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Jehovas Gefängnis – Wie ein vorbildlicher Zeuge ausbrach

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Die Zeugen Jehovas sind eine anerkannte Religionsgemeinschaft. In den Fußgängerzonen, am Bahnhof oder vor der eigenen Haustüre begegnet man ihren Mitgliedern. Ihre Zeitschrift „Wachturm“ gibt es inzwischen auch in arabischer Sprache. Wer sich auf ein Gespräch mit ihnen einlässt, der lernt sie als höflich und freundlich, vor allem aber als überzeugt und bibelsicher kennen. Als Gemeinschaft untereinander sehr solidarisch und nach außen hin abgeschottet. Häufig machen ihre Themen und Argumente sprachlos – und ratlos. Man könnte sie ignorieren oder einfach tolerieren. Es gibt in den beiden großen Kirchen ebenso Fanatiker und hierarchische Strukturen. Doch das Buch des Aussteigers von den “Zeugen Jehovas” lässt aufhorchen.

Jahrzehntelang ist Oliver Wolschke ein vorbildlicher Zeuge Jehovas: Er lebt seinen Glauben, feiert weder Weihnachten noch Geburtstage, betet täglich und erzieht seine Kinder nach den Richtlinien der Gemeinschaft. Doch eines Tages beginnt er, an den Glaubenslehren zu zweifeln. Er fängt an, sich mit den Hintergründen der Gemeinschaft zu beschäftigen, und stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Wie oft kann die Organisation das Datum der endzeitlichen Entscheidungsschlacht Harmagedon noch nach hinten verschieben, bevor die Anhänger misstrauisch werden? Wieso wird die Sexualität so vehement unterdrückt? Und wie kommt die Gemeinschaft an ihre vielen Immobilien? Mit 31 Jahren tritt Oliver Wolschke aus.

Nach seinem Austritt gelten er und seine Frau als Abtrünnige, verlieren nicht nur Freunde, sogar Familienangehörige wenden sich von ihnen ab. Sie müssen sich ein neues Leben aufbauen. In diesem ergreifenden Bericht erzählt Oliver Wolschke von seiner Zeit bei den Zeugen Jehovas sowie von seinem harten Weg in ein neues Leben. Hier einige Auszüge aus seinem beeindruckenden Buch:

 

Wir beteten als Familie meist vor dem Essen. Das Gebet durfte nur ich sprechen, da ich das Haupt der Familie war. Unsere Kinder falteten ihre Hände, senkten ihren Kopf und warteten darauf, dass Papa zu Gott sprach. An jenem Tag im März 2017 fiel es mir schwer zu beten. Ich war gerade „erwacht“. Mir kam es mit einem Mal so vor, als hätte ich die Jahre zuvor nur mit mir selbst geredet, und nur meine Familie hätte mir zugehört – niemand sonst. Ich hatte erhebliche Zweifel, was meinen Glauben betraf, und fühlte mich innerlich zerrissen. Trotzdem wollte ich mir nichts anmerken lassen, also betete ich. Ich hatte über die Jahre einige Satzbausteine entwickelt, die ich nun einfach aneinanderkettete. Es war ein merkwürdiges Gefühl, meiner Familie etwas vorzumachen, und ich dachte: „So kann es nicht weitergehen!“

Es war das letzte Gebet, das ich sprach. Einige Monate zuvor hatte ich im Internet etwas gelesen, das meine „Firewall“ – ein über Jahre innerlich aufgebauter Schutz vor Kritik – nachhaltig zersetzte. Eine Glaubensschwester lud mich in eine Facebook-Gruppe ein, die von Anhängern der Zeugen Jehovas gegründet worden war. Dort diskutierte man angeregt über die Frage, ob Haustiere das bevorstehende „Ende“ – Harmagedon – überleben würden. Einige meinten, dass die Chancen für ein Überleben von Susi und Strolch recht hoch seien, immerhin habe Gott bei der Sintflut mithilfe der Arche die Tiere ja vor dem sicheren Ertrinken beschützt.

Wer sich absetzt, verliert fast alle Freunde

Viele Anhänger sind eher liberal und in ihren Ansichten gemäßigt. Sie machen sich keine Gedanken über belanglose Dinge, etwa ob Haustiere den Eingriff Gottes überleben werden. Andere hingegen könnte man als fanatisch bezeichnen, besessen davon, auf alles eine Antwort zu finden. Ich gehörte zur ersten Gruppe, daher nahm ich die Diskussion nicht sonderlich ernst. Aber ein Kommentar machte mich stutzig. Die Frage, die eine Frau dort äußerte, war einfach und logisch, und trotzdem war sie mir nie in den Sinn gekommen: „Wie viele Kinder hat Gott mit in die Arche genommen?“

