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In 45 Minuten zum Weltethos

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Von Hartmut Horstmann, Herforder Kreisblatt.

Etwa 40 Prozent der Gefangenen, die in der JVA an christlichen Gottesdiensten teilnehmen, sind Muslime. Das Miteinander erhält so einen religiösen Ort – passend zur Ausstellung Weltethos. Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus: Um diese Weltreligionen geht es schwerpunktmäßig in der Ausstellung, die über drei Wochen in der JVA-Kirche “offiziell” zu sehen war. Einige der Häftlinge sind zu Guides ausgebildet worden, um über die jeweiligen Religionen informieren zu können.

Dabei werden die Teilnehmer auch mit Fragen konfrontiert, die mit aktuellen gesellschaftlichen Themen oder ihrer persönlichen Situation zu tun haben. So steht auf einem Zettel „Gewalt hinter Gittern” geschrieben und einer der Guides räumt ein: „Im Gefängnis gibt es viel Gewalt.“ Bei der zweiten Station, die vom Christentum handelt, fragt der Guide: „Wo würde Jesus heute hingehen?“ Einer der Gefangenen sagt: „Vielleicht in den Knast!“. „Oder in Kriegsgebiete“, fügt der Guide hinzu. Überall dorthin, wo es Menschen schlecht gehe.

Im Rahmen des Schulunterrichts nehmen einige Gefangene an dem Ausstellungsbesuch teil. Es handelt sich um eine Präsentation der Stiftung Weltethos in Tübingen, die zurückgeht auf den Theologen Hans Küng. Küng habe sich intensiv mit den Gemeinsamkeiten der Weltreligionen beschäftigt, erklärt der Gefängnispfarrer Stefan Thünemann. Aus diesen Gemeinsamkeiten habe Küng allgemeine ethische Standards abgeleitet.

Zum pädagogischen Begleitprogramm gehört, dass die Teilnehmer den Weg Küngs nachvollziehen können. Im Stuhlhalbkreis nehmen sie Platz, sie blicken auf kleine Holzständer, auf denen die Namen der verschiedenen Religionen zu lesen sind. Auf dem Boden liegen Zettel mit Begriffen wie „Verzeihen“, „Missionieren“, „Wiedergeburt“ oder „Tötungsverbot“. Es gilt, diese Begriffe einzelnen Religionen zuzuordnen – und die Teilnehmer stellen fest, dass sich die meisten Themen und Werte in allen Religionen finden lassen – Küngs Weltethos als 45-minütiger Crashkurs.

Etwa 100 JVA-Berufsschüler und Bedienstete haben die Ausstellung, die nicht öffentlich ist, bereits gesehen. Sie soll helfen, Konflikte in der JVA, die mit Religion und allgemein zu tun haben, zu vermeiden. In einer Frage beim Nachgespräch geht es um das Thema Respekt. Unabhängig vom Glauben müssen die Teilnehmer der Gottesdienste beim Gebet aufstehen. Ein muslimischer Häftling, der damit Probleme haben könnte, erfährt von Thünemann, dass das Aufstehen nicht das Gleiche sei wie das Beten: „Vielmehr geht es hier um Respekt.“

Injiziert wurde die Ausstellung in der JVA vom katholischen Gefängnisseelsorger Michael King, der mit seinem evangelischen Kollegen Stefan Thünemann, dem Imam Marian Drees, der Integrationsbeauftragten Bahar Kurban und des erziehungswissenschaftlichen Dienstes mit Michelle Moning das Projekt plante und durchführte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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