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Wozu bist Du da? Als Inhaftierter im Jugendvollzug

Wie ein straffälliger junger Mann ins neue Leben rennt
8. Juli 2020

Wozu bist Du da? Diese Frage kann sich jeder Einzelne stellen. Jeder Mensch ist berufen, dass jede und jeder das eigene Leben als von Gott angenommen betrachten darf und dass es einen Sinn dieses Lebens gibt. In der Serie “Wozu bist Du da?” werden immer wieder alternative Lebensentwürfe dargestellt. Wie zum Beispiel die Frau, die einen Priester heiratete. Oder der Kommissar, der seit ein paar Jahren vegan lebt. Dieses Mal fragen wir in der Justizvollzugsanstalt Herford im Jugendvollzug zwei jugendliche Inhaftierte, Hussein* und Stewart.* Gefangene sind Menschen mit denselben Zielen und Träumen wie “draußen”. Und theoretisch kann sich jeder im Gefängnis wiederfinden, schneller als man glauben mag…

Wir fühlen uns wie Brüder, weil wir zusammen aufgewachsen sind. Mit 13 Jahren ist Hussein* zuhause rausgeflogen und wurde von meinen Eltern aufgenommen. Inzwischen leben beide aber nicht mehr. Jetzt sitzen wir gemeinsam unsere Haftstrafen ab. Das erste Mal verhaftet zu werden und in den Knast zu kommen ist krass, aber wir waren schon öfter hier. Wir haben den „Familienumschluss“ genehmigt bekommen, obwohl wir nicht blutsverwandt sind. Das haben wir zusammen erreicht und sind da richtig stolz drauf.  Wir sind dazu da, um einfach zu leben. Unser Alltag ist streng geregelt. Ab sechs Uhr gibt es Frühstück, dann treffen wir uns eine halbe Stunde später am „Spiegel“ im Erdgeschoss. Das ist hier der Punkt, an dem viele Gänge kreuzförmig zusammenlaufen. Halb zwölf gibt es Mittagessen, wegen Corona im Haftraum, also der Gefängniszelle. Dann geht es weiter mit Arbeit bis zum Feierabend um 15.30 Uhr. Am Tag gibt es für uns eine Freistunde. Der Fernseher hier ist schon total wichtig. Wenn das Wetter schön ist und die Luft steht, ist das schon besonders hart hier zu sein. Auch abends vor dem Einschlafen kommt man ans Nachdenken und ins Grübeln. Warum bin ich schon wieder hier gelandet?

Das ist einfach ein Teufelskreis. Ohne Meldeadresse kein Geld vom Amt, ohne Geld keine Wohnung. Wir haben mal hier, mal da gepennt und dann geht es wieder los mit den Einbrüchen. Das waren nur Läden und Geschäfte, Kinder und alte Menschen sind für uns tabu. Mehrere tausend Euro in wenigen Tagen auszugeben, ist kein Problem. Wir gingen ins Casino, kauften Schmuck und Anzüge, fuhren überall mit dem Taxi vor. Mit Geld biste wer. Wenn uns jemand fragte, woher wir das Geld hatten, sagten wir nur „Geschäfte, Bruder!“ Wenn ich hier rauskomme, habe ich aber einen Job auf einem Schrottplatz in Aussicht. Stewart* fängt bald hier in der JVA eine Lehre zum Gebäudereiniger an. Draußen habe ich Drogen genommen, schon Härteres als nur kiffen. Ich hätte hier zur Suchtberatung gehen können, fand das aber unehrlich. Als Junge, so mit dreizehn Jahren, bin ich mal auf so einen Bauernhof gekommen, wo ältere Suchtkranke waren. Zur Abschreckung, dort fand ich es aber gut, die anderen haben mich korrekt behandelt. Ich habe im Stall bei den Schweinen gearbeitet. Das war echt schön mit den Tieren. Eigentlich war Rauchen verboten, aber der Azubi da, der hat uns mit Kippen versorgt und wir haben heimlich geraucht. Mit Hilfe von Astgabeln, damit der Rauch nicht so an Händen und in den Klamotten kleben blieb.

Hier in Herford haben sie RAP Musik CD´s zum Kauf verboten. Es gibt nur welche in der Gefängnisbücherei. Alles Gute war eh immer vergriffen, aber trotzdem ist das blöd, da hätten wir ja mal drüber diskutieren können. Sind ja nicht alle Texte gewaltverherrlichend und frauenfeindlich. Das Lied „Out of Touch“ von dem Rapper MoTrip und Michael Patrick Kelly, das im Kölner Dom aufgenommen wurde, ist überhaupt nicht gewalttätig, sondern sie singen, dass wir alle in einem Boot sitzen und von Haus und Garten. Ein Haus, Garten und den Mercedes vor der Tür, das ist unser Traum. Mit Familie. Meine Älteste kommt langsam in das Alter, wo sie nachfragt. „Wenn du Blödsinn machst, kommst du in dein Zimmer und der Papa kommt eben nach Herford.“ So erkläre ich meiner kleinen Tochter, warum ich nicht zu Hause bin. In dem Rap heißt es „Dies hier ist ein magischer Moment / Ein kleines bisschen Hoffnung, wenn man gerade nicht dran denkt.“ Und Hoffnung zu haben ist das Allerwichtigste. Wir zwei sind wie Brüder und wollen noch viele magische Momente erleben.”

Protokollantin: Julia Hollwedel  | Der Dom, Magazin im Erzbistum Paderborn

Zu den Personen

Hussein* und Stewart* (beide 22) verbüßen momentan ihre Jugendhaftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Herford. Beide wurden schon mehrmals inhaftiert und haben noch offene Verfahren laufen. Deswegen ist ihr konkreter Entlassungstermin noch nicht bekannt.

* Namen von der Redaktion geändert

 

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