Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939 (Folge 40).
Das vor 40 Jahren erschienene „Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933– 1945” nennt zwar eine Reihe von Justizvollzugsanstalten, in denen damals unter anderem auch Juden inhaftiert waren („Anrath, Berlin-Moabit und -Plötzensee, Brandenburg-Goerden, Celle, Düsseldorf, Hamburg-Fuhlsbüttel und München-Stadelheim; ferner […] Gefängnisse – möglicherweise Polizeihaftanstalten – in Blankenburg, Bochum, Konstanz, Köln-Mülheim und Welzheim”), erwähnt jedoch in diesem Zusammenhang beispielsweise nicht die Zuchthäuser Herford, Münster und Remscheid-Lüttringhausen, obwohl damals auch dort Juden inhaftiert waren.
Vermutlich war dies zum damaligen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Auch wenn es in den letzten 40 Jahren erhebliche Fortschritte bei der Aufarbeitung des Geschichte des Strafvollzugs gegeben hat, kann nach Sylvia de Pasquale „das Thema ‚Strafvollzug im Nationalsozialismus’ noch nicht annähernd als ausreichend erforscht gelten. Es fehlen umfassende Untersuchungen zu einzelnen Justizvollzugsanstalten, zu einzelnen Häftlingsgruppen (wie z. B. zum Frauenvollzug, und zur Justizhaft von politischen Gefangenen, von Juden, ‚Zigeunern’, Ausländern und Homosexuellen), zu vielen Aspekten der Inhaftierung von Straftätern (z. B. zur Arbeit, zu den Beamten oder zur Medizin), aber auch zur Untersuchungshaft und zum Vollzug der Gefängnis- und Zuchthausstrafe sowie der Sicherungsverwahrung.” Auch spezielle Untersuchungen über jüdische Häftlinge in den Strafanstalten des „Dritten Reiches” scheinen rar zu sein, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass in zahlreichen Strafanstalten des „Dritten Reiches” auch jüdische Häftlinge einsaßen, was sich zum Teil durch Häftlingskarteikarten der betreffenden Strafanstalten dokumentieren lässt.
In seinem ersten, am 25. September 1935 im Zuchthaus Herford geschriebenen Brief informierte Gottfried Ballin seine Mutter unter anderem über die Verlegung in diese Strafanstalt:
Liebe Mutter,
seit Dienstag (24. September 1935) sind wir in die Strafanstalt Herford verlegt worden, da es in Münster keine jüdische Seelsorge gab und wir über die hohen jüdischen Feiertage nicht ohne Geistlichen bleiben sollten. Alle Juden, die in Münster lagen, gingen am Samstag (21. September 1935; A. B.) auf Transport.
Über Sonntag waren wir in zwei grossen Massenzellen in Hamm und kamen Montagabend in Herford an. Wir liegen jetzt alle auf Gemeinschaftshaft zu drei Mann, alle Juden in Zellen nebeneinander. […]
Von diesen 22 jüdischen Häftlingen, die am 21. September 1935 vom Zuchthaus Münster nach Herford überführt wurden, konnten bisher 15 ermittelt werden.
Ernst Ransenberg, im Vernichtungslager Treblinka ermordet:
Der jüdische Student Ernst Ransenberg, der am 10. September 1908 in Köln geboren wurde, gehörte dort 1934 einer illegalen Gruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), einer Abspaltung der SPD, an. Am 31. Mai 1935 wurde er vom IV. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm im Verfahren gegen Richard Rosendahl und andere wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von sechs Jahren (unter Anrechnung von sechs Monaten und drei Wochen Untersuchungshaft) verurteilt (Aktenzeichen: 5 O.Js. 3/35); das geplante Strafende wurde auf den 10. November 1940 festgelegt.
Ransenberg, dem außerdem die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt worden waren, musste seine Strafe zunächst im Zuchthaus Münster verbüßen. Er gehörte zu den 22 jüdischen Häftlingen, die im September 1935 von dort zum Zuchthaus Herford verlegt wurden. Nach den Recherchen von Brigitte und Fritz Bilz wurde er kurze Zeit nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus 1940/41 mit seinen Eltern verhaftet und in einem Konzentrationslager ermordet. In Köln, Eifelstraße 6, erinnert ein „Stolperstein gegen das Vergessen” an Ernst Ransenberg. Quelle…
Richard Rosendahl, überlebte den Krieg; 1974 gestorben:
Wie man der Häftlingskarteikarte des Zuchthauses Münster entnehmen kann, gehörte auch der kaufmännische Lehrling Richard Rosendahl aus Köln zu den 22 jüdischen Häftlingen, die im September 1935 vom Zuchthaus Münster zum Zuchthaus Herford verlegt wurden. Er wurde allerdings am 31. März 1937 von dort aus wieder in das Zuchthaus Münster eingeliefert, um etwa ein halbes Jahr später erneut nach Herford überstellt zu werden.
Im Juni 1939 wurde er in das Zuchthaus Siegburg überführt und am 12. Februar 1943 in das KZ Auschwitz verschleppt. Richard Rosendahl, der sowohl Auschwitz als auch Ende Januar 1945 einen Todesmarsch zum KZ Groß-Rosen überlebte, starb 1974 in Hemer/Sauerland. In Köln, Vogelsanger Straße 1, erinnert ein „Stolperstein gegen das Vergessen” an ihn.
