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Islamwissenschaftler für den Justizvollzug tätig

Orientalischer Abend in der JVA Kirche gestaltet
28. Juli 2020

Ein muslimisch religiöser Betreuer im Gespräch mit einem Gefangenen bei der interreligiösen Ausstellung “Weltethos” in der JVA Herford.

IslamwissenschaftlerIn in der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen erforschen seit 2016 die Gefahren einer möglichen Radikalisierung von Gefangenen und entwickeln Konzepte und Lösungen, wie Gefangene muslimischen Glaubens noch besser in den Haftalltag und in die Gesellschaft integriert werden können. Dadurch kann einer Radikalisierung auch in der Zeit nach der Inhaftierung vorgebeugt werden. Das von dem Ministerium der Justiz NRW neu eingerichtete Zentrum für Interkulturelle Kompetenz der Justiz NRW (ZIK) unterstützt die Arbeit der Islamwissenschaftler, die an der JVA Remscheid angesiedelt sind.

Der Kern der Arbeit der Islamwissenschaftler ist Präventionsarbeit: Wie kann verhindert werden, dass Gefangene für radikale Ideen empfänglich werden? Wie werden die Werte unserer Gesellschaft überzeugend vermittelt? Ein wichtiger Ansatz in den 36 Gefängnissen in Nordrhein-Westfalen ist die Präventionsarbeit in den Justizvollzugsanstalten. Der Islamwissenschaftler Mustafa Doymuş vom Zentrum für Interkulturelle Kompetenz in Essen sagte bei einer Podiumsdiskussion in der JVA Düsseldorf: „Wir haben keine Hinweise, dass sich Gefangene in der Haft radikalisiert haben.“ Wer radikale Ansichten habe, habe vorher schon Bezug zur Szene gehabt, so der Islamforscher. Doymuş hat eine von 45 Planstellen für Integrationsfragen beim Land. Zu seinen Aufgaben gehören das Justizpersonal zu schulen und für radikale Tendenzen und den Islam zu sensibilisieren.

1 . Präventionsarbeit im Justizvollzug

Vermeidung von Konflikten im Haftalltag und respektvoller gegenseitiger Umgang

Einige muslimische Gefangene stammen aus Herkunftsländern, in denen sie ein stark autoritäres Verhalten der Sicherheitskräfte gewohnt sind und negative Erfahrungen mit der Staatsmacht gemacht haben. Sie erfahren im Justizvollzug in NRW einen respektvollen Umgang, bei dem die Bediensteten die jeweilige kulturelle Herkunft und religiöse Prägung mitberücksichtigen. Andererseits müssen die Gefangenen die Regeln im Justizvollzug selbstverständlich einhalten. Diskriminierendes Verhalten jeglicher Art (z.B. Frauen gegenüber) wird nicht toleriert, und mit Drohungen oder Erpressungen erreichen sie ebenfalls nichts. Klare Regeln und respektvoller Umgang vermeiden nicht nur Konflikte und Missverständnisse, sondern schaffen Vertrauen und verschaffen Zugang zu den Gefangenen.

Wissensvermittlung an Bedienstete

Damit die Bediensteten kulturelle oder religiöse Besonderheiten der jeweiligen Gefangenengruppe einschätzen können, werden alle Bediensteten im Justizvollzug von den Islamwissenschaftlern geschult:

  • Was schreibt der Glauben Muslimen vor, und wo wird er nur als Mittel zum Zweck vorgeschoben?
  • Welche Strömungen im Islam gibt es?
  • Was sind extremistische Auslegungen des Korans?
  • Was ist bei betenden Gefangenen oder der Haftraumkontrolle zu beachten?

Die Islamwissenschaftler haben seit Aufnahme ihrer Arbeit im Justizvollzug bereits knapp tausend Bedienstete geschult. Die Bediensteten gewinnen Sicherheit und Erfahrung im Umgang mit muslimischen Gefangenen, was ihnen die tägliche Arbeit erleichtert.

Wertevermittlung: Aufklärung / Bildung

Viele muslimische Gefangene sind religiöse Analphabeten und wissen nicht, was Inhalt ihrer Religion ist. Den Gefangenen wird in Einzel- und Gruppenangeboten vermittelt, dass der Islam eine friedliche Religion ist und jede Form von Gewalt einen Irrweg darstellt. Neben dieser religiösen Aufklärung werden die Werte von Demokratie und Rechtsstaat vermittelt und Vorurteile gegenüber anderen abgebaut. Gefangene lernen in Gruppen, sich mit anderen Gefangenen zu gesellschafts -politischen Fragen auszutauschen, sich eine Meinung zu bilden und Position zu beziehen.

Andererseits geht es darum, die Ansichten und Werte anderer zu tolerieren. In den Angeboten, in denen Gefangene anderer Gruppen einbezogen werden können, werden Rede- und Meinungsfreiheit eingeübt, das Selbstvertrauen gestärkt und Toleranz gegenüber anderen geschult.

