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Die harte Realität der Weihnachtsgeschichte

Barocke Kunst in allen Zeiten kritisch hinterfragen
11. Oktober 2021

Zwei Tage war Rudi Bannwarth im Knast. Zwei Tage in der Justizvollzugsanstalt in Herford, Gefängnis für ca. 300 jugendliche Straftäter. Er hat mit einer Gruppe junger Inhaftierter geredet, ist durch die langen Gänge gegangen, vorbei an den massiven Türen. Als er das Gebäude mit den hohen Klinkermauern nach zwei Tagen verließ, „musste ich das erstmal verarbeiten“, sagt er. Aber er sagt auch: „Ich möchte diese beiden Tage nicht missen.“ Rudi Bannwarth schnitzt Krippen, Kunstwerke.


Gefängnisseelsorger Michael King berichtet über den Alltag in der Justizvollzugsanstalt Herford und warum die Weihnachtskrippe diese Wirklichkeit widerspiegelt:

Herr King, warum hat die JVA Herford eine neue Krippe für die Gefängniskirche erhalten?

Es ist wichtig, dass die jungen Menschen im Gefängnis merken, dass die Weihnachtsgeschichte, die Geburt von Jesus, etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Sie sollen sich darin wiederfinden. Das ist eine Geschichte, die oft mit dem heilen Weihnachten überhöht wird. Eigentlich handelt es sich um harte Realität. Dass Maria und Josef mit ihrem Kind fremd und ausgegrenzt sind und keine Wohnung haben: Solche Situationen kennen viele der jungen Menschen, die hier einsitzen. Auch sie haben keine Chance gehabt, so wie dieses Kind, das in Bethlehem unter erbärmlichen Bedingungen zur Welt gekommen ist. Damit können sie sich identifizieren. Sie können sehen, was mit dieser erbärmlichen Umgebung begonnen hat. Oft kommt die Frage: So soll Gott zur Welt gekommen sein? Dann könnte er ja auch bei mir, im Knast, zu Welt kommen. Das führt weiter zu der Frage: Gibt es überhaupt einen Gott?

Was können Sie darauf antworten?

Das ist nicht einfach. Die jungen Menschen stellen sich einen „Außengott“ vor. Einen Gott, den man anrufen kann, damit etwas geschieht. Nach dem Motto: Bitte lieber Gott mach, dass ich bald entlassen werde. Ich stehe für einen „Mitgeher-Gott“, eine Göttlichkeit, der dich begleitet, egal wohin du gehst. In den tiefsten Untiefen ist Gott da. Gott wohnt in dir, in jedem einzelnen von uns. Ein Außengott, der im Himmel sitzt und entscheidet, jetzt lassen wir diesen Menschen fallen und diesem helfen wir, der nimmt dir Verantwortung ab. Man kann sich sagen: Gott hat einen Plan für mich. Das ist mein Schicksal, ich entscheide nicht. Aber ist das so? Nein, ich habe es in der Hand, wie mein Leben verläuft und Gott begleitet mich, auch wenn ich mich schuldig mache.

Die neue Krippe ist fast deprimierend realistisch. Vor wem stammt der Entwurf?

Das waren die Jugendlichen. Die haben die Figuren vorgeschlagen. Der Stall ist in unserer Krippe ein Haftraum, in der ein Mensch sitzt, isoliert von der Welt. Auch dass die Kulisse der Justizvollzugsanstalt nachempfunden ist. Diese Realitätsnähe ist nicht ungewöhnlich. In Südamerika spiegeln die Krippen das Lebensumfeld oft wieder, auch Barockkrippen machen das. Man kann den Menschen nicht einfach etwas überstülpen. Es geht darum, wie ich mich und mein Leben dort wiederfinde.

Erreicht diese Botschaft die jungen Menschen?

Es geht sehr konkret und anschaulich. Viele Häftlinge beherrschen die deutsche Sprache nicht sehr gut. Wenn wir die Geschichten lebensnah erzählen, dann sind die Inhaftierten dabei. Das erlebe ich auch in Gottesdiensten. Wenn man die Bibel auf den Boden der Wirklichkeiten spiegelt, dann wird sie verstanden. Hier im Knast existieren nicht nur Gewalt und eine krasse Hierarchie, sondern hier geschieht immer wieder auch etwas Gutes. Jeder hat gute Seiten. Auch ein Mörder oder ein Sexualstraftäter. Wir können aber das, was die Häftlinge hierhin gebracht hat, nicht ausradieren. Das geht auch nicht weg, wenn man an Gott glaubt. Das ist einfach eine Realität. Damit muss sich jeder selbst auseinandersetzen.

Wann wissen Sie, dass sich etwas im Gegenüber verändert?

Wenn jemand plötzlich eine Erkenntnis, eine Einsicht hat, oder im Gespräch plötzlich anfängt zu weinen und seine Lebensgeschichte erzählt und sagt, ich habe so viel Schuld auf mich geladen. Oder wenn Beziehungen wieder gekittet werden können, wenn der junge Mann wieder Kontakt zu seiner alkoholkranken Mutter aufnimmt. Ich habe es erlebt, dass ein Häftling an der Bestattung seines Großvaters teilnehmen konnte. Das war sehr wichtig, weil der Großvater die Rolle des Vaters eingenommen hatte, wie das oft ist.