Ich weiß nicht, ob es der Umstand war, dass ich inzwischen der Vater von zwei Kindern war – ob deshalb diese Frage so einiges in mir auslöste. Warum war ich nie zuvor auf den Gedanken gekommen, dass Gott damals hatte Kinder ertrinken lassen? Ich erinnerte mich an ein Bild, das ich schon als Kind in meinem Kinderbuch der Zeugen Jehovas zu sehen bekam, auf dem eine Frau versuchte, sich vor den Wassermassen auf eine Bergspitze zu retten, und in ihrem Arm ein Neugeborenes hielt – dessen Ende jedoch besiegelt war. Auf einmal kam mir alles so grausam vor. „Warum hat Gott so etwas getan?“, fragte ich mich.

In den nächsten Wochen begann ich, die Geschichten der Bibel näher zu untersuchen. Vor allem die Lehren, mit denen ich aufgewachsen war, unterzog ich einer kritischen Betrachtung. Etwas, das mir zuvor nicht in den Sinn gekommen wäre. Mir wurde bewusst, dass die Hauptlehre der Zeugen Jehovas auf einer historischen Berechnung aufbaute, die mittlerweile komplett widerlegt worden war. Jedenfalls fiel mit dieser Erkenntnis das Kartenhaus allmählich in sich zusammen. Denn alles, was meinen Glauben ausmachte, war von dieser einen, widerlegbaren Lehre abhängig. Ich fragte mich, ob vielleicht das, wovon ich seit Jahren überzeugt gewesen war, wonach ich mein Leben ausgerichtet hatte, worauf ich wöchentlich enorm viel Zeit aufwandte und wofür ich sogar den Tod in Kauf genommen hätte, auf Fehlinformationen und falschen Annahmen beruhte. Ich dachte darüber nach, warum sich Menschen in religiösen Sondergemeinschaften wohlfühlten und nicht bemerkten, dass sie auf selbst ernannte Führer hereinfielen, nur weil diese ihnen ihr Seelenheil versprachen.

Was wäre, wenn meine Frau nicht mitgeht?

Warum merkten die Menschen nicht, was mit ihnen geschah? War ich vielleicht selbst auf eine solche Gruppe hereingefallen? Woran würde ich das erkennen? Die Zeugen Jehovas glauben wie so viele andere Gruppierungen auch, dass sie und nur sie die Wahrheit erkannt hätten. Alle anderen Menschen sind fehlgeleitet. Als ich mich mit der Geschichte der Zeugen Jehovas befasste, wurde mir klar, dass die Ansichten der Gründungsmitglieder den heutigen Anhängern größtenteils vorenthalten oder in gemäßigter Form präsentiert werden.

Zum Autor

Oliver Wolschke, geboren 1985 in Berlin, war mehr als 20 Jahre lang Mitglied der Zeugen Jehovas. Seit seinem Ausstieg im Jahr 2017 widmet sich der Suchmaschinenexperte, der bei der Zeitung Der Tagesspiegel tätig ist, ehrenamtlich der Aufklärung über Bewusstseinskontrolle in Sekten. Auf seinem Blog verfasst er mit anderen Autoren regelmäßig Artikel über die Zeugen Jehovas und twittert unter @oliwol. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Süden Berlins.

Das betrifft zum einen die Weltuntergangsvorhersagen durch die spirituelle Leitung der Zeugen Jehovas, aber auch die kruden Ansichten über Bluttransfusionen, Organtransplantationen oder Impfungen, welche man allesamt mit dem Hinweis auf Kannibalismus oder die schlechten Charaktereigenschaften ablehnte, die dadurch übertragen werden könnten. Während die Organisation damals noch die Exkommunikation der katholischen Kirche kritisierte, da sie nicht mit der Bibel übereinstimme, führte man diese irgendwann selbst ein und wurde bei der Umsetzung so streng, dass heute sogar Familien entzweit werden. Alles, was ich jahrelang akzeptiert hatte, wie etwa die Verweigerung von Bluttransfusionen oder der Kontaktabbruch zu den Ausgeschlossenen, kam mir mit einem Mal grausam und zerstörerisch vor.

