Am 1. September 1967 begann der Dienst als evangelischer Anstaltsseelsorger von Hans Freitag im “Strafgefängnis Lüttringhausen”. So war die Anstalt damals benannt. Die amtliche Bezeichnung “Justizvollzugsanstalt”, JVA, gab es noch nicht. Mit ihm nahm die kirchliche Arbeit evangelischer Anstaltsseelsorger nicht ihren Anfang. Seit ihrer Eröffnung im Jahre 1906 war er der sechste evangelische Anstaltspfarrer. Der Verfasser, Hans Freitag, war von 1967 bis 1995 Gefängnispfarrer in Lütlringhausen.
Sehr schnell merkte ich, dass meine Vorgänger durch ihren Einsatz, ihr berufliches Selbstverständnis, wie auch durch ihr persönliches Profil, großes Vertrauen erfuhren, respektiert waren und mitgeholfen hatten, das Klima in der Anstalt, wie auch den Strafvollzug selbst, mit zu gestalten. Bei der Aufsichtsbehörde sprach man mit Anerkennung vom “Lüttringhauser Klima”. Ich profitierte von Anfang an von diesem Klima. Im Strafvollzug leben und arbeiten Menschen. Auch die Anstaltspfarrer sind Menschen. Menschen erzählen Geschichten. Diese Geschichten erzählen von “ihrer Zeit”. Ich begann diese Geschichten, ihre Zeit und damit den Strafvollzug ihrer Zeit zu erforschen. Hier soll nun der Versuch gewagt werden, das Gedächtnis an meine Vorgänger im Amt zu bewahren und durch menschliche Geschichten ein Stück Geschichte des Strafvollzuges im Zuchthaus Lüttringhausen lebendig werden zu lassen.

Als das Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen noch ein “Königliches Gefängnis” war! Im 2. Weltkrieg waren im Zuchthaus Lüttringhausen über 1.000 Ausländer inhaftiert. Foto: Historisches Zentrum Remscheid, Stadtarchiv.
Ludwig Manker begann 1932
Ich erzähle von Pfarrer Ludwig Manker, evangelischen Anstaltsseelsorger Lüttringhausen von 1948-1961. Er verstarb 1985 im Alter von 87 Jahren. Pfarrer Manker begann seinen Dienst im Strafvollzug am 1. Januar 1932. In den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur war er auch evangelischer Seelsorger im Polizeigefängnis in Essen. Er kümmerte sich dort vor allem um die vielen politischen Gefangenen, besonders um inhaftierte Kommunisten. Er war später Anstaltspfarrer im Zuchthaus Werl. Er gehörte zum besonderen Kreis der “Evangelischen Hinrichtungspfarrer” jener schrecklichen Jahre. Als er 1 948 als der dritte evangelische Anstaltspfarrer in das Zuchthaus Lüttringhausen kam – sein Vorgänger Pfarrer Dr. Krönig war von 1912-1948 im Amt – war eine Reform des Strafvollzugs allenfalls ein Traum bei denen, die erlebt hatten, welche erfolgversprechenden und beispielhaften Ansätze die Strafvollzugsreform der Weimarer Republik aufblühen ließ, und die sich durch den braunen Geist nicht hatten menschlich verbiegen lassen.
Ab 1933 wurden diese Reformansätze total zerschlagen. Auch im Zuchthaus Lüttringhausen wurden diese Reformen, die aus heutiger Sicht unglaublich erscheinen, – die Anstalt hatte einen Arzt als Direktor! – mit einem Federstrich und als “Humanitätsduselei” gebrandmarkt, abgeschafft und durch den strengsten “Zuchthaus-Verwahrvollzug aller Zeiten” ersetzt. Am 15. April 1945 besetzten amerikanische Soldaten die Anstalt. Sie war mit über 1.000 “politischen und kriminellen Gefangenen aus dem Reich, aus Holland, Belgien und Frankreich” belegt (Belegungszahl im Regelfall 470-500 Gefangene). Drei Tage zuvor mussten 60 Gefangene der Anstalt an die Gestapo Wuppertal ausgeliefert werden. Mit 13 weiteren Gefangenen aus Wuppertal wurden sie am 13.04.1945 bei Solingen erschossen und in einer Sandgrube verscharrt.
Der damalige Direktor des Zuchthauses, Regierungsrat Dr. Karl Engefhardt, konnte das schreckliche Schicksal für seine Gefangenen nicht verhindern. Bis an sein Lebensende hat er darunter gelitten. Nach der Beendigung der Nationalsozialistischen Herrschaft und den Anfängen für eine demokratische Gesellschaft im Land, blieb der Strafvollzug zunächst von einschneidenden Veränderungen unberührt. Es gab zum bisherigen Zuchthaus- und Gefängnisstrafvollzug noch keine Alternativen. Noch 1967 habe ich die letzten Nachwirkungen vom Verständnis des alten Zuchthaus-Vollzuges miterlebt. Aber es zeigten sich Lockerungen und Reformen an, die, wie das helle warme Licht am Morgen, ihre ersten korrigierenden Strahlen in die Anstalt auf dem Hügel warfen, gebündelt in drei Personen: Direktor J. Gensitz, seinem Vertreter Dr. Rotthaus und Verwaltungsamtmann A. Krappen. Als Pfarrer Ludwig Manker 1948 in die Anstalt kam, waren die alten Regeln und Formen, das allgemein gültige Verständnis für den Vollzug der Zuchthausstrafe, noch weitgehend in voller Geltung. […]
Visionär und Realist
Für Pfarrer Manker war die Seelsorge im Strafvollzug gleichzeitig eine Sorge um den Strafvollzug und damit auch für die im Vollzug arbeitenden Menschen. Am 30./31. Januar 1948 lädt er als der Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Gefängnispfarrer in Rheinland und Westfalen zu einer Konferenz in die Evangelischen Stiftung Tannenhof (Remscheid) ein. Es treffen sich höchste Vertreter der Evangelischen Kirche und des Justizministeriums, u.a. Dr. Gustav Heinemann. Der Tagungsordnungspunkt drei lautet: “Freizeiten für Wachtmeister und Wachtmeisterinnen”. Das Protokoll vermerkt: “Evangelische Kirche bzw. Innere Mission sagen Raumbeschaffung und Lehrkräfte zu. Justizministerium hat keine Bedenken. Einberufung und Auswahl durch die Gefängnispfarrer.” Auf den Einladungen zu den ersten Freizeiten werden die Teilnehmer gebeten, Brotmarken, Mehl oder Hülsenfrüchte mitzubringen. Nachdem nach 1945 die altbewährte “Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft aus verschiedenen Gründen nicht wieder neu gegründet werden konnte – sie war 1934 verboten worden -, gründet Pfarrer Manker mit anderen Personen zusammen am 31. Oktober 1948 die “Evangelische Bergische Gefängnisgemeinde.” Ihr Einzugsbereich ist das Bergische Land mit den Anstalten Wuppertal, Remscheid-Lüttringhausen, Solingen (Frauengefängnis) und Opladen.
Als Aufgabenbereich wird u.a. formuliert: “Mithilfe bei der Betreuung der Gefangenen in der Anstalt und deren Angehörigen. Die evangelischen Kirchengemeinden des Bergischen Landes sollen sich für die Gefangenen und deren Angehörige, die aus ihren Gemeindebezirken kommen, ebenso verantwortlich wissen, wie sie es seit jeher für die Kranken in den Krankenhäusern tun, die aus ihrem Gemeindebezirk kommen. Als Fürsorger der Evangelischen Bergischen Gefängnisgemeinde wird Herr Lothar Hämer eingestellt. Pfarrer Manker hatte Herrn Hämer als von den Nationalsozialisten verfolgten politischen Gefangenen im Polizeigefängnis in Essen kennengelernt. Er leistete auf diesem Gebiet wahre Pionierarbeit in der Bergischen Region. Gefangenenseelsorge ist eine gesamtkirchliche Aufgabe. 1958 hat die Evangelische Bergische Gefängnisgemeinde einen Stamm von 50 ehrenamtlichen Helfern. Hier wurde der Grundstein gelegt für das Amt des späteren “Ehrenamtlichen Betreuers”. 1948 wurde ein Signal gesetzt, das in der Kirche bis heute nicht zufriedenstellend beachtet und erkannt ist. […]
Pfarrer Ludwig Manker war ein Visionär und ein Realist zugleich. Für den Strafvollzug seiner Zeit entwickelte er Perspektiven, mit denen er herkömmliche Verkrustungen aufbrechen wollte. Mit seinem Amt und Auftrag als evangelischer Pfarrer, wie auch mit seiner Person, wollte er kein Bollwerk gegen die Angst und das Chaos auf dieser Welt sein oder gar in der Anstalt aufrichten. Vielmehr wollte er von der begründeten Freiheit eines Christenmenschen her ein Zeuge dieser Freiheit sein. Darum brauchte er in der damaligen Zeit des alten Zuchthaus-Strafvollzuges keine Identitätsprobleme zu haben. Er konnte in der Anstalt Wege beschreiten, Ideen denken, den Strafvollzug mit seinen Menschen, seinen Mauern und Problemen auch in die Kirche einbrechen lassen, von denen bis heute Faszinationen ausgehen. Er wollte und er konnte im Vollzug gestalten. Sein damaliger Direktor Karl Engelhardt zog mit. Noch 1967 habe ich eine Reihe von Gefangenen mit langjährigen Zuchthausstrafen kennengelernt, die sich an ihren Pfarrer Manker mit großem Dank erinnerten.
Hans Freitag
Quelle: Zeitschrift für Strafvollzug, Heft 1 – 1999, Jahrgang. 48, S. 37-39





