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Das Brot lässt sich nicht virtuell empfangen

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Täglich werden in Deutschland mehr als 3.000 Brotsorten in 46.000 Verkaufsstellen angeboten (die Apothekendichte ist nicht einmal halb so groß). Während der Geschäftsschließungen während dem Shutdown stand man oft vor verschlossenen Bäckereien, die ihre Verkaufszeiten eingeschränkt oder einfach geschlossen hatten, weil die Fußgängerzonen entvölkert waren. Zwei Pfund Mehl wurde vorsorglich auf Vorrat gekauft. Viele haben damals entschieden, ihr Brot selbst zu backen. Rezepte für Sauerteig und Spontanhefen zum Selbermachen waren gefragt.

Mittlerweile sind die Regale wieder gut gefüllt. Mehl in verschiedenen Sorten, frische Hefe und Trockenhefe, alles zu haben. Vor drei Monaten war der Mangel daran aufgrund von Hamsterkäufen deutliches Anzeichen, dass BürgerInnen Existenzsorgen kämpfen. Brot gehört hierzulande nach wie vor zu den begehrtesten Nahrungsmitteln. Wer hätte je gedacht, dass wir einmal an der Grundversorgung Zweifel hegen? Und das alles ist nur ein Indiz dafür, wie sehr die Normalität unseres Alltags durch das Corona-Virus in den Krisenmodus geraten war. Existenzsorgen sind nach wie vor angebracht. Zwar war der Broteinkauf zu keiner Zeit ernsthaft gefährdet, aber der Broterwerb im Sinne von sicherer Arbeit und Einkommen ist es allemal. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise zeigen erst mit der Zeit ihr wahres Ausmaß, und sie werden uns jahrelang beschäftigen und zu großen solidarischen Anstrengungen herausfordern.

Brot bedeutet Leben und Auskommen

Wenn ich heute einen Brotlaib kaufe, dann spricht er im übertragenen Sinn zu mir von der Krisenzeit und den Anstrengungen, die noch kommen werden. Und wenn ich mein Brot vor dem Anschneiden mit einem Kreuz zeichne, dann danke ich für das gute Stück Normalität, dass in unser Leben zurückgekehrt und keineswegs selbstverständlich ist. Denn in weiten Teilen der Welt grassiert der Hunger und verschärft sich durch die Pandemie in bedrückender Weise. Brot bedeutet Leben, Auskommen, Sicherheit und vieles mehr.

Die Pandemie und die Wochen des Verzichts hat die Bedeutung der Körperlichkeit mit der Präsenz des „Leibes Christi“ im Gottesdienst neu entdecken lassen. Die ist keine rein geistig-geistliche Wirklichkeit. Das Brot Jesu lässt sich nicht virtuell empfangen. Kirche ist Gemeinschaft des Glaubens, die sich um das Wort Gottes versammelt und feiert. Es gibt eine enge Beziehung zwischen der konkreten Begegnung von Gläubigen miteinander. Hat Jesus nicht wörtlich gesagt: „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben“ (Joh 6,51)? Manche meinten, man hätte trotz der Abstands-, Besuchs- und Ausgangsverbote zusammen Gottesdienst feiern und den Kranken die Kommunion bringen sollen, ziviler Ungehorsam wäre nötig gewesen, um das Grundrecht auf freie Religionsausübung zu wahren.

Die Knastbäckerei war trotz der Pandemie im Dienst.

Gut ausgestattete Bäckerei in der Justizvollzugsanstalt.

Jede Menge eigenes Brot für Inhaftierte und Bedienstete.


Weniger Eigenleben… Wo war und ist Kirche?

Der schnelle Rückgang der Zahlen schwer Erkrankter und Verstorbener zeigt die kluge Vorsorge der Verantwortlichen und der Menschen, die in großer gesellschaftlicher Übereinkunft richtig gehandelt haben. Als Kirche sind wir Teil dieser Gesellschaft. Wir gehen sicher nicht einfach in ihr auf, eher wollen und sollen wir Vorbild an Fürsorge und solidarischem Weitblick sein. Und das haben wir in der Krisenzeit deutlich gezeigt. Insofern wundere ich mich auch über die Behauptung hinter der Frage: „Wo war eigentlich die Kirche?“, die den Anschein erweckt, wir seien aus der Normalität unserer gesellschaftlichen Präsenz in den Modus von Ruhe und Unsichtbarkeit gefallen. Das Gegenteil ist der Fall.

