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In Rosenkranz haben die Häuser zwei Türen

Petrus, so heißt doch kein Mensch. Ein Denk-Zettel
8. März 2021

Die Nachfrage nach dem Rosenkranz im Knast ist überraschend groß. Besonders im Jugendvollzug. Aber wie das Kreuz als Symbol oft von Nichtchristen getragen wird, so ist der Rosenkranz für manche ein Statussymbol. Man kennt weder das Gebet noch dass man es betet. Das Symbol wird zum Maskottchen: Es könnte ja doch „was dran sein“.  Es ist Modeschmuck geworden. Vielleicht weil manche der bekannten Rapper die Gebetskette um den Hals tragen. In manchen Gefängnissen ist der Rosenkranz verboten. Grund: Man könnte ihn als Waffe verwenden.

Erst kürzlich im Jugendvollzug geschehen. Ein Jugendlicher schnappt sich den Rosenkranz aus der Fernsehecke und geißelt damit seinen Mithäftling. Im Sinne des Rosenkranzgebetes ist das nicht. Als trennende Tradition ist das Rosenkranzgebet in der Ökumene zu sehen. Übrigens ist Rosenkranz auch ein geteiltes Dorf. Die beiden Ortsteilen Aventoft und Rosenkranz findet man im äußersten Nordwesten Deutschlands, direkt an der deutsch-dänischen Grenze gelegen in Schleswig-Holstein. Der deutsche Teil heißt Rosenkranz und der dänische Teil Rudböl. Die Grenze verläuft in der Mitte einer Straße. Dies war Wille der Bevölkerung. Sie haben sich untereinander geeinigt und die dänische Regierung (vermutlich auch die deutsche) davon überzeugt. Friedlich durch Abstimmung. Und das 1920 wohlgemerkt. Menschen können Konflikte auch ohne Regierungen lösen. Das hatten wir später wieder 1989. In Rosenkranz bzw. Rudböl haben an besagter Straße einige Häuser zwei Türen, eine nach Dänemark und eine nach Deutschland. Was man in Rosenkranz alles lernen kann.

Gebetskette

Der Rosenkranz ist eine Gebetskette mit einem Kreuz und 59 Perlen. Letztere sind in fünf Gruppen zu jeweils zehn kleinen und einer großen Perle aufgeteilt. Am freien Teil des Rosenkranzes befindet sich das Kreuz. Diese Anordnung sowie die Zahl der Perlen sollen den Gläubigen dabei helfen in der richtigen Reihenfolge zu beten. Dabei wird das Leben Jesu mit den Augen Marias betrachtet. Die Herkunft des Wortes liegt im lateinischen Begriff „rosarium“ begründet, der mit „Rosengarten“ übersetzt wird. Das Wort „rosarium“ wurde später auf die Gebetsschnur übertragen und erscheint im 15. Jahrhundert erstmals mit seiner deutschen Bezeichnung „Rosenkranz“. In der Tradition der (katholischen) Kirche symbolisieren die Rosengewächse von alters her die Gottesmutter Maria. Der Name Rosenkranz leitet sich von der Auffassung ab, dass die Gebete und Anrufungen ein Kranz zur Ehre der Gottesmutter Maria seien.

Nach alter Überlieferung soll der heilige Dominikus (Gründer des Predigerordens der Dominikaner) bei einer Marienerscheinung im Jahre 1208 die heutige Form des Rosenkranzes 1208 empfangen und anschließend in seinem Orden eingeführt haben. Dabei habe Maria den Rosenkranz Dominikus als Waffe im Kampf gegen die Albigenser (einer antikirchlichen Ketzerbewegung) geschenkt. Die Forschung geht allerdings eher davon aus, dass sich das Rosenkranzgebet aus den frühmittelalterlichen Gebeten nach und nach zu seiner heutigen Form entwickelt hat.

Meditation

In evangelischen Gemeinden stoßen sowohl der Rosenkranz als auch das mit ihm verbundene Gebet eher auf Unverständnis. Aber ganz so einfach ist das mit der konfessionellen Zuordnung nicht. Gebetsketten, und dazu gehört auch der Rosenkranz, sind so ziemlich in allen Religionen bekannt. Indem man die Perlen einer solchen Gebetskette durch die Finger gleiten lässt, lässt sich die Umwelt besser abschalten, so dass man sich ganz auf sich selbst, auf Gott und das Zwiegespräch mit ihm konzentrieren kann. Die Perlen auf der Schnur haben dabei den Zweck, die gesprochenen Gebete mitzuzählen. Wie so vieles im Leben, haben Symbole verschiedene Signalwirkungen auf Menschen. Wie gut, dass man im Ort Rosenkranz zwei Türen in zwei verschiedene Länder hat. Man bleibt nicht nur auf das eine fokussiert. Die Spiritualität und Traditionen lassen vielfältige Formen zu. Gewalttätige Auswüchse ausgeschlossen.

Michael King unter Einbeziehung von Reiseimpressionen von Stefan Thünemann

 

Kommentar

  1. Michael B. sagt:

    Danke für den Artikel zum Rosenkranz. Als ich vor 6 Jahren im Knast als Gefängnisseelsorger angefangen habe, hatte ich mich darüber gewundert, dass mich Gefangene um einen Rosenkranz baten. Bis dahin war ich der Meinung, dass dieser nur für alte Frauen wichtig ist. Unterdessen habe ich eine andere Einstellung zu dieser Gebetskette bekommen, nachdem mir ein Dominikaner, der ab und zu hier ins Gefängnis kam, sagte: “Wie tief muss man gesunken sein, dass man sich so eine billige Plastikkette um den Hals hängt und mit Würde trägt.” Der Ordensmann betet nun auch regelmäßig für die Gefangenen. Wenn ich jetzt nach einem Rosenkranz gefragt werde, dann bekommt der Gefangene ihn nicht nur mit der Beschreibung sondern auch mit einem kleinen persönlichen Anschreiben. Im vergangenen Jahr habe ich 58 solcher “Plastikketten” ausgegeben, andere sind in der hiesigen JVA nicht erlaubt. Ich glaube, dass diese Gebetsschnur für viele Menschen hier in der Haft ein Strick ist, an dem sie sich in ihrer Not festhalten können. Sehr beeindruckt war ich, als mir ein Gefangener einmal seinen Holzrosenkranz gezeigt hat, dessen Perlen völlig verformt und abgegriffen waren, da dieser so oft durch die Hände seines Besitzers geglitten war. Vielleicht ist diese Gebetskette doch eine brauchbare Meditationsform. Nicht nur am Autospiegel.

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