Einige Häftlinge kommen irgendwann zurück in den Knast?

Bis zu 80 Prozent landen irgendwann wieder hier. Es ist klar, dass das Gefängnis die Menschen nicht verändert. Aber ich glaube schon, dass die Gespräche etwas bewirken. Es ist wichtig, dass sie sich überhaupt auf ein Gespräch einlassen. Es ist ein Anfang.

Interview mit dem Gefängnisseelsorger der JVA Herford

 

Eine Krippe steht im Bayerischen Nationalmuseum, auch andere Museen haben sich Krippen von Rudi Bannwarth gesichert. Er hat Preise für seine Krippen erhalten, unter anderem den Europäischen Gestaltungspreis für Holzbildhauer und den Bischof Heinrich-Tenhumberg-Preis für das sozialkritische Anliegen, für das die Arbeiten von Rudi Bannwarth immer stehen. Das Besondere an den Krippen von Rudi Bannwarth ist nicht nur die Kunstfertigkeit, mit der er sie geschnitzt hat, sondern die Kompromisslosigkeit, mit er die Weihnachtsgeschichte in die Gegenwart übersetzt. Von Rudi Bannwarth gibt es Baustellen- und Tankstellenkrippen, in einer Krippe spielen die barttragenden Musiker der US-Band ZZ Top ihren Bluesrock. Und es gibt die Knastkrippen. Die erste wurde 2020 in der JVA Karlsruhe aufgestellt, die zweite wird in diesem Jahr zum ersten Mal in der JVA Herford zu sehen sein.

Rudi Bannwarth lebt in Ettlingen, einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg unweit von Karlsruhe. Er ist Schreiner und ist seit 30 Jahren selbst Holzbildhauer. Ettlingen sei ein idyllischer Ort, sagt er. Vielleicht musste er sich der Realität so aussetzten wie in der JVA Herford, damit seine Arbeit so schmerzhaft authentisch werden kann, wie er das will. „Gott wird Mensch in unserer Lebenswirklichkeit“, sagt Rudi Bannwarth. Also zeigt er die Lebenswirklichkeit. Auch die Krippe in Herford ist kein erbauliches, auch kein tröstendes Krippenbild. Das war auch die Knastkrippe in Karlsruhe nicht, aber die Krippe in Herford scheint noch einwenig dunkler zu sein. Der jugendliche Strafgefangene sitzt im Haftraum, umgeben von seinem Großvater und seiner Mutter. Hoffnungslosigkeit prägt die Szenerie. Hohe Mauern und Stacheldrahtzäune bilden den Rahmen der Krippe. Hinter dem Jungen zeigt ein Graffiti einen Männerkopf mit langen Haaren und Bart – Jesus? – das einzige, vergitterte, Fenster ist verdunkelt.

Rudi Bannwerth hat sich in Herford erzählen lassen, dass die Jugendlichen schwarze Tücher vor die Zellenfenster hängen, wenn draußen die Sonne scheint. Das Licht soll sie nicht daran erinnern, wie schön es draußen ist. Ein freiwilliger Rückzug in eine finstere Höhle, allein in einer Welt von Gewalt und Hierarchie – kaum vorstellbar, was hier neu beginnen soll. Die meisten Jugendlichen werden nach ihrer Entlassung wieder straffällig und kehren zurück. Wäre es auch Jesus an diesem Ort so ergangen?

Die Krippe in Herford kann ausgebaut werden. „Krippen wie diese entstehen immer über Jahre“, sagt der Künstler. In der aktuellen Krippe stehen der Großvater und die Mutter beim Jungen – „einen Vater kennen die meisten jugendlichen Straftäter nicht“, sagt Rudi Bannwarth. „Die Frauen sind alleingelassen mit der Erziehung der Kinder. Deshalb ist für alle der Großvater so wichtig.“ In der Krippe gibt es aber auch einen Engel, der die Verkündigung bringt. Er ist weiß und in Latzhose und wirkt fast ein wenig unheimlich, weil er nicht einzuordnen ist: gut oder schlecht, empathisch oder empfindungslos?

Glänzend und ein Zeichen der Hoffnung in dieser Szenerie ist nur der Stern von Bethlehem, der in vielen Bannwarth-Krippen den Rahmen sprengt. Im Knast in Herford sieht es aus, als hätte sich der Stern in das Mauerwerk gebohrt. Ein Strahl dringt bis in den Gang des Gefängnisses vor, der Rest des Sterns steckt fest, hinter Stacheldraht und dicken Mauern. Vielleicht reißt er doch noch Löcher in diese Wände. Irgendwann. Man wird es sehen.

Karl-Martin Flüter | Aus: Magazin Fritz, Pastoraler Raum Wittekindsland

 

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