 

 


Stärkung ehrenamtlichen Engagements der muslimischen Gemeinden im Justizvollzug

Die Gefangenen wollen reden und brauchen einen Raum dafür. Sie wollen ihre Geschichte mitteilen und andere an ihrem persönlichen Schicksal teilnehmen lassen. Deshalb sind sie in der Haft für Präventionsarbeit erreichbar! Neben den Gruppen- und Einzelangeboten von Bediensteten werden aus dem Kreis der jeweiligen muslimischen Gemeinde ehrenamtliche MitarbeiterInnen gewonnen, die in einen Dialog mit den Gefangenen eintreten und ihnen ein Vorbild für eine gelungene Integration in die Gesellschaft sind. Mit ihnen können sich die Gefangenen über ihre persönliche Situation, aber auch zu religiösen Fragestellungen austauschen.

Religionsbetreuung Gefangener

An dieser Stelle sollte deutlich betont werden, dass der Bereich der „Prävention“ zunächst einmal klar abgegrenzt werden muss vom Bereich der „Religionsbetreuung/Seelsorge“. Selbst wenn vernünftige ReligionsbetreuerInnen indirekt präventiv wirksam sind, gehört „Religionsbetreuung/Seelsorge“ bekanntlich zur Religionsfreiheit, die ja auch im Justizvollzug gewährleistet wird (mit den üblichen vollzuglichen Einschränkungen). In den muslimischen Gemeinschaften und bei den Moscheevereinen Deutschlands wächst erst langsam das Bewusstsein, dass es mittlerweile einen Bedarf an speziell ausgebildeten muslimischen GefängnisseelsorgerInnen gibt, deren Ausbildung sich hierzulande erst gerade noch entwickelt und deren rechtliche Rahmenbedingungen sich erst noch entwickeln müssen. Daher bezeichnet der Begriff „Islamische Seelsorge“ das mittelfristige Ziel, und nicht den Istzustand. Viele Gefangene haben ein Bedürfnis nach religiöser Unterweisung und nach einem Gesprächspartner, mit dem sie religiöse Fragen zu ihrer privaten Lebensführung in vertrauten Gesprächen erörtern können. Die Islamwissenschaftler beraten über die mögliche Kontaktaufnahme mit Moscheevereinen und Migrantenselbstorganisationen. Sie werben für die Bedeutung der Religionsbetreuung für muslimische Gefangene und beraten die Anstalten bei der Auswahl der muslimischen ReligionsbetreuerInnen.

2 . Einschätzung Radikalisierungpotential

Gemeinsam mit den Justizvollzugsbediensteten und den Integrationsbeauftragten identifizieren die Islamwissenschaftler Gefangene, die Radikalisierungspotential haben. Das Augenmerk richtet sich hier vor allem auf jugendliche und heranwachsende Gefangene, so dass insbesondere die fünf Anstalten des Jugendstrafvollzugs in die Arbeit der Islamwissenschaftler einbezogen werden. Letztere entwickeln – gemeinsam mit
den Integrationsbeauftragten – Maßnahmen, um jungen Gefangenen Orientierung zu geben und bei Radikalisierungsgefährdeten ein Nachdenken und Umdenken zu bewegen. Damit die Bediensteten vor Ort eine qualifizierte Einschätzung über einen Gefangenen abgeben können, werden sie von den Islamwissenschaftlern darin geschult, Radikalisierungstendenzen zu erkennen: Ist der Gefangene stabil oder orientierungslos? Ist er für radikale Lehren aufgeschlossen bzw. sucht er die Nähe zu gefährlichen Strömungen? In Einzelfällen gehen die Islamwissenschaftler in die Anstalten und sprechen mit den Gefangenen, die ein auffälliges Islamverständnis zeigen.

3 . Umgang mit radikalisierten Gefangenen

Nur ein sehr kleiner Teil der Gefangenen kann als radikal eingestuft werden. Sie befinden sich wegen (mutmaßlicher) terroristischer Straftaten in Straf- oder Untersuchungshaft und werden nicht mit anderen Gefangenen zusammengelegt. Sie stehen unter ständiger Beobachtung der Bediensteten. Kontakte werden überwacht und die Freistunde getrennt von den anderen Gefangenen durchgeführt. Für den Justizvollzug arbeiten die Islamwissenschaftler an einem eigenen Programm zur Deradikalisierung von Extremisten. Dazu zählen u.a. mit Psychologen abgestimmte, spezielle Behandlungsprogramme. Einige Extremisten sind als „Mitläufer“ einzustufen, die sich oft aus Orientierungslosigkeit dem IS oder anderen Terrororganisationen angeschlossen haben. Sie distanzieren sich im Justizvollzug häufig von ihren einstigen extremistischen Ansichten und können erfolgreich in Aussteigerprogramme vermittelt werden.

4 . Allgemeine Beratung von Bediensteten

Aufgrund ihrer sprachlichen Fähigkeiten können die Islamwissenschaftler die Justizvollzugsbediensteten darin unterstützen, bei Haftraumkontrollen aufgefallene (arabische, türkische oder kurdische) Texte einzuschätzen. Dazu gehören auch die Einschätzung von religiösen Texten (u.a. Koranübersetzungen) und Autoren, von (religiösen) Symbolen sowie Unterstützung bei der Einschätzung, ob das Verhalten eines aufgefallenen Gefangenen auf religiöse Einstellungen, kulturelle Prägung oder auf individuelle Persönlichkeit und Erfahrungen zurückzuführen ist.

Mustafa Doymuş

 

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