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Erinnerung: Katholische Priester als Opfer des Nationalsozialismus

29. Juli 2026

Sühnewallfahrt anlässlich der Einweihung der Todesangst-Christi-Kapelle auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau, 1960. Fotograf: Rudolf Pröhl.

Wie viele Priester zwischen 1933 und 1945 in den fast 12 000 katholischen Pfarreien und Seelsorgebezirken, in Anstalten oder im Schuldienst der insgesamt 25 deutschen Diözesen tätig waren, lässt sich nicht mehr genau sagen. Seriöse Zahlen gehen von mindestens 27 000 Weltpriestern aus. In der Reihe der Greifswalder Universitätsreden geht Dr. Christoph Kösters zu den Gottesmännern im Nationalsozialismus ein.

NS-Religionspolitik: „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“

1984 erschien unter dem Titel „Priester unter Hitlers Terror“ eine Dokumentation, die wissenschaftlich aufbereitete, was 1955 der Zentralstelle für kirchliche Statistik noch als aussichtslos gegolten hatte: eine biographische und statistische Erhebung über die im Dritten Reich verfolgten katholischen Geistlichen. Zu den insgesamt ca. 8 000 Personeneinträgen kamen bis zur vierten Auflage 1998 mehr als 4 000 weitere neu hinzu. Insgesamt sind über 38 000 Maßnahmen nachgewiesen, von der Schikane durch Parteiangehörige über Verhöre und Verwarnungen bis zu Geldstrafen, Schutz- und KZ-Haft. Soweit datierbar bilden sie in ihrem zeitlichen Verlauf recht genau die Phasen nationalsozialistischer Religionspolitik ab. Die Tiefpunkte des Kurvenverlaufs verweisen auf Phasen einer relativen, weil taktisch bestimmten Annäherung an die katholische Kirche: Nach dem 1933 abgeschlossenen Reichskonkordat, zu dem Hitler nicht einmal die Unterschrift beigetragen hatte, scheiterte 1936 auch der zweite Anlauf, Kirche und Katholiken in die Herrschaftspraxis des NS-Regimes und der Volksgemeinschaft zu integrieren. Der deshalb gewaltsam durchgeführte „Kampf gegen den politischen Katholizismus“ und für eine „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ war nur um den Preiszahlreicher Auseinandersetzungen mit dem Klerus und den Gläubigen zu haben. Diese nahmen die Konflikte mit Staat und Polizei als neuen „Kulturkampf“ wahr. Daher schnellen die Zahlen 1934/35 und 1937 steil in die Höhe. Am Vorabend des Krieges hatte sich dann das Regime durchgesetzt. Die katholischen Organisationen und Konfessionsschulen waren von der Bildfläche der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft verschwunden.

Katholischer Kriegspfarrer beim Feldgottesdienst in der Ukraine, 1941; Archiv des Kath. Militärbischofs (AKMB) AR 191.

Schutzhaftstrafen gegen Laien und Kleriker

Am ehesten scheint die Integration in die nationalsozialistische Kriegsgesellschaft nach 1939 gelungen zu sein. Aber auch hier verweist der hohe Ausschlag der Kurve im Jahr 1941 darauf, dass Spannungen phasenweise noch größer wurden. Hitler hatte nämlich das Feld der Religionspolitik inzwischen Goebbels, Himmler, Bormann u.a. überlassen. Diese nutzten die Kriegssituation strategisch, um das katholische Christentum als weltanschaulichen Gegner vollständig zurückzudrängen. Nach 1939 wurden reichsweit über 300 Klöster beschlagnahmt, entschädigungslos enteignet und über 10 000 Ordensleute aus ihren Ordenshäusern vertrieben. Priester wie Laien bekamen in den Auseinandersetzungen vor allem die Auswirkungen einer in den gleichgeschalteten Staatsapparat eingeschmolzenen politischen NS-Bewegung zu spüren.

Seit 1934 hatte die SS unter der Führung Himmlers sukzessive die Schaltstellen der politischen Polizei und Kriminalpolizei übernommen. Gestützt u.a. auf das sogenannte „Heimtückegesetz“ griff die Gestapo mit zahlreichen Polizeiverordnungen tief in den Seelsorge-Alltag der Pfarreien ein, ging mit Schutzhaftstrafen gegen Laien wie Kleriker vor und beantragte bei den Sondergerichten die Einweisung in ein Konzentrationslager. Über 2500 Freiheitsstrafen wurden gegen katholische Geistliche verhängt, 417 deutsche Priester in ein Konzentrationslager „überstellt“. Dabei zeigt der Verlauf der KZ-Einweisungen, dass der nach innen gerichtete Terror während der Kriegsjahre nicht ab-, sondern sogar noch zunahm. Waren es 1939 monatlich umgerechnet zwei, sind es zwei Jahre später zehn KZ-Strafen pro Monat; 1944 steigt diese Zahl gegen den abfallenden Trend der Strafmaßnahmen insgesamt noch einmal an und liegt mit gut fünf Einweisungen monatlich immer noch mehr als doppelt so hoch wie zu Kriegsbeginn.

„Politische“ Seelsorger im KZ Dachau

1940 hatte die SS damit begonnen, die noch in Schutzhaft befindlichen Geistlichen der verschiedensten Nationen vor den Toren Münchens im Konzentrationslager Dachau zusammenzuführen. Die religionspolitische Strategie des Regimes, den Klerus zu kriminalisieren und seine Seelsorge als „politisch“ zu diskreditieren, hatte seitdem auch einen festen Ort: die drei gesonderten, völlig überfüllten Baracken der sogenannten Priesterblöcke 26, 28 und 30. Dabei trennte die Lagerführung entsprechend der NS-Weltanschauung die fast 1800 aus dem besetzten Polen deportierten Priester in den Blöcken 28 und 30 von den nicht-polnischen Geistlichen im Block 26 und der dort im Januar 1941 eingerichteten provisorischen Kapelle. Innerhalb des Lagers besaßen die Geistlichen insofern einen Sonderstatus, als sie die einzige Häftlingsgruppe bildeten, die als Berufsgruppe gefangen gehalten wurde. Bis zu seiner Befreiung Ende April 1945 waren im Konzentrationslager Dachau insgesamt 2720 v.a. katholische (2579) und evangelische (109) Geistliche interniert, unter ihnen 447 deutsche und 94 österreichische.

Die gewaltsame Inhaftierung von Priestern aus ganz Europa in Dachau zählte zu den Auswirkungen des nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges: 1940/41 gelangten mit Transporten aus Lódz, Posen, Kielce und Warschau etwa 25 000 Häftlinge nach Dachau, ab Oktober 1941 wurden tausende sowjetische Kriegsgefangene in das Lager deportiert, etwa 4000 von ihnen dort von der SS erschossen. Die jüdischen Häftlinge Dachaus deportierte die SS in das Vernichtungslager Auschwitz, nachdem Himmler am 5. Oktober 1942 angeordnet hatte, die in Deutschland liegenden Konzentrationslager „judenfrei“ zu machen. Der alltägliche Kampf um das Überleben ist auch von den KZ Priestern vielfach beschrieben worden: das Grauen des ständigen Hungers und der lebensbedrohlichen Krankheiten, des grenzenlosen Terrors und angstbesetzten „Bunker“-Arrestes, der rücksichtslosen Zwangsarbeit und gnadenlosen Hinrichtungen. Über 1000 Priester überlebten die erbarmungslose Lagerhaft in Dachau nicht. […]

Kirchliches Gedächtnis: Die Erinnerung der Opfer

Dass die katholische Kirche zu den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung zählte, war angesichts der vielen Geistlichen, die inhaftiert gewesen und gar ihr Leben verloren hatten, weithin unbestritten. Ihre ablehnende Haltung gegenüber den Verbrechen des NS-Regimes stand selbst für die Alliierten nicht in Frage. Allgemein erkannten die Bischöfe im apokalyptisch wahrgenommenen Ende des Krieges wie ehedem Gottes Strafgericht über das gottlose Handeln der Menschen; deshalb sei das Leid als Sühne geduldig zu tragen. In den Hirtenbriefen erzeugten allerdings die vielen, vor allem „fremden“ Opfer Ambivalenzen, und zwar an jenen Stellen, an denen die Antworten auf den Sinn von Krieg und Leid schon während des Krieges patriotisch-nationale Untiefen besessen hatten. Auf die Verständigung mit den Alliierten wirkte es sich durchaus aus, inwieweit es die Bischöfe jeweils vermochten, auch die von den Siegermächten erbrachten Kriegsopfer zur Befreiung vom NS Regime in den Blick zu nehmen. Und nicht zuletzt vermochte die Erinnerung an den verborgenen Einsatz für verfolgte Juden die allseits bedrückende Frage nach dem Schweigen der Kirche nicht wirklich zu beantworten.


Sühnewallfahrten an Gedenkorte

Umso stärker richtete sich der Blick auf das stellvertretende Leiden und Sterben der jungen Märtyrer. Zwar erinnerte ihr Zeugnis zusammen mit dem der KZ-Überlebenden schmerzlich daran, dass um der Wahrheit und des Gewissens willen ein anderes Verhalten möglich gewesen wäre. Die Märtyrer waren nach 1945 zunächst alles andere als populär. Dies wurde aber dadurch überdeckt, dass die Märtyrer an die Spitze von Verfolgung der Kirche bzw. ihren Widerstand gerückt wurden. In der vom Münchener Weihbischof Neuhäusler 1946 veröffentlichten Dokumentensammlung hieß es: „Und mit Märtyrerblut ist auf viele Blätter der Geschichte der katholischen Kirche Deutschlands in diesen zwölf Jahren geschrieben: ‚Der Widerstand war auch kirchlicherseits da!‘“

Einen bemerkenswert anderen Akzent setzte die katholische Friedensbewegung Pax Christi: Die 1947 in Aachen begonnenen, sogenannten Sühnewallfahrten führten schon bald zu den entstehenden Gedenkorten nationalsozialistischer Verbrechen: nach Plötzensee, nach Mauthausen oder 1960 – anlässlich der Einweihung der Todesangst Christi-Kapelle – nach Dachau. Die an einen katholischen Bußritus angelehnten Wallfahrten wurden von den einstigen Gegnern in ihrer tiefen religiös-symbolischen Bedeutung als Bekenntnis zu Schuld und Versöhnungsbereitschaft verstanden und angenommen. […]

Historisch-kritische Auseiandersetzung

Von der Verfolgung der katholischen Priester im Nationalsozialismus auf deren Widerstand zu schließen, ist daher historisch nicht so zwingend, wie es für die Erlebnisgeneration der Kriegs- und Nachkriegsjahre bis weit in die 1960er Jahre den Anschein hatte. Am 29. April 2020 hat sich die katholische Deutsche Bischofskonferenz in einem „Wort zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren“ mit Verhalten ihrer bischöflichen Amtsvorgänger während des Zweiten Weltkriegs in überzeugend historisch-kritischer Weise auseinandergesetzt. „So schwer verständlich, wenn nicht sogar falsch uns das Verhalten unserer Vorgänger im Bischofsamt heute auch erscheint, es enthebt uns nicht der Mühen des historischen Verstehens. Nur so entkommen wir der Versuchung, das damalige Geschehen nicht nah genug an uns herankommen zu lassen.“

Mit einem bemerkenswerten Resultat: „Bei aller inneren Distanz zum Nationalsozialismus und bisweilen sogar offener Gegnerschaft war die katholische Kirche in Deutschland Teil der Kriegsgesellschaft. Daran änderten auch die zunehmende Repression gegen das Christentum, der Vernichtungskrieg sowie die seit der Wende des Kriegsgeschehens und mit dem Bombenkrieg gegen Deutschland anwachsenden Verluste der Deutschen wenig.“ […] Gesamtes Dokument…

Dr. Christoph Kösters | Gewalt, Opfer, Erinnerung – Gottesmänner im Nationalsozialismus

 

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