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Irgendwann ist der Tank leer. Wie läuft das Leben weiter?

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In der Corona-Krise geht das derzeitige Vertrösten und Warten auf bessere Zeiten mit einem ungleich stärkeren Kraftverlust einher als noch während des ersten Lockdown. Und es stellt sich die Frage: Womit tanken wir auf? Oder: Was tanken wir? – Die Möglichkeit eine Zapfpistole von einer Tankstelle online bestellen zu können, war für mich inspirierend. Was hilft mir und welche Kraftquellen halten mich am laufen?

„Kommt her zu mir alle…“  So beginnt einer der wichtigsten Sätze von Jesus von Nazareth. Er wird eigentlich immer als freundliche Einladung verstanden, sich in schwierigen Zeiten an ihn  zu wenden und dadurch „Erquickung“, wie Luther es übersetzt, bzw. Stärkung zu erfahren. Was wäre, wenn dieser Satz aber eine zweite Botschaft hinter der Botschaft hätte. Ich denke an ein Schild an der Route 66 auf der es heißt: Last Chance Gas Station. Was wird aus der freundlichen Einladung, wenn wir längst auf Reserve fahren. So lange der Tank halb voll ist, brauchen wir derartige Kraftressourcen nicht. Ist er halb leer, fangen wir schon mal an zu jammern oder sogar an zu protestieren. Gar nicht daran zu denken, wenn wir auf Reserve fahren oder mit einem leeren Tank liegen bleiben. Aus der freundlichen Einladung wird eine Mahnung. Last Chance: „Kommt her zu mir alle … .“

Es gibt Phasen eines Inhaftierten im Jugendvollzug, da geht nichts mehr. Dies genauso auch bei dem BeamtInnen, in der Verwaltung ebenso, im Sozialdienst, im psychologischen Dienst, bei den PädagogInnen oder dem erziehungswissenschaftlichen Dienst und nicht zu vergessen beim Werkdienst, den MeisterInnen in den Betrieben. Und irgendwann auch bei den SeelsorgerInnen. Irgendwann ist der Tank leer. Ein Tankpistole von einer Zapfsäule, ein leeren Benzinkanister das Schild von der Route 66 mehr braucht es nicht und es sprudelt im Gottesdienst geradezu aus den jungen Männer heraus. Die Kraftquellen: Familie, gutes Essen, Geld, ein Lächeln, eine Woche auf der Insel. Die Zapfpistole hängt voller Kraftquellen und es gilt diese anzuzapfen. Aber wenn dazwischen ein Zaun oder eine Mauer oder ein Virus liegt?

Diese Zeiten machen schon mal aus freundlichen Einladung eine Mahnung, die nicht vertrösten will, sondern geradezu sprudelt. Manchmal können wir das gerade von den jungen Inhaftierten lernen, die genau wissen, was Kraftquellen für ihr Leben sind, wenn man sie nicht hat.

Stefan Thünemann | JVA Herford

 

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