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Lebenslänglich: Sprechen ÜBER jemanden, den man nicht kennt

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„Ich habe lebenslänglich!“ sagte vor einigen Jahren ein Missbrauchsopfer in einer Dokumentation im Radio. Mir trieb das beim Hören Tränen in die Augen. Das unsägliche Leid dieses Menschen und aller Missbrauchten. Seitdem hat sich dieses Wort in mir eingebrannt. „Lebenslänglich.“ In zahlreichen Gesprächen mit queeren Menschen, die „kirchennah“ groß geworden sind, sowie bei mir selbst nehme ich wahr: Ich kann das genau so sagen. Lebenslänglich.

#OutInChurch hat viel Aufsehen erregt, die Dokumentation in der ARD „Wie Gott uns schuf“ ebenso. Manche Teilnehmende erleben in den Wochen danach etwas, was jemand dieser Tage „Retraumatisierung“ nannte. Ein großes Wort, ebenso wie lebenslänglich. Und ich füge hinzu: queere Menschen sind vielleicht nicht durch einzelne konkrete Menschen missbraucht (wobei es das auch gibt), sie sind durch das ganze System missbraucht. Das System, die kirchliche Lehre gibt ihnen bis heute zu verstehen: Du bist objektiv nicht in Ordnung, man möge dir mit Mitleid begegnen. Allein die Tatsache, dass zwei Frauen oder zwei Männern eine kirchliche Hochzeit untersagt ist, ist nichts anderes als Diskriminierung und die Verweigerung des Systems, dazuzulernen. Ich habe mich vor mehr als drei Jahren geoutet. Das bedeutet 52 Jahre Leben in Angst, „aufzufliegen“ in einer Institution, deren Oberhaupt untersagt, „Männern mit tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen“ zu weihen. Es bedeutet groß zu werden in einem Umfeld, das Homosexualität ablehnt, Sexualität generell.

Gespräch auf dem Katholikentag in Münster 2018.

Systemischer Missbrauch

Ein Kollege, Wolgang Metz, bringt es in seinem Buch „Notwendige Unruhe: Über Kirche, Sexualität und Freiheit“ ins Wort, wie Ausbildung in den Priesterseminaren noch um die Jahrtausendwende funktionierte etwa hinsichtlich des Zölibates : „Weder wurde gesagt: „Ihr dürft nicht masturbieren“ noch: „Ihr dürft es“. Ein Mitbruder sagte mal: Ja, man sollte nicht, aber wenn es dann doch passiert, ist es auch nicht so schlimm. Äh… danke für das Gespräch. Dafür gab es aber hübsche Worte wie „integrierte Sexualität“ oder „die eigene Bedürftigkeit kennen und mit ihr umgehen“. Ergebnis: Ein Haufen junger Männer, die versuchen, ihre Sexualität zu überwinden. Im besten Fall wegzusetzen oder wegzujoggen. Im schlechtesten Fall wegzutrinken oder Schlimmeres. Gar nicht zu reden von der miesen Laune, die viele davon an den Tag legen, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes unbefriedigt sind oder es nicht sind und deswegen ein schlechtes Gewissen haben und sich selbst nicht mögen.“ Das immer noch unmögliche ehrliche Gespräch über Sexualität in der Kirche, über die Zölibatsverpflichtung für Priester, die man in diesen Fragen schlicht und einfach im Regen stehen lässt, ist systemischer Missbrauch an all jenen, die Kirche und kirchliche Lehre und Autoritäten noch irgendwie versuchen, Ernstzunehmen.

Belastende und angespannte Situation?

Diejenigen, die immerzu sagen „Aber es gilt das Zölibat“, diejenigen, die Homosexualität anders behandeln als Heterosexualität, sind nicht bereit, nicht in der Lage, vor allem nicht willens, sich die Leidensgeschichten queerer Menschen auch nur anzuhören. Es interessiert einfach nicht. Als jetzt wieder durch die Medien die Leidensgeschichte von Karin Weißenfels (Pseudonym) ging, deren Klarnamen Bischof Ackermann preisgegebnen hat, die seit 20 (!) Jahren darum ringt, dass man ihr zuhört, dass ihre Verwundungen heilen können, dass das Leid, das ihr durch Priester zugefügt wurde, wenigstens gesehen und ernstgenommen wird, dachte ich mir: System Kirche. Dem System sind einzelne Menschen egal. „Das System“ will von ihnen gar nicht wissen.