Abertausende MitarbeiterInnen der Caritas in ihren sozialen und pflegerischen Einrichtungen haben in der ersten Reihe ihre Frau und ihren Mann gestanden, ebenso ErzieherInnen in der Notbetreuung. Die SeelsorgerInnen haben überaus kreativ – an welchen Orten auch immer – den Kontakt zu den Menschen gesucht. Treu und ausdauernd haben viele Menschen gebetet und so andere mitgetragen durch dieses dunkle Tal, das physisch wie psychisch extrem anstrengend war. Und sie wurden bei ihrem Gebetseinsatz durch wunderbare Anregungen unterstützt. Nicht zuletzt greifen Engagierte in den Hilfenetzen und im persönlichen Einsatz den älteren und besonders gefährdeten Menschen bei ihren täglichen Bedarfen konkret unter die Arme. Als nichts zu machen war, wurde unglaublich viel Hilfreiches getan. So war Kirche in der Krise präsent. Wir konnten weniger Eigenleben führen als gewohnt, dafür sind wir treibende Kraft des solidarischen Miteinanders – wie Sauerteig, der das Ganze durchwirkt. Kirche, wie sie sein soll: Zeichen und Werkzeug der Verbundenheit der Menschen miteinander und der freundlichen Fürsorge Gottes um uns.

Auszüge aus der Fronleichnahmspredigt von Dr. Georg Bätzing

 

2 Kommentare

  1. Gehring sagt:

    Die katholische Kirche führt seit Jahrtausenden ein Eigenleben. Die Fenster wurden geöffnet im Zweiten Vatikanischen Konzil. Da gab und gibt es eine Öffnung zu den Menschen. Der Streitpunkt des Verständnisses der Eucharistie trennt und polarisiert enorm. Es verhindert leider weiter ein ökumenisches und gemeinsames Feiern und Teilen des Brotes. Ebenso die Festlegung, dass der Eucharistie nur geweihte, zölibatäre Priester vorstehen dürfen. All dies sind Themen, die trotz “Synodalen Wegs” nicht verhandelbar sind, geschweige denn, dass man überhaupt darüber diskutieren darf. Die Mehrheit der Menschen außerhalb und auch innerhalb der Kirche können diese Quelle und den angeblich einzigen Höhepunkt nicht (mehr) nachvollziehen. Es ist doch genauso “Eucharistie”, wenn beim Ökumenischen Kirchentag mit vielen Menschen Brot geteilt und gegessen wird. Da wird genauso “gewandelt” und ist “real gegenwärtig” der Geist des Mannes, der die christlichen Kirche(n) zum Vorbild nehmen.

  2. DJ sagt:

    In all dem offenbart sich wieder einmal die katholische Versuchung, Eucharistie und geistliches Leben im Wesentlichen amtlich und priesterzentriert zu verstehen, zu praktizieren und natürlich auch vorzuzeigen. Das Zutrauen in die geistliche Kompetenz der vielen getauften und gefirmten LaienchristInnen, die auch ohne „priesterliche Betreuung“ mindestens eine Zeitlang spirituell und keineswegs unter Aufgabe ihrer Kirchenbindung ganz gut klarkommen, scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein. Solch eine Einstellung ist nur die „halbe“ Wahrheit katholischen Kirchenverständnisses. Es ist eine veramtlichte Engführung kirchlichen Christseins unter den Bedingungen unserer postmodern individualisierten Gesellschaft, das kaum zukunftsfähig sein dürfte. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich gehört die Eucharistie zu den Essentials kirchlichen Lebens. Und natürlich braucht es dabei auch priesterlichen Dienst. Die spannende und vielleicht alles entscheidende Frage ist die nach ihrer inhaltlichen Bestimmung und angemessenen Gewichtung.

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