Quelle: Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, Münster: Häftlingskarteikarte des Zuchthauses Münster für Richard Rosendahl (Q 923/Justizvollzugsanstalt Münster, Nr. 7209
Paul Bloch am 16. Juni 1942 im Mauthausen-Zweiglager Gusen umgekommen
Ernst Hirsch am 30. Mai 1938 im KZ Dachau umgekommen
Alfred Schnog überlebte den Krieg; Sterbedatum unbekannt
Rafael Weiß emigrierte in die USA; Sterbedatum unbekannt
Moritz Brunner (Moscheck Broner), vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Köln gestorben
Ludwig Hess überlebte den Krieg; 1949 gestorben
Bernhard Hoffstadt, weiteres Verfolgsschicksal unbekannt
Alex Philipp 1943 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert; weiteres Schicksal unbekannt
Emanuel Roman am 12. Mai 1941 im KZ Buchenwald umgekommen
Markus Haber, weiteres Verfolgsschicksal unbekannt
Albert Katz am 7. April 1943 im Ghetto Theresienstadt umgekommen
Max Falk am 18. November 1941 im KZ Buchenwald umgekommen
Gottfried Ballin am 4. März 1943 in Auschwitz ermordet

Der Rabbiner Dr. Fritz Leopold Steinthal war bis 1935 für die seelsorgerische Betreuung der jüdischen Häftlinge im Zuchthaus Münster zuständig. Im Titelbild mit Familie.
Jüdischer Seelsorger
Auch im Zuchthaus Münster waren damals Juden inhaftiert. Ihre seelsorgerische Betreuung erfolgte durch den Rabbiner Dr. Fritz Leopold Steinthal, der die jüdischen Gefangenen auch in dieser Strafanstalt besuchte. Dr. Steinthal, der am 4. August 1889 in Berlin geboren wurde und von 1919 bis 1938 als Rabbiner und Bezirksrabbiner in der jüdischen Gemeinde Münster tätig war, emigrierte 1938 nach Argentinien, wo er am 12. Oktober 1969 in Buenos Aires verstarb. Nach Angaben von Dieter Wever hatte Dr. Steinthal bei einem dieser Besuche „einem Inhaftierten, dem wegen ‚landesverräterischer Untreue’ verurteilten und früheren Kommerzienrat Max Falk, ein Stück Wurst und ein Stück Butter zugesteckt”.
Als Rechtfertigung für seine Handlungsweise schrieb Dr. Steinthal an den Zuchthausdirektor Schmidt: „Zu meiner Tat hat mich Mitleid mit Falk bewogen, der über den Mangel an Fett klagte und den ich für einen Menschen mit einem schweren Herzfehler halte.” Nach Dieter Wever hatte die solidarische Tat des Rabbiners Dr. Steinthal erhebliche Auswirkungen: Zum einen „wurde ihm der Seelsorgevertrag fristlos gekündigt”, zum anderen wurden am 21. September 1935 „alle 22 Gefangenen jüdischen Glaubens nach Herford verlegt”. Vermutlich erfolgte diese Verlegung mit einem Sammeltransport der Deutschen Reichsbahn; denn die 22 jüdischen Häftlinge, darunter Gottfried Ballin, kamen erst zwei Tage später, mit Zwischenstation in Hamm, in Herford an.
Jüdische Verurteilte nach Münster
Gottfried Ballin, geboren am 9. April 1914, hatte nach dem 30. Januar 1933 als Mitglied der illegalen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) in Köln Widerstand gegen das NS-Regime geleistet und war deswegen am 31. Mai 1935 vom IV. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm im Verfahren gegen Richard Rosendahl und andere wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Etwa zwei Wochen später wurden die 16 in diesem Prozess Verurteilten zwecks Strafverbüßung verlegt, wobei die nicht jüdischen Verurteilten in das Zuchthaus Rheinbach transportiert wurden, während die jüdischen Verurteilten (Gottfried Ballin, Ernst Hirsch, Ernst Ransenberg, Richard Rosendahl, Alfred Schnog und Rafael Weiß) am 17. Juni 1935 in das Zuchthaus Münster eingeliefert wurden, weil dort ein Rabbiner für die seelsorgerische Betreuung der jüdischen Gefangenen zur Verfügung stand.
Armin Breidenbach
Quellen und Literatur
Arolsen Archives, Online-Archiv: verschiedene Dokumente
Bilz, Brigitte und Bilz, Fritz: Diesen Menschen hat man mir totgeschlagen. Briefe aus Gestapohaft und KZ, Köln 1999
Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. I, Leitung und Bearbeitung: Werner Röder und Herbert A. Strauss, München, New York, London und Paris 1980
Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945, bearbeitet vom Bundesarchiv, Koblenz, und dem Internationalen Suchdienst, Arolsen, Koblenz 1986, Band I und II
Wever, Dieter: Das Zuchthaus Münster im Nationalsozialismus. Eine Recherche zur Vollzugsrealität in den Jahren 1933 – 1945, hrsg. von der Leiterin der Justizvollzugsanstalt Münster, o. O. 2013. Online einsehbar…
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