Anfang März bekamen alle Kleriker im Erzbistum Paderborn einen Brief, vom Erzbischof und dem Geschäftsführenden Vorsitzenden des Priesterrates unterschrieben, beginnend mit „im Priesterrat haben wir uns ausführlich mit den Auswirkungen der Missbrauchsstudien, der #OutInChurch-Initiative und anderer Themen in der Öffentlichkeit für die Priester und Diakone befasst.“ Diese Themen „hatten eine belastende und angespannte Situation entstehen lassen“, die zum Auslöser des Schreibens wird, das dann allen ans Herz legt, „noch intensiver und ehrlich ins Gespräch zu kommen“. Ich habe noch am selben Tag beiden Unterzeichnenden in einem langen und persönlichen Brief geantwortet, dass ich nicht verstehe, wie die Auswirkungen der Missbrauchsstudien und von #OutInChurch derartig unreflektiert in einen Topf geworfen werden können; ich habe angeknüpft an den Satz des ins Gespräch kommen Wollens und angefragt, was denn bislang an Gesprächen unehrlich war, und ob es nicht so ist, das Gespräche unehrlich sind, wenn Vertreter der Bistumsleitung oder der Bischof selbst zugegen sind, zumindest, wenn es um das Thema Zölibat geht, da Verstöße (zählt die eben von Wolfgang Metz genannte Masturbation dazu?) gegen das Zölibat sofort die Konsequenz der Suspendierung nach sich ziehen.

Werbung für den Priesterberuf: Plakatierung unter einer Brücke in Münster.

Noch intensiver sprechen?

Vier Wochen später warte ich immer noch auf eine Antwort auf ein Schreiben, das eine Einladung zum ehrlichen Gespräch darstellen sollte. (sollte es wirklich: Ich befürchte jetzt: Nein!) Es gibt keine wirkliche Hörbereitschaft. Noch gestern abend äußerte eine ehemalige Kollegin in einer digitalen Konferenz ihren Schmerz und erneut aufbrechende Depressionen, die sie eigentlich glaubte, im Griff gehabt zu haben. Spätestens wenn die Herren irgendetwas Violettes an sich tragen, interessiert sie nicht mehr, was diese Lehre, der sie sich durch ihr Violett immer tiefer verschreiben, an Menschenleben zerstört, an Selbstablehnung fördert, an seelischem Leid hervorruft. Lebenslänglich! Da rufen all die queerfreundlichen Beteuerungen der Generalvikare und mancher Bischöfe eher Leid hervor, als dass sie es mindern, weil die Haltung nicht überzeugt, weil es keine Aufarbeitung der Schuldgeschichte gibt. Weil man eher dem öffentlichen Druck nachgeht. Wäre es nicht wenigstens ein Anfang von Dialog, die Diözesanbischöfe würden ausdrücklich queere Menschen, queere Mitarbeitende, Mitwirkende der Doku oder von #OutInChurch zum Gespräch einladen und zuhören, nicht 45 Minuten, einen Tag lang – als Auftakt? Kommt dieses queerfreundliche Gerede nicht deshalb wenig überzeugend an, weil es die Leiden der Menschen, ÜBER die man spricht, nicht kennt?

„Wir sind kein Thema“ sagte jemand. Richtig. Solange wir wie ein Thema behandelt werden, über das man unbeteiligt spricht (denn kein Bischof kann bislang aus eigener Erfahrung darüber reden, weil es ja keine schwulen Bischöfe gibt…), sind wir Objekt. Was geistlicher Missbrauch bedeutet, wird viel zu wenig gesehen. Und die Folgen geistlichen Missbrauches sind ähnlich denen des körperlichen: Verdrängen, Scham, Einsamkeit, Selbsthass, Depressionen, Suizidgedanken, eine körperliche Gebrochenheit, immer neu aufbrechende Wunden durch die Erzählungen anderer Missbrauchten.

Bernd Mönkebüscher

 

1 Kommentar

  1. Mönkebüscher sagt:

    Im Buch „Riskierte Berufung – ambitionierter Beruf, Hrg. Dessoy, Klasvogt, Knop) formuliert Professor Christop Jacobs (Bruder des geschäftsführenden Vorsitzenden des Priesterrates, den ich im Artikel erwähnte mit dem Signal: Wir müssen ehrlich reden, und ein Antwortschreiben ist mehr als 4 Wochen unbeantwortet), ausgehend von der „Deutschen Seelsorgestudie 2012-2014) 12 Thesen zum Gestaltwandel priesterlicher Identität auf der Basis der genannten Studie.

    In These 2 der insgesamt 12 Thesen (die der Diskussion bedürfen, fragt sich wo und wie…) schreibt er mit Blick auf das Zölibat: „Die Mehrheit der Priester ist mit ihrem Leben wirklich zufrieden.“ Die, die mit der zölibatären Lebensform nicht glücklich sind, immerhin wird diese Gruppe eine große genannt, seien erhöht labil, und hätten geringere berufliche und spirituelle Power… (selbst schuld?).

    In These 7: „Die gesamte Gruppe der Seelsorgenden scheint im Vergleich zu den direkten Vergleichsstichproben schlechtere Gesundheitswerte zu haben“: deutlich mehr übergewichtige und adipöse Personen, auffällig hoher täglicher Konsum von alkoholischen Getränken (ich werfe rasch ein: Die Mehrheit der Priester ist mit ihrem Leben wirklich zufrieden) im Vergleich zur Normalstichprobe, Mangel an Bewegung und körperlicher Aktivität.

    Hier lernen wir schwarz auf weiß, wie Sublimieren, das allen Priester-Studierenden angepriesen wurde (vgl. im Artikel das Zitat von Wolfgang Metz) „gelingt“.

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