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Kein Joint, kein Rausch: Liebe und Hass sind die Nachbarn

30. September 2026

Zwei Nachrichten aus der Zeitung: Im US-Bundesstaat Tennessee soll eine Frau hingerichtet werden, die als 18-Jährige 1996 eine gleichaltrige Frau umgebracht hat. Die Hinrichtung misslingt. Zwei Giftspritzen bringen nicht den Tod. Die Frau wird ins Krankenhaus gebracht. Passagiere überwältigen andernorts den Ko-Piloten eines Flugzeuges, der entschlossen scheint, ein Flugzeug zum Absturz zu bringen. Was für eine kranke düstere Welt.

Engel in der Holzwerkstatt von Marion Jochner in Oberammergau. Foto: Kunz

Zur frohen Botschaft scheint es zu gehören, diesen Zwiespalt, der in der Welt ist nicht zu ignorieren. Jesus scheint der Ansicht zu sein, das wäre Selbstbetrug. Lieber sagen, was ist und nicht drumherum reden. Die Welt ist Paradies, aber auch düsteres Horrorhaus. Edel-Weinberg, aber auch trostloses Trümmerfeld.

Kloß im Hals

Womit wir bei der Geschichte sind: Da ist ein Weinbergbesitzer. Er baut einen Weinberg und macht alles ordentlich: Zaun, Kelter, Turm. Dann verpachtet er ihn an Winzer und verabschiedet sich. Die Winzer sollen arbeiten, ernten und dem Besitzer nach der Ernte einen Anteil abgeben. Nennt man Pachtmodell. Aber als die Mitarbeiter des Besitzers im Herbst vorbeikommen, bringen die Pächter sie um. Der Besitzer denkt: Ich schicke meinen Sohn. Vor dem haben sie sicher Respekt. Aber die Pächter entwickeln einen finsteren Plan: Wenn wir den umbringen, gehört uns der ganze Laden. Als ich das lese, habe ich einen Kloß im Hals. Diese Lust an Raffgier und Zerstörung lebt ja tatsächlich in uns Menschen. Genauso wie die Liebe. Beide sind Nachbarn, quasi. Wir können großzügig sein und kleinlich. Fröhlich und tödlich. Manchmal reicht dafür schon eine Eigentümerversammlung oder ein Facebook-Post.

Nicht automatisch ein Heiliger

Auch Staatslenker können vergessen, dass Macht geliehen ist und dass es ihnen um das Wohl des Volkes gehen sollte. So entstehen Diktaturen. Und Kirchen können vergessen, dass das Evangelium nicht ihr Joint ist, den sie rumreichen, um sich gut fühlen. Ein Taufschein ist kein Adelszertifikat. Bloß weil einer katholisch ist, bringt er noch lange keine guten Früchte. Und bloß weil einer Brokat trägt ist er nicht automatisch ein Heiliger. Es kann gut sein, dass das Reich Gottes gerade ganz woanders wächst. Da spricht ehrlich gesagt einiges für. Die Weinberg-Geschichte ist eben auch eine ziemlich drastische Medizin gegen frommen Hochmut. Denn im viel zitierten Weinberg des Herrn siehts doch oft genug so aus: Da wachsen Machtinteressen, Selbstverliebtheit und Narzismuss. Da gedeihen Diskriminierung von Frauen und sogenannten „LaienInnen“ innerhalb der weltumfassenden „Weltkirche“.

Was ist durch Dich gewachsen?

Da wuchern Lieblosigkeiten und diese eigentümliche kirchliche Fähigkeit, sich redundant dauernd mit sich selbst zu beschäftigen und sich selbst zu segnen. Die Geschichte sagt: Gott ist es total egal, ob der Taufschein katholisch genug ist oder der Brokat schön glitzert. Beides imprägniert von sich aus überhaupt nicht gegen Bosheit. Die göttliche Kraft interessiert hingegen: Was ist eigentlich durch Dich gewachsen? Und vielleicht ist sein Weinberg viel größer, als wir dachten. Und Gott ernet gerade nebenan. Zum Beispiel in der Förderschule, wo kein Kind aufgegeben wird. Oder in der Gesamtschule in Höhenberg, wo der Schulleiter persönlich morgens die Brote schmiert für die Kinder, die hungrig in die Schule kommen. Oder im Knast, in dem trotz aller Hoffnungslosigkeit neue Wege sichtbar werden Es ist Hoffnung da. Und das ist gut so.

Peter Otten

 

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