„Was mache ich hier eigentlich?“ Diese existenzielle Frage stellen sich Menschen privat sowie im beruflichen Kontext. In der Arbeit hinter den Mauern eines Gefängnisses gewinnt sie eine ganz eigene Tiefe. Grund genug, sie zum Leitthema der diesjährigen Fachtagung „Kirche im Justizvollzug“ im St. Bonifatiuskloster in Hünfeld zu machen.
Was genau ist der kirchliche Auftrag hinter Gittern? Trotz knapper Ressourcen und personeller Engpässe entsenden die deutschen Bistümer Seelsorgerinnen und Seelsorger in die Justizvollzugsanstalten (JVA). Dort begegnen den GefängnisseelsorgerInnen vielfältige Erwartungen, die nicht immer mit dem eigentlichen Kernauftrag deckungsgleich sind. Die Ausbildungs-Fachtagung in Hünfeld bietet den idealen Raum, um diesen Auftrag im gemeinsamen Austausch präziser zu definieren.

Evangelische und katholische GefängnisseelsorgerInnen aus dem Bundesgebiet in im St. Bonifatiuskloster in Hünfeld. Michael Kullinat von der JVA Schwalmstadt (erste Reihe 3. von rechts) und Alexander Rudolf von der JVA Weiterstadt (erste Reihe 1. von rechts) haben die Tagung vorbereitet. Foto: Kribber
Impulse aus Theorie und Praxis
Den Auftakt macht der Limburger Generalvikar Dr. Wolfgang Pax, der die Aufgabe der Gefängnisseelsorge aus Sicht des Bistums beleuchtete. Im Zentrum stehen dabei theologische Perspektiven: In der Seelsorge erweist sich die Glaubwürdigkeit des Evangeliums. Hier wird Jesus Christus erfahrbar, der sich in der biblischen Tradition unmittelbar mit den Gefangenen identifiziert. Inga Kramp vertiefte diese theologischen Aspekte und zeigte fundiert auf, wo die Chancen, aber auch die Grenzen der geistlichen Begleitung im harten Alltag der JVA liegen. Igna Kramp CJ gehört zur Congregatio Jesu. Sie ist seit 2021 Leiterin des Entwicklungsbereichs Geistliche Prozessbegleitung im Bistum Fulda. Einen ergänzenden Blickwinkel bietet Dr. Sarah Franziska Tran-Huu: Aus systemischer Sicht gab sie wertvolle Impulse für die Praxis, insbesondere im Hinblick auf eine sensible und bewusste Sprache in der Begleitung. Sarah Franziska Tran-Huu, geboren 1987, ist Diplom-Psychologin und als systemische Beraterin, Supervisorin und Coach tätig.
Austausch auf Augenhöhe
Der konkrete Arbeitsalltag in den Gefängnissen kam nicht zu kurz. In intensiven Gesprächsrunden tauschen sich relativ neu im Dienst befindlichen GefängnisseelsorgerInnen aus dem Bundesgebiet über gelungene Projekte, aber auch über Herausforderungen aus. Dabei richten sie den Blick gleichermaßen auf die Inhaftierten wie auf die Bediensteten der Anstalten. Abgerundet wurde die Tagung durch die besondere Atmosphäre des Klosters und die hervorragende Verpflegung, die für die nötige Stärkung sorgte. Doch es waren vor allem die lebendigen Begegnungen – ob in den offiziellen Runden, auf den Fluren oder beim gemeinsamen Essen –, die diese Tage so wertvoll machten. Fazit: Eine rundum gelungene Fachtagung mit Tiefgang. „Ein herzliches Dankeschön an alle, die diese Tage so umsichtig vorbereitet und organisiert haben“, sagt ein Teilnehmer der bundesweiten Fachtagung.
Gerd Wagner | JVA Dieburg





