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Fragen und wenig Antworten: Täter in den eigenen Reihen

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Eigentlich soll Kirche den Glauben schützen. Die Mehrheit erlebt es derzeit anders. Wenn die Ergebnisse der veröffentlichten Münsteraner Missbrauchsstudie, die überschrieben ist mit: „Bischöfe und Laien im Schweigekartell“, gibt es keinen Glaubensschutz, keinen Schutz derer, die Jesus besonders am Herzen liegt, die Kleinen und Geringen. Vor allem wird der Institutionsschutz „Kirche“ gesehen…

Und wieder stellen sich Menschen und die Frage: Fühle ich mich mit meinem Glauben in der Kirche gut aufgehoben? Oder fegen all die Dinge, die immer mehr ans Licht kommen, einem das Dach über den Kopf weg? Was bedeutet es, wenn in den Bischofskirchen in den Gruften Bischöfe begraben liegen, die Täter geschützt und das Leid der Opfer nicht an sich herangelassen haben? Was bedeutet es für die Kleinen und Geringen, für die Opfer, wenn Straßen und Einrichtungen nach denjenigen benannt sind, die auf der Seite der Täter standen? Was bedeutet es, wenn der eigene bischöfliche Stuhl und die kirchliche Nestwärme wichtiger sind als Leiden, die durch Machtmissbrauch entstanden sind? Was bedeutet es, wenn der eigene bischöfliche Stuhl und die kirchliche Nestwärme wichtiger sind als Konsequenzen zu ziehen aus den nun seit Jahren herausgearbeiteten Zusammenhängen, die den Machtmissbrauch selbst begünstigt haben? Was bedeutet es, wenn Menschen, die sich in den Beratungen des Synodalen Weges bemühen, ausgehend von den Missbrauchsverbrechen Reformen zu erwirken, von Seiten des Papstes etwa die Einschätzung dazu hören, es sei problematisch „wenn der Synodale Weg von den intellektuellen, theologischen Eliten ausgeht und sehr stark von äußeren Zwängen beeinflusst wird“?

Viele Fragen, wenig Antworten

  • Ist es nicht so, dass Kirche selbst durch Vertuschen etwa den Zwang hervorruft? Wäre es im Sinne des Papstes, theologisch Ungebildete diskutierten über die Themen des Synodalen Weges? Glaubt Papst Franziskus, dass die breite kirchliche Basis den Reformbemühungen kritisch bis ablehnend gegenübersteht?
  • Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Studie zum Missbrauch im Bistum Münster wurde im Dom in Münster der Zugang zu den Bischofsgräbern geschlossen, Bischof Genn sprach von schweren Fehlern seiner Amtsvorgänger im Umgang mit sexuellem Missbrauch. Wörtlich: „Sie ließen sich von einer Haltung leiten, die den Schutz der Institution im Blick hatte, nicht aber die Betroffenen. Diese Bischöfe sind in der Bischofsgruft im St.-Paulus-Dom beigesetzt.
  • Die Toten ruhen lassen, die Wahrheit aber muss ans Licht. Wie dies genau erfolgen und was dafür eine gute und angemessene Form sein kann, soll mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs abgesprochen werden. Bis diese Überlegungen abgeschlossen sind, bleibt die Bischofsgruft geschlossen. Ist das der Schutz der Gräbenr oder Respekt vor den Betroffenen? Jedenfalls wurde lange genug verschlossen: Akten verschlossen! Leiden verschlossen! Münder verschlossen!

Nur auf Druck und Zwang wird reagiert

Dann berichtet eine Reportage, dass der frühere Adveniat-Geschäftsführer und Bischof Emil Stehle Priestern, die in Deutschland mutmaßlich Missbrauch begangen hatten, die Flucht in Länder Lateinamerikas ermöglicht haben soll. Ich sitze – wie vermutlich viele – vor dem Fernseher und erstarre, weiß nicht, ob ich schreien oder nicht doch zum Amtsgericht gehen soll. Nach und nach fallen sie alle von den Sockeln, diese von der Kirche Geehrten, und es sind vornehmlich Reporterinnen und Reporter, Journalistinnen und Journalisten, die uns hinter den schweren Vorhang blicken lassen. Die Bischöfe sind die abwartenden, tatsächlich nur auf Druck und Zwang Reagierenden. Ein Bericht dieser Tage trägt den Titel: Die Missbrauchskrise wird mehr und mehr zur Bischofskrise. Und immer klarer wird: Es reicht nicht, ein paar Steinchen im Gebäude Kirche auszutauschen das Gebäude selbst ist morsch. Ist diese Kirche krank? Blind? Böse? Unfähig? Oder doch „nur“ Machtversessen? Mit diesen Fragen und Gedanken höre ich die Frage Jesu im Evangelium: Für wen halten mich die Leute? Für wen hält du mich? Und ich merke, wie ich an einen Jesus außerhalb dieser Kirche glaube, an einen, der Unrecht beim Namen nennt, ohne Angst Missstände ausspricht, auf der Seite der Verletzten, Gedemütigten und Missbrauchten ist.

Menschen vom Rand in die Mitte

Ich sehe ihn nicht vertreten durch Menschen, die mit Stab, Mitra und Gewand daherkommen; ich sehe ihn in den Weinenden, Klagenden, Durstigen und um ihr Recht Ringenden. Immer noch scheint es ein Kreuz zu sein, Menschen vom Rand in die Mitte zu holen, eigenes Handeln vom Leiden der Schwachen ausgehen zu lassen. Immer noch wird Jesus gekreuzigt, nach wie vor nicht von den Zöllnern, nicht von den Dirnen, aber von jenen, die meinen, sie hätten Gott an ihrer Seite, die aber in Wahrheit nur um sich selbst kreisen. Uns eint, was wir hier feiern. Uns verbindet, was in der Taufe grundgelegt wurde. Uns macht Hoffnung, was wir an Verheißungen hören dürfen.

Bernd Mönkebüscher

 

1 Kommentar

  1. Christiane Florin sagt:

    Nun also Münster. Viele gut katholische Christenmenschen seufzen: „Ich kann das nicht mehr hören“. Hochwürdigste Herren – der Bischof, der Personalchef, die Weihbischöfe, allesamt geweiht und moraltheologisch geschult – sitzen beieinander. Sie sprechen über den lieben Bruder und diese, also diese unschönen Vorfälle. Über die Sache mit den Kindern. Na, Sie wissen schon.

    Viele wussten viel. Das ist ein zentraler Befund der Missbrauchsstudie zum Bistum Münster, die ein wissenschaftliches Team unter der Leitung des Historikers Thomas Großbölting an diesem Montag vorstellte. Von 610 Betroffenen und knapp 200 beschuldigten Klerikern seit 1945 ist darin die Rede – Zahlen, destilliert aus kirchlichen Akten und aus Gesprächen mit jenen, die als Kinder und Jugendliche missbraucht wurden. Anders als rein rechtliche Gutachten lesen sich die knapp 600 Seiten streckenweise wie die Mentalitätsgeschichte einer gut katholischen Hölle.

    Der Katholizismus war im Münsterland allgegenwärtig. Wollte ein geweihter Mann Taten anbahnen, fand er ständig Gelegenheiten, mit Kindern in Kontakt zu kommen: in der Sakristei, in der Beichte, in der Ferienfreizeit. Die Bischöfe wiederum hatten die Macht, beschuldigte Priester wie einen Schatz zu hüten. Und so saß die hohe Geistlichkeit in Küchenkabinettsrunden, später Personalkonferenz genannt, zusammen, sorgte sich um den Bruder und scherte sich weder um die Opfer, die es schon gab, noch um die Opfer, die es nach einer Versetzung des Priesters geben könnte. Wie der Auftritt als moralische Instanz nach außen und die moralische Verkommenheit im inneren, wie die süßliche Hirtenlyrik und die eiskalte Ignoranz gegenüber den Kindern und Jugendlichen zusammengehen – das kann auch diese Studie nicht vollständig klären. Aber sie zeigt das Un-Sittengemälde, beklemmend und eindrücklich.

    Kirchliche Spitzenkräfte wussten alles, vor allem wussten sie, dass es keine Einzelfälle waren, wie sie 2010 behaupteten. Aber auch die sogenannten Laien, also die nicht nicht-geweihten Gläubigen, waren oft eingeweiht. Der geschichtswissenschaftliche Blick gilt auch den Umstehenden, den Mitläufern. „Bystander“ heißt der Fachbegriff aus der Schuldgeschichtsforschung. Manchmal wusste das ganze Dorf vom Missbrauch und meistens standen die Bystander zum Priester.

    Es wird nichts nützen, wieder an die Moral der Kirchenhierarchen zu appellieren. Es wird nichts nützten, wieder die Politik an ihre Verantwortung für eine wirklich unabhängige Aufarbeitung zu erinnern, sie wird tatenlos noch 20 weitere Gutachten abwarten. Die Münsteraner Studie erzählt die unerträglichen Geschichten in verständlicher Sprache. Vielleicht rüttelt sie die Gewissen jener auf, die sich noch als Katholikinnen und Katholiken begreifen. „Wir können das nicht mehr hören“, seufzen gute Christenmenschen, anstatt sich um Gerechtigkeit für Betroffene zu bemühen. Noch stecken zu viele im Bystander-Modus fest.

    Aus der Dlf Audiothek

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