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Seligpreisungen muten den Menschen eine andere Perspektive zu

31. Oktober 2026

Selig sind, die arm sind vor Gott, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach der Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die im Herzen Reinen, die Frieden stiften, und die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen – mit diesen Worten beginnt die sogenannte Bergpredigt Jesu im Matthäusevangelium.

Ich stelle mir vor, wie Jesus zwischen all den zuhörenden Menschen herumgelaufen ist, sie voller Mitgefühl ansah und ihnen zusagte, dass sie glücklich seien, wo immer es ihnen gelingt, einander in Barmherzigkeit zu begegnen und gewaltlos Frieden zu stiften. Manche mag dies sehr berührt und ermutigt haben. Ich stelle mir aber auch vor, dass einige dachten: von welchem Stern kommt dieser Jesus? Weiß der nicht, dass manches einfach nicht zu verzeihen ist und sich weder mit Sanftmut noch mit Barmherzigkeit regeln lässt? Und ist der wirklich so naiv anzunehmen, man könne völlig gewaltlos mit einem Tyrannen zum Frieden kommen?

Trost auf fernes Jenseits?

Im Evangelium wird nicht berichtet, wie viele von den Zuhörenden nach diesen Worten Jesu enttäuscht oder vielleicht sogar aus Wut über unangebrachtes frommes Gerede weggegangen sind. Damals wie heute klingen die Seligpreisungen Jesu nicht nur weltfremd in einer Wirklichkeit von Hass und Krieg, sie scheinen sogar noch die Leidtragenden in ihrer Opferrolle zu bestätigen und so den Tätern das Feld der Gewalt zu überlassen. Bleibt den Verlierern also nur der Trost auf ein fernes Jenseits? In der Logik von Freund gegen Feind und gut gegen schlecht ist das so. In solchem trennenden Dualismus müssen die Seligpreisungen Jesu zynisch klingen. Sag mal einem Opfer von Gewalt, es solle jetzt bitte barmherzig sein, dann würde es im Himmel Erbarmen finden. Zu Recht geht uns das gegen den Strich. Wo bleibt dann die Gerechtigkeit? Müssen wir zeitlebens danach hungern?

Geschehenes Leid verwandeln

Insofern das, was wir mit unserer „Welt“ bezeichnen, von der Logik des Wir-gegen-die oder eines Das-steht-mir-zu gekennzeichnet ist, sind die Seligpreisungen tatsächlich weltfremd. Sie muten aber eine andere Perspektive zu – nicht jenseits weltlicher Wirklichkeit, sondern mitten in ihr. Sie heben den Dualismus von gut und schlecht auf und würdigen die Opfer in ihrer Kraft, das geschehene Leid zu wandeln. Womöglich tauchen mit dem Titel „Bergpredigt“ aufgrund entsprechender Erfahrungen eher unangenehme Erinnerungen an fromme Belehrungen von oben herab auf, doch die Botschaft Jesu ist keine niederdrückende Leistungsanforderung, sie ist vielmehr die ermutigende Einladung hervorkommen zu lassen, was schon längst tief menschlich verankert da ist: die Güte.

Faden des Kummers aufgreifen

Sie und ihre wandelnde Kraft können nicht unberührt vom Leid spürbar werden. „Bevor Du Güte als tiefstes Innerstes kennst, musst Du Kummer als anderes tiefstes Innerstes kennen. Du musst aufwachen voll Kummer. Du musst zu ihm sprechen, bis Deine Stimme den Faden allen Kummers aufgreift und Du das Ausmaß des Gewebes erkennst. Dann ist es nur noch Güte, die Sinn ergibt“ – heißt es in dem Gedicht „Güte“ der palästinensisch-amerikanischen Lyrikerin Naomi Shihab Nye. Den Faden des Kummers aufgreifend, im Mitgefühl zu trauern, zu hungern nach Gerechtigkeit, im Verfolgt- und Missachtet-werden an Versöhnung zu glauben, weckt diese Kraft in Barmherzigkeit und Güte, die den Teufelskreislauf von Gewalt und Gegengewalt endlich durchbricht. Erst wenn aus dem Bekämpfen ein Zulassen wird, kann Wandlung geschehen. Ich bin Menschen im Sterben begegnet, die nach langem Kampf zu einem großen Verzeihen sich selbst und anderen gegenüber gekommen sind. Eine Erfahrung, die mich lehrt, wie reich wir beschenkt werden, wo wir den Mut haben, loszulassen. Mit ihrer die Gegensätze verbindenden Annahme und Würdigung dessen, was geschieht, sind die Seligpreisungen eine echte Herausforderung. Sie kann nicht verordnet werden, sie will immer neu gewagt werden. Mögen wir einander dazu ermutigen!

Christoph Kunz | Matthäus 5, 1-12a

 

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