Szene in der “Bahnhofskrippe” des Künstlers Rudi Bannwarth: Hektik und Gelassenheit…
Das Gleichnis im Matthäus-Evangelium von den zehn jungen Frauen, die als Brautjungfern dem Bräutigam entgegen gehen, um Hochzeit zu feiern, ist ärgerlich. Fünf von ihnen werden als klug, und fünf als töricht bezeichnet, weil sie nicht genügend Öl für ihre Lampen besorgt haben, so dass sie nicht weiterkommen. Die sogenannten Klugen geben ihnen aber nichts von ihrem Öl ab und gelangen schließlich ohne die anderen in den Hochzeitssaal. Dort aber wird die Tür fest verschlossen.

An der Paradiespforte des Magdeburger Domes sind zehn jungen Frauen im 13. Jahrhundert als Skulpturen aus Stein gestaltet worden. Lachend voller Freude die Klugen auf der linken und weinend wehklagend die Törichten auf der rechten Seite. Wer hier ankommt, wird mit der Frage konfrontiert: auf welcher Seite stehst du?

Fotos: Kunz
Sollten die Törichten doch noch irgendwoher Öl bekommen, ist es für sie in jedem Fall zu spät. Verantwortlich für das lange Warten ist aber allein der Bräutigam. Der lässt sich nämlich Zeit, kommt erst mitten in der Nacht und zeigt nicht einmal Verständnis für die, denen das Öl ausgegangen ist. Eine Geschichte also nach dem Motto: Wer zu spät kommt, den bestraft nicht nur das Leben, sondern am Ende auch noch Gott.
Mit überraschenden Wenungen im Leben rechnen
An der Paradiespforte des Magdeburger Domes sind die zehn jungen Frauen im 13. Jahrhundert als Skulpturen aus Stein eindrucksvoll gestaltet worden. Lachend voller Freude die Klugen auf der linken und weinend wehklagend die Törichten auf der rechten Seite. Wer hier ankommt, wird mit der Frage konfrontiert: auf welcher Seite stehst du? Hast du genug Öl, dass deine Lampe stets leuchten kann? Was tust du, damit das Tor zum Himmel dir am Ende nicht verschlossen bleibt? Moralisch gedeutet kann aus dem Gleichnis tatsächlich eine drohende Botschaft werden – und sie kann entsprechend missbraucht werden, wenn Menschen aufgeteilt werden in Reine und Unreine. Doch das wäre mit dem Evangelium Jesu unvereinbar; seine Botschaft ist die der bedingungslosen Liebe Gottes. In göttlicher Barmherzigkeit gilt: die Tür ist auch dem noch geöffnet, der erst ganz am Ende des Lebens sich einlassen kann in Liebe. Das Evangelium Jesu verbietet, dass wir einander richten und mit Gottes Strafe drohen, denn alles liegt letztlich in einer erstaunlichen und überraschenden Barmherzigkeit, die nur Gott zu eigen ist. Zu einer Drohbotschaft taugt das Gleichnis also nicht. Dennoch hat es eine deutliche Dringlichkeit in sich, stets mit überraschenden Wendungen im Leben zu rechnen und dafür genügend Vorsorge zu betreiben. Ich sehe hier weniger eine endzeitliche als vielmehr eine alltägliche Perspektive.
Dasein zur rechten Zeit
Wir haben doch beide Gestalten in uns selbst, die kluge und die törichte. Mal sind wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort: wir können helfen, wo gerade Hilfe gebraucht wird, wir hören den Hilferuf eines Menschen zwischen den Zeilen und sind da, wir finden ermutigende Worte, wo Hilflosigkeit ist, wir haben den Mut, eine Leidsituation im Moment mitfühlend mitzutragen, wir ergreifen Partei angesichts von Unrecht, wir sagen Ja, wo unser Ja, und Nein, wo unser Nein gefragt ist. Und dann gelingt uns dies alles wieder nicht. Erst im Nachhinein wird uns bewusst, dass wir hätten handeln sollen, wo wir gefehlt haben. Das Öl für unser Dasein zur rechten Zeit ist unsere liebevolle Achtsamkeit. Keine und keiner von uns hat diese ständig parat, genauso übrigens wie die jungen Frauen im Gleichnis, die klugen wie die törichten: sie schlafen alle auch mal ein. Wir sind nicht immer voller Aufmerksamkeit, vieles kann uns ablenken, wenn sich alles mal wieder nur um uns selbst dreht. Die Dringlichkeit des Gleichnisses aber kann uns aufrütteln aus Schläfrigkeit und Gewohnheit und uns an unsere Gabe erinnern, jetzt mit einem wachen Herzen präsent zu sein für neue Überraschungen des Lebens.
Im Evangelium heißt es, die jungen Frauen würden dem Bräutigam entgegengehen – das bedeutet umgekehrt, dass dieser, und mit ihm ist Gottes Wirklichkeit gemeint, auch uns entgegenkommt, solange wir auf dem Weg sind. Ich erkenne darin Gottes wunderbare Taktik, mit uns Menschen in unserer Bedingtheit und Schwäche umzugehen: Gott lässt nicht locker, ungeahnt kann das nächste Entgegenkommen geschehen – dann möge unser Licht leuchten.
Christoph Kunz | Matthäus 25, 1-13