Das Problem war, dass ich mit niemandem darüber sprechen konnte. Sobald ich von meinen Zweifeln berichtet hätte, wäre wahrscheinlich ein Prozess in Gang gesetzt worden, der mich vor die Ältesten – die lokalen Führer einer Gemeinde – gebracht hätte. Man hätte mich gefragt, ob ich noch Vertrauen in die Organisation hätte, und meine Antwort wäre vielleicht „Nein“ gewesen, was vermutlich den sofortigen Ausschluss nach sich gezogen hätte. Ich wollte mir zunächst sicher sein, bevor ich mich jemandem anvertraute. Ich überlegte, ob ich irgendwo in meinen Recherchen etwas übersehen hatte, einem Denkfehler aufgesessen war. Ich zweifelte zwar an den Lehren, aber vor allem an mir selbst – ob ich nicht vielleicht dem Teufel auf dem Leim gegangen war, wovor man mich schließlich seit meiner Kindheit immer wieder gewarnt hatte. Doch meine Nachforschungen führten mich zu noch tieferen Unstimmigkeiten. Ich haderte mit mir, ob ich nicht einfach die Zweifel beiseitelegen könnte, wie ich es schon einmal getan hatte, und mit der Zeit würden sie sich in der hintersten Ecke meiner Gedanken dann auflösen…

 

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Die Zeugen Jehovas

Jehovas Zeugen sind die wohl bekannteste religiöse Sondergemeinschaft in Deutschland. Wegen strenger Schulungen, gegenseitiger Kontrollen und der Erwartung des baldigen Weltendes gelten sie als die „Sekte” schlechthin. 2016 sollen nacheigenen Angaben 8,3 Millionen sog. „Verkündiger” aus weltweit über 119 000 Ortsgemeinden missionarisch aktiv gewesen sein. Zu „regelmäßig im Predigtwerk aktiven” Zeugen Jehovas wurden 2016 in Deutschland 165 624 Personen gezählt, in Österreich 21 561 und in der Schweiz 19 327 (Jahrbuch der Zeugen Jehovas, Selters 2017). Ein nennenswertes Wachstum verzeichnet die Organisation in Osteuropa und in Lateinamerika.

 

Die Gemeinschaft ist streng hierarchisch strukturiert und versteht sich selbst als die einzig legitime „christliche, theokratische Organisation”. An der Spitze steht eine sog. „leitende Körperschaft”, die seit 2014 aus sieben Männern besteht. Das Führungsgremium hat seinen Sitz in der neuerbauten Zentrale in Warwick (USA) und versteht sich als „Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas”. Den Anweisungen und Bibelinterpretationen der leitenden Körperschaft ist genau zu folgen. Die Mitglieder und Sympathisanten nennen sich „Jehovas Zeugen” (vgl. Jes 43,10) und sind zumeist menschlich glaubwürdig und engagiert. Sie werden jedoch in der Organisation so einseitig geschult, dass mitunter die Grenzen zwischen Schulung und Manipulation verschwimmen. Mehr Infos…

 

Kommentar (1)

  1. Jaspers sagt:

    Das Buch „Jehovas Gefängnis“ ist ein spannendes und tiefgreifendes Erzählen vom eigenen „Erwachen“. Mir kommen vor allem Parallelen zu sektiererischen Tendenzen einiger Gruppierungen in der katholischen wie auch in der evangelischen Kirche. Die Gesichter sind anders und trotzdem gibt es Ähnlichkeiten. Nichtsdestotrotz beeindruckt mich das Herausschälen aus diesem Gefängnis. Es bedeutet eine schmerzhafte Ablösung, ein hin und hergerissen sein zwischen dem, was man gelernt hat und praktiziert sowie dem, was im tiefsten Herzen verborgen ist. Beim Lesen habe ich hautnah mitgefühlt, wie ein Prozess der Auseinandersetzung läuft und wie hartnäckig man doch weiter an dieser Gemeinschaft festhält. Traurig stimmt mich die Tatsache, dass die angeblich tiefen Freundschaften, die in den Zusammenkünften gewachsen sind, plötzlich nichts mehr gelten. Das macht die Zeugen Jehovas aus, dass sie eine absolute Wahrheit auf ihre Sicht und damit auf ihre „Wachturm-Gesellschaft“ und das Ende der Welt haben.

    Doch dies geschieht nicht nur in dieser sektiererischen Gruppe. Jede Kirche und jede Gemeinschaft muss sich darauf hin überprüfen, ob die eigene Wahrheit in dieser Weise nach stimmt oder nicht. Und inwieweit sich MitgliederInnen einer Gemeinschaft infrage stellen lassen (wollen). Nichts ist schlimmer, als dass sich eine Gemeinschaft abschottet und meint, alles zu wissen. Gottes Wirklichkeit eignet sich vor allem in der Infragestellung und im Widerspruch dessen, was in der Gesellschaft passiert. Das Erwachen heißt, vieles hinter sich zu lassen und neu zu beginnen. Hochachtung vor dem, was der Autor und seine Familie an Entscheidung(en) getroffen hat. Ich kann nur erinnern und mahnen, sich immer wieder selbst treu zu bleiben und sich nicht irgendwelchen festgefahrenen Wahrheiten zu ergeben. Das ist eine Lebensaufgabe.

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