GefängnisseelsorgerInnen aus der Schweiz, Österreich und Bayern

22. Juni 2022
Alpenländische Tagung der Gefängnisseelsorge in Passau eröffnet
21. Juni 2022

Eine Woche tagen 48 GefängnisseelsorgerInnen aus Bayern, der Schweiz und Österreich in der Dreiflüssestadt Passau. Die sogenannte Alpenländische Tagung findet bereits zum 67. Mal statt. Schon im Jahr 2020 war sie in Passau geplant. Die Corona Pandemie kam dazwischen. Nun hat der Referent, Prof. em. Dr. Ottmar Fuchs, aus gesundheitlichen Gründen seine Anwesenheit absagen müssen. Nichtsdestotrotz sind seine Vorträge schriftlich und in den Kleingruppen präsent.

 

„Ein Wort, das sagt: Du bist erwünscht“, so der Titel, mit dem die Tagung umschrieben ist. Prof. em. Dr. Ottmar Fuchs ist ein Kenner seines Faches. Viele Bücher schrieb er zur Sprache des Glaubens und wie man/frau sie anwenden kann. Die Sprache führt immer zu dem dahinterliegenden, größeren Problem. Das zeigen die Vorträge, die Fuchs schriftlich einreicht, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht in Passau teilnehmen kann. Das sei die Vor-Gabe: die Empathie Gottes, seine einfühlsame Sprache, sein Wort wird Mensch.

Ein Beispiel geht zurück in die Vierzigerjahre. Hans Scholl hat 1942 in seinem Russland-Tagebuch geschrieben: „Es zieht mich manchmal schmerzlich hin zu einem Priester. Aber ich bin misstrauisch gegen die meisten Theologen. Sie könnten mich enttäuschen, weil ich jedes Wort, das aus ihrem Munde kommt, schon vorher gewusst hätte.“ Diese Erwartbarkeit vermittelt den Eindruck, dass man sich nicht richtig auf die Menschen einstellt. Ähnliches gilt für das Gegenteil: wenn Menschen von den christlichen Dingen gar nichts mehr verstehen und nichts mehr erwarten.


Über dies tauschen sich die GefängnisseelsorgerInnen aus den drei Ländern aus. In ihren „Knast-Andersräumen“ sind sie an soziale Brennpunkte gestellt, die ein Spiegelbild der Gesellschaft sind und doch ein Widerlager darstellen. So ist hinter den Mauern bereits vieles selbstverständlich, was draußen (noch) nicht verwirklicht ist. Beispielsweise, dass muslimische Gefangene an christlichen Gottesdiensten teilnehmen oder der Imam aus der JVA Niederschönenfeld an dieser christlichen Tagung zum Thema „Sprache“ teilnimmt. Bischof Stefan Oster von der Diözese Passau kommt persönlich ins Tagungshaus „spectrum KIRCHE“, um den GefängnisseelsorgerInnen für ihren Dienst zu danken. „Wenn ich so manche Familiengeschichte Inhaftierter hinter mich hätte, wer weiß, wo ich dann wäre“, sagt Bischof Oster. Mario Kunz, Vorsitzender der Katholischen Gefängnisseelsorge in Bayern fügt postwendend hinzu: „Sie sprechen uns aus dem Herzen, wir könnten Sie als unseren Kollegen im Knast gut gebrauchen“, sagt Kunz. Er ist in der Justizvollzugsanstalt Ebrach im Jugendvollzug tätig.

Sprachlich sind die KnasttheologInnen bunt unterwegs. Die verschiedenen Dialekte aus der Schweiz, Österreich und Bayern oder aus Nordrhein-Westfalen sind keine Hürde in der Kommunikation untereinander. In den morgendlichen Gottesdiensten verbindet Musik, Poesie und biblische Texte die TeilnehmerInnen. Im Innenhof des Tagungshauses gibt es Begegnungsmöglichkeiten, die abends genutzt werden. Ein Stück weit ist bei dieser Tagung etwas spürbar von der Augenhöhen-Spiritualität, so sagt ein Gefängnissseelsorger aus der Schweiz. „So verschieden wir theologisch sind, so verbindet uns die gemeinsame Arbeit für die Gefangenen und Bediensteten im System der Justiz. Hier haben wir oft mehr Freiheiten als anderswo“, erzählt Franz „Samy“ Schrittwieser von der Justizanstalt Wels.

Michael King | Titelfoto: Thomas König, Bistum Passau

Feierliche Eröffnung der Jahrestagung war am Montagnachmittag. Die TeilnehmerInnen wurden von der Bläsergruppe Mariahilf empfangen. Nach Grußworten von Pastoralreferent Mario Kunz, Vorsitzender der Konferenz für Katholische Gefängnisseelsorge in Bayern, Bürgermeister Andreas Rother, Ministerialdirigent Peter Holzner, Leiter der Abteilung Justizvollzug im Bayer. Staatsministerium der Justiz und Domkapitular Gerhard Auer, Abteilungsleiter in der Hauptabteilung Seelsorge und Evangelisierung im Bischöflichen Ordinariat Passau, richteten auch die Sprecher der Delegationen aus der Schweiz und Österreich ihre Grußworte an die TeilnehmerInnen. Bei einem festlichen gemeinsamen Abendessen fand dann der erste Austausch unter den Gästen statt.

Das Programm, das sich bis Freitag erstreckt, sieht an den vier Tagen in Passau mehrere Arbeitseinheiten vor. Dabei befassen sich Gruppen mit Fragen wie „Gottes Empathie mit den Menschen – wie ist sie erfahrbar?“, „Jeder Mensch ist erwünscht, auch Kain! – Ausdrucksformen der Wertschätzung“ oder „Tragende Rituale – geheimnisvolle Spuren unbegrenzter Gnade“. Am Donnerstag stehen außerdem die Besichtigung der Dreiflüssestadt und eine Domführung auf dem Programm. Nächstes Jahr geht es dann zur Jahrestagung nach Schwechat bei Wien.

 

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