Im Jugendvollzug sind jugendliche und junge Menschen inhaftiert, die Schuld auf sich geladen haben. Sie wurden für eine Gefängnisstrafe verurteilt. Alles andere als Engel, mag so mancher sagen. Doch die jungen Menschen haben eine lange Geschichte hinter sich. Auch wenn sie sich strafbar gemacht haben, ist ein guter Kern in einem jedem integriert, ist die Möglichkeit da, sein Leben neu zu gestalten. Besondern im Jugendvollzug steht Resozialisierung an erster Stelle.

Nach und nach sollen neue Figuren zur Kulisse dazukommen: Ein Bediensteter, kartenspielende Jungs auf einer Bank im Freistundenhof und natürlich Ochs und Esel. Der Stern von Bethlehem schlägt in die Kulisse des Haftraums und des Knastes ein. Weihnachten will so gar nicht zum Gefängnis passen und doch ist es für viele ein Fest ihrer Hoffnung und Sehnsucht. Wort Gottes hautnah und aktuell.

Michael King

 

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