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Die Brücke in Mostar, die trennt und verbindet

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Reportage von n-ost-Korrespondent Krsto Lazarevic, Mostar.

Einst verband die alte Brücke in Mostar das osmanische Reich mit Westeuropa. Heute trennt sie die Stadt in einen kroatischen Westen und einen bosniakischen Osten. Aktivisten in einem Kulturzentrum wollen die Trennung beenden, nationalistische Hooligans kämpfen dafür, dass sie bestehen bleibt. Sie handelt von Menschen, die trotz widriger Umstände und Konflikte im Osten Europas auf Verständigung setzen und aufeinander zugehen – aber auch über solche, die scheinbar kapituliert haben.

Touristen aus aller Welt haben ihre Smartphones gezückt. Sie warten darauf, dass der junge Mann mit dem durchtrainierten Oberkörper und der Speedo-Badehose von dem 26 Meter hohen Stari Most in die smaragdgrüne Neretva springt, den Fluss unter ihm. Er macht sich bereit, dehnt sich und dann – doch nicht. 30 Euro haben seine Kollegen erst gesammelt. Es müssten schon zwischen 50 bis 100 Euro zusammenkommen, bevor er springt. Also wird erst mal weiterhin Geld bei den Touristen eingeholt.

Brücke für den Sprung in die Tiefe

Schon seit dem 17. Jahrhundert wagen junge und übermütige Männer in Mostar den Sprung in die Tiefe. Fertiggestellt wurde die Brücke 1566 von den Osmanen. Die ersten Jahrhunderte herrschte rechts und links des Stari Most meist Frieden, bis das 20. Jahrhundert zwei Weltkriege brachte und die Brücke am 9. November 1993 von Einheiten der bosnischen Kroaten zerstört wurde. Der für die Zerstörung verantwortliche General Slobodan Praljak wurde in Den Haag vergangenen November zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und entzog sich seiner Strafe, indem er sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit vergiftete und starb. Die meisten Touristen interessieren sich dafür nur am Rande. Sie genießen die Sonne in einem der heißesten Orte Europas und warten auf den Sprung.

Die Stadt Mostar entstand um die Brücke herum, nach der sie benannt ist. Im sozialistischen Jugoslawien galt der Stari Most als Symbol für „Brüderlichkeit und Einheit“, für die Verbindung zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum und innerhalb des Christentums auch als Brücke zwischen Katholiken und Orthodoxen. Im Bosnienkrieg wurden auch diese nicht steinernen Brücken zerstört – physisch also und zwischen den Menschen. Einst lebten hier Muslime, Serben und Kroaten friedlich zusammen. Der Wiederaufbau der Brücke nach dem Krieg sollte ein Symbol für den Wiederaufbau eines multikulturellen und multireligiösen Bosnien-Herzegowina werden, doch die Stadt ist geteilt. Westlich der Brücke leben katholische Kroaten, östlich der Brücke muslimische Bosniaken.


Schon die Kinder werden nach Herkunft getrennt

Aldina baut morgens ihren Souvenirstand in der Altstadt von Mostar auf. Sie verkauft selbstgeschnitzte Stücke aus Holz, um ihr Gehalt aufzubessern. Aldina ist Anfang 30, trägt Pilotenbrille und hat ihre langen braunen Haare zu einem Zopf gebunden. „Ich bin Bosniakin, mein Mann Robi Kroate“, sagt sie. „Zumindest sehen die Menschen hier das so. Uns sind Religion und Nationalität egal.“ Die Souvenirs von Aldina heben sich von den Produkten der anderen Stände ab. Auf die Magneten für drei und den Schatullen für sechs Euro hat sie feministische und antinationalistische Symbole und Parolen geschnitzt. Sie wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Interreligiöse Beziehungen sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Nun wird unser Sohn eingeschult und wir müssen uns entscheiden, ob er in eine bosnische oder kroatische Schule gehen soll. Das ganze System zwingt uns diese Trennung auf und wir können nichts dagegen tun.“

In Bosnien-Herzegowina gibt es getrennte Schulen. Die Kinder werden nach Ethnie und Religion getrennt. Die bosnischen Kroaten lernen in ihren Klassen mit Büchern aus Kroatien. Vor allem die Inhalte über die jüngere Geschichte unterscheiden sich stark von denen in bosniakischen Schulen. Aldina sagt: „Es gibt in unserer Nähe keine Grundschule, wo alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Wir wollen diese Trennung nicht, aber wir müssen unseren Sohn eben auf eine Schule schicken.“ Mostar war die Stadt mit den meisten interreligiösen Ehen im ehemaligen Jugoslawien. Heute werden Menschen in interreligiösen und interethnischen Beziehungen zur Wahl gezwungen, ob sie ihre Kinder als Bosniaken oder Kroaten zur Schule schicken. Auch wenn Menschen wie Aldina und ihr Mann diese Trennung strikt ablehnen. Sie ist eigentlich Journalistin und Aktivistin im Kulturzentrum Abrasevic. Sie empfiehlt, sich den Ort anzuschauen, wenn man wissen möchte was passieren muss, damit Mostar und Bosnien-Herzegowina wieder zusammenwachsen.

Ein Kulturzentrum als neue Brücke

Das Abrasevic liegt an der unsichtbaren Grenze, die Kroaten und Bosniaken trennt. Es besteht aus mehreren Gebäuden, von denen eines noch mit Einschusslöchern übersät ist. Im Bosnienkrieg verlief genau hier die Frontlinie. Ausgerechnet von dieser Stelle aus versuchen Menschen die Trennung der Stadt und des Landes zu überwinden. Jeder hier kennt Hussein, der wirkt wie ein Berufsjugendlicher, aber schon Mitte 40 ist. Er trägt ein Cappy, die sein grau werdendes Haar verdeckt und einen blauen Hoody. Er war schon vor dem Krieg in dem Kulturzentrum aktiv und hat direkt nach dem Krieg dabei geholfen, es wieder aufzubauen. „Alles was du in Bosnien-Herzegowina anfasst, ist bosniakisch, kroatisch oder serbisch,“ erklärt Hussein die Teilung des Landes. „Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der nicht alles nach Nationalität und Religion getrennt ist, in der es darum geht, was für ein Mensch jemand ist und nicht ob er Katholik, Muslim oder Atheist ist.“

Das Abrasevic ist ein selbstverwaltetes Kulturzentrum. Sie arbeiten mit Siebdruck, reparieren Fahrräder, organisieren Konzerte und engagieren sich gegen Nationalismus. Hussein rückt sein Cappy zurecht und sagt: „Heute sind wir die Brücke in dieser Stadt, die die Menschen zusammenbringt. Hier kommen Menschen aus beiden Teilen zusammen und definieren sich über Kultur und gemeinsame Interessen, nicht über ihre Nationalität.“ An der Trennung des Landes gibt Hussein den Politikern die Schuld. Diese würden von der Teilung profitieren, mit dieser mobilisieren und deswegen an ihr festhalten. Mehr lesen… (Renovabis)

Fotos: Michael King

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