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In Fabeln steht der Wolf für Gewalttäter

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Der Wolf ist wieder da. Allein sein Name hat unseren Vorfahren den Schrecken in die Glieder fahren lassen. Mancherorts hierzulande tut er das jetzt wieder. Am wenigsten erfreut über die Neuausbreitung der Wölfe sind wohl Schäfer und Landwirte. Naturschützer dagegen sind begeistert. Was tun mit dem Wolf? In Fabeln steht der Wolf oft für Gewalttäter und Gesetzesbrecher.

Der bedeutende Dichter der deutschen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, beobachtet, wie die Leute seiner Zeit mit Straftätern umgehen, die den Willen haben, sich wieder einzugliedern. Ergebnis: Niemand traut ihnen das zu. Lessing macht daraus eine Fabel. Die hat kein gutes Ende. Und dann gibt es da noch Wölfe im übertragenen Sinne. Die kommen in Märchen und Fabeln vor. Da war er nie weg, der böse Wolf. Und immer vorhanden war er auch in der heiligen Schrift. Meist steht er in Bibel und in Dichtung für gefährliche üble Menschen.

In der Apostelgeschichte warnt Paulus die Mileter. Sie mögen acht geben. Nach seinem Weggang würden reißende Wölfe die Herde, die Gemeinde dezimieren (Apg 20, 29). Ähnlich weist Jesus in der Bergpredigt auf die Gefahr falscher Propheten hin, die als harmlose Schafe getarnt in Wirklichkeit aber Wölfe sind (Mt 7, 15). Noch bekannter sind Jesu Tierbilder bei der Aussendung seiner Zwölf: „Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Seid daher klug wie Schlangen und arglos wie die Tauben!“ (Mt 10, 16)

Tiermetaphern sind dies, keine Fabeln. Die Botschaft ähnelt dennoch der der Fabeln. Auf die Ausformulierung einer fiktiven Beispielgeschichte verzichtet Jesus jedoch. Er bringt es prägnant auf den Punkt. Beherrscht hätte Jesus die Fabel als Gleichniserfinder leicht. Und gekannt hat er als Leser seiner heiligen Schrift diese Gattungsform auch. In der Bibel Jesu gibt es immerhin zwei echte Fabeln, keine Tier-, aber doch Pflanzenfabeln. Die berühmteste ist die von der Königswahl der Bäume (Richter 9, 8-15), die Martin Buber einmