parallax background

Es gibt Kaffee oder Tee in der Knastkirche

Was heißt im Gefängnis eingesperrt zu sein?
5. Juni 2019
Bei Inklusion spielen Seelsorger wichtige Rolle
5. September 2019

Irgendjemand sagt einmal so oder so ähnlich: „Seelsorge im Knast besteht aus den drei K-Buchstaben: Kippe, Kerze und Kaffee“. In vielen Justizvollzugsanstalten gibt es eigens dafür spezielle Tassen. Für Leihtabak geben sich die Seelsorgenden allerdings nicht (mehr) her und Kerzen sind aus Brandschutzgründen in Hafträumen verboten. Kaffee, Cappuccino oder Tee gehören für seelsorgerliche Gespräch dagegen zum “Standard”. Davon kann Tobias Schulte berichten, der für die Online-Plattform You Pax ins Gefängnis geht. Was er während seines Besuchs in der Justizvollzugsanstalt erlebt hat und welche Lebensgeschichten die Häftlinge Gustav und Michael dorthin führten, lesen Sie hier.

Es war wie bei Monopoly. Ich war einen Tag im Gefängnis, aber nur zu Besuch. Ich habe über eine Stunde zwei Häftlingen interviewt, war bei einem Café für neu angekommene Jugendliche in der JVA Herford dabei und habe mit Gefängnisseelsorger Michael King gesprochen. Voller Begeisterung, eine coole Geschichte  zu schreiben, stehe ich vor dem Eingangstor der JVA Herford. Ich zeige meinen Perso vor, schließe mein Smartphone ein und werde vom katholischen Gefängnisseelsorger Michael King begrüßt.

Der sogenannte “Spiegel” der JVA Herford. Hier rücken die Gefangenen zur Arbeit und Freistunde aus.

Nur kein Small Talk

Mulmig wird mir recht schnell, als King die ersten Türen öffnet und mich durch die JVA führt. Ich gehe an Häftlingen im Blaumann vorbei, die Blumenbeete neu bestücken. Ich traue mich kaum, Augenkontakt aufzunehmen. Am Nachmittag veranstalten die Seelsorger King und Thünemann ein Café für Neuankömmlinge in der JVA. Sie klopfen an die Türen der Häftlinge und schließen ihre Zelle auf. Nach und nach kommen sechs Jugendliche raus, viele haben strubbelige oder fettige Haare und wirken müde. „Hab ja eh nichts zu tun“, begründet einer, als er mitkommt. Ich stehe kurzzeitig mit den Häftlingen allein auf dem Flur. Ich verschränke die Arme und traue mich nicht, ein Gespräch anzufangen. „Bloß kein Small Talk, das könnte schlecht rüberkommen“, denke ich mir und frage mich, warum mir die Situation so unangenehm ist. Keiner der Jugendlichen wirkt böse oder wie ein Straftäter auf mich.

Wir gehen in die Kirche, trinken Kaffee oder Tee und stellen uns kurz gegenseitig vor. Einer der Häftlinge lacht oft, wirkt nett, reflektiert. Er erzählt, dass er nach Herford verlegt wurde, weil er in einem anderen Knast Scheiße gebaut habe. Was er gemacht hat, will er nicht sagen, weil er sich selbst am meisten darüber ärgert. So wie ihm könnte ich jedem in der Runde vom Aussehen oder Verhalten her eine Person in meinem Bekanntenkreis zuordnen, an die er mich erinnert. Als ich im Anschluss an das Zugangscafé mit Michael King über meine Eindrücke spreche, antwortet er: „Es ist immer wieder erstaunlich, wie Jugendliche in Situationen reinrutschen und Straftaten begehen, ohne wirklich etwas dagegen tun zu können.“ Nach dem Zugangscafé spreche ich noch mit den Gefangenen Gustav und Michael, die schon seit mehreren Jahren in der JVA sitzen. Beide antworten mir total offen auf meine Fragen. Sie interessieren sich, was ich mache und wofür der Bericht ist. Ich bin so ins Mitschreiben auf dem Laptop vertieft, dass mir die Situation wie jedes andere Interview vorkommt.

Vielschichtige Emotionen nach Besuch

Ich verlasse die JVA relativ emotionsfrei, denke erst mal nur an den nächsten Regionalexpress, den ich erreichen will. Später am Abend packen mich die Eindrücke aus dem Knast. Es ist bedrückend, an die Häftlinge, ihre Straftaten und ihr einsames Leben im Gefängnis zu denken. Besonders Gustav und Michael beschäftigen mich, tun mir fast schon leid. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die beiden einen Menschen umgebracht haben bzw. das versuchten. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass so schlimme Taten bestraft werden müssen.

Wie nach keinem anderen Interview hatte ich das Verlangen, Zuhause und in der Uni von meinen Erlebnissen im Gefängnis zu erzählen. Und wie nach keinem anderen Termin war ich dankbar, dass Gott mir so viele Möglichkeiten gegeben hat, dass meine Eltern mich immer unterstützen und dass ich viel Spaß mit meinen Freunden habe. Wenn ich das nächste Mal emotional wie im Gefängnis gefangen bin, lassen sie mich einen Pasch würfeln.

Tobias Schulte | You Pax

 

Kommentar (1)

  1. Klein sagt:

    Einige der Tassen aus der JVA kann man auf dem Kirchentag in Dortmund gegen eine Spende am Stand der Evangelischen Gefängnisseelsorge erwerben. Der Erlös wird für die seelsorgerliche Arbeit mit inhaftierten jungen Frauen in der JVA Iserlohn verwendet. Deren Anteil liegt gegenüber den jugendlichen Männern in Nordrhein-Westfalen bei nur 3 %.

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.