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Als Gefängnisseelsorger oft zwischen den Stühlen

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Nicht nur nach meinem Eindruck arbeitete und rackerte ich vieles während meiner Zeit als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Werl ab. Oft war ich abends so fertig, dass ich mich nicht mal entspannen konnte. Täglich nahm ich an Konferenzen der verschiedenen Abteilungen sowie an Frühbesprechungen auf Stationen teil; griff Anregungen oder Wünsche auf und setzte sie um, soweit ich das konnte. Auf verschiedene Weise belegte ich meine Kooperationsbereitschaft. Zunehmend beschlich mich jedoch eine bis dahin nicht gekannte lähmende Unlust und beunruhigende Unzufriedenheit. Die wurde noch dadurch genährt, dass in der JVA das Problem „Sicherheit und Ordnung“ einerseits hoch gehängt war, andererseits aus allen Richtungen und auf allen Ebenen ein beängstigender und, wie ich mir sicher war, krankmachender und sicherheitsbedrohender Druck ausgeübt wurde.

Ein eigener Schwerpunkt waren im Zugangsbereich die Erstbesuche bei den  „Neuen“. In der Regel war ich der Erste und blieb der einzige Fachdienst, der das von sich aus und ohne Antrag, Aufforderung oder besonderen Anlass tat. Oft wurde ich dorthin gerufen, wenn „es wieder mal brannte“. Ich hätte zufrieden sein können. Zunehmend beschlich mich jedoch eine bis dahin nicht gekannte lähmende Unlust und beunruhigende Unzufriedenheit. Die wurde noch dadurch genährt, dass in der JVA das Problem „Sicherheit und Ordnung“ einerseits hoch gehängt war, andererseits aus allen Richtungen und auf allen Ebenen ein beängstigender und, wie ich mir sicher war, krankmachender und sicherheitsbedrohender Druck ausgeübt wurde, der Risiken erhöhte, statt einzudämmen. Auf sinnvoll effektive Weise wollte ich Ventile zur Druckminderung einbauen, die die Situation in der JVA berechenbarer, überschaubarer und lebbarer werden ließen.

Bedienstete stehen oft unter Druck

Seit einem Seelsorgepraktikum in einer Untersuchungshaftanstalt, in dem ich „Verbrecher gesucht, doch nur arme Schweine gefunden“ hatte, hat sich der Eindruck verstärkt, dass die Ärmeren vor den Türen standen: die Bediensteten, die Abteilungsdienst zu leisten hatten. Sie standen und stehen unter Druck von oben und unten, von links und rechts, von vorne und hinten, von kreuz und quer; vielfach ohne zu wissen, wer dahintersteht und ihn ausübt. U.a. ging es um Benotung mit vorzeitiger oder verzögerter Beförderung, die sich bar auszahlte. Meine Hoffnung war, wenn wenigstens für einige Inhaftierte die Lage erträglicher wurde, das auch Abteilungsbeamten zu Gute kommen könnte. Doch das ist ein anderes Thema. Zunehmend drängte sich mir auf: das Schlimmste, was eintreten kann, ist, dass es anders und dazu besser werden könnte; egal ob für Beamte oder Inhaftierte. Da galt die Devise: lieber für alle nichts, als für einige etwas. Mit der Zeit wurde mir das immer wieder bestätigt. Dies verstehen zu wollen, habe ich mir bald abgewöhnt. Meine Technik wurde zur Kenntnis nehmen, was lief oder nicht, und meine Schlüsse daraus ziehen. Rational konnte ich vieles nicht nachvollziehen. Es schuf mehr Durcheinander als Klarheit. Der Effekt zeigte sich in etlichen Formen von Verweigerung, Resignation oder Erkrankung – bei Inhaftierten wie Bediensteten. Arbeitsfreude war ein Fremdwort, von Ausnahmen abgesehen. Dass es so blieb, war etlichen Kollegen ein Anliegen. Wie eine Grundmelodie oder ein Ostinato stellte sich bei mir ein: Jeder gegen jeden; und keiner für sich.

Über Erfahrungen, Belastungen, Enttäuschungen, Verwirrungen usw. sprach ich in Supervisionen, die ich regelmäßig wahrnahm. Heraus kam, ich fühlte mich wie ein Nachtwächter, der Ereignissen hinterherhinkt; wie ein “Seelenklempner”, der sich müht und plagt, Pannen auszubügeln, Katastrophen zu verhindern und Schäden zu mindern oder zu beheben. Wie ein Trottel lief ich hinterher, war oft zu spät und erlebte mich zudem ausgenutzt, verschaukelt oder missbraucht. Das aber in der Regel nicht von Inhaftierten! In den ersten Tagen hatte mir ein Kollege gesagt: „Glauben Sie ja nicht, dass alles Spitzbuben, die hier rumlaufen auch Eingesperrte sind. Die Größten gehen abends nach Hause!“ Mein Anliegen war, konstruktiv zu wirken, sinnvoll aufzubauen, Leben zu gestalten und zu ermöglichen, auf ein Ziel hin zu arbeiten, das Einsatz lohnte und Ertrag versprach. Mit dieser Hoffnung bin ich in den Strafvollzug gegangen und wurde bald belehrt, dass ich damit weit von der Realität entfernt war. Das brachte mich jedoch nicht dazu, mein Vorhaben aufzugeben. Schließlich wollte ich lebendig und gesund bleiben und, soweit möglich, das auch anderen nahe zu bringen.

Ziel ist nicht die Veränderung einzelner

Das ließ sich nach meiner Überzeugung nur mit denen umsetzen, die es betraf, die ähnliches für sich wollten und die bereit waren, das erforderliche Wagnis mit sich und für sich einzugehen. Für irreal und verhindernd hielt ich, ein solches Unterfangen über die Betroffenen hinweg oder gar gegen sie anzugehen. Entgegen dem, was damaligen Dienstanfängern, wie mir etliche berichteten, auf der Vollzugsschule eingetrichtert wurde, sie könnten ihre Arbeit nur so lange sinnvoll leisten und durchhalten, wie sie die Inhaftierten verändern und bessern wollten. Ich war ich mir sicher: ich ändere keinen; schaffe das ja kaum mit mir selbst. „Ändern“ oder „bessern“ kann und wird sich nur, wer das selbst „will“. In diesem Bemühen habe ich als Mitarbeiter im Strafvollzug die nicht gerade leichte Aufgabe, Einzelne davon zu überzeugen und dafür zu gewinnen, dass sich die Mühe im Blick auf ein erträglicheres, würdevolleres, lebensvolleres, ja, glücklicheres, sozialeres und nicht zuletzt straffreies Leben lohnt. Als Bild war mir gekommen: ein Großteil der Inhaftierten vegetierte einige Zentimeter unter der „Wasseroberfläche des Lebens“. Ab und zu tauchen sie auf, schnappen nach Luft und versinken wieder. Sich „über Wasser“ zu halten oder gar ans tragfähige Land zu gelangen, damit waren sie aus vielen Gründen überfordert. Manche wussten oder ahnten nicht mal, dass es „Land“ auch für sie gab. Daneben ist mir nur vereinzelt einer begegnet, der nicht den Wunsch hatte glücklich zu sein und vielleicht sogar werden zu können. Dafür jedoch musste ein Wunder geschehen, weil sie für sich keine Aussicht hatten, mit eigenem Bemühen und aus eigenen Kräften etwas dazu beitragen zu können. Dazu fehlte der Mut, waren sie zu resigniert, waren ihnen Hoffnung und Motivation genommen worden oder abhanden gekommen. Ein großer Teil hatte an Stelle eines „seelischen Rückgrats“, wie ich es formulierte, einen „Bindfaden“, der keinen aufrecht hielt.

Eigene Kräfte gut einteilen

Wenn ich einen Beitrag zu Änderungen im Leben Einzelner leisten will, bin ich mit Phantasie, Motivationskraft, klarem Realismus, nüchterner Klarheit, großer Ausdauer und geradezu unendlichem Durchsetzungsvermögen gefordert; und zwar rundum. Mit der Zeit machte ich mir keine Illusionen darüber, dass der stärkste und auch hinterhältigste Widerstand „aus dem Vollzug“ kommen wird. Bei Inhaftierten setzte ich darauf, dass sie mehr Freude am Leben suchten, sich auf die Entdeckung von Fähigkeiten machten und deren Fülle auch nutzen wollten. Und: wenn es nur achtzig von 900 Männern sind, die sich darauf einlassen, übersteigt das bereits mein Vermögen. Da blieb jedoch das Motto gültig: “Lieber für alle nichts, als für einige etwas.” Aus der Pädagogik begleitete mich seit Jahrzehnten das Wort von Maria Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun!“. Konkret umgesetzt bedeutete das: ich ließ mich nicht von anderen beschäftigen oder gar anschieben – eine der Lieblingsbeschäftigungen im Knast – und war auf der Hut, weder meine Zeit zu vertun, noch meine Kraft zu verplempern.

So hatte ich kein Verständnis dafür, dass Fachdienste Wochen ihrer kostbaren Zeit und begrenzten Kraft einsetzen ließen, um Inhaftierten fehlende Papiere, Unterlagen oder Ausweise zu besorgen und sie dadurch weiter zu entmündigen, statt sie anzuleiten, das selbst zu tun, und wenn es Jahre dauerte, und auf diese Weise zu befähigen. Immerhin war es dann ihr Werk auf Grund eigener Leistung und ein Erfolgserlebnis, das nur wenige kannten. Meist war ihnen ihr Leben lang gesagt und bewiesen worden, dass sie zu nichts taugten, für alles zu blöd seien und am besten gar nicht geboren wären. Immer wieder fand ich jedoch das Wort eines Chefarztes bestätigt: „Der Schwächste ist stark genug, sich quer zu legen!“, und kann alle Anstrengungen ins Leere laufen lassen sowie andere, dazu noch das Gutgemeinte in Verzweiflung oder Lethargie treiben. Bei dem miesen Spiel habe ich, so gut ich konnte, nicht mitgespielt, sondern mich tunlichst als auch als Spielverderber betätigt.

Ein Kapitel aus: Erinnerungen eines Gefängnispfarrers. (K)eine Satire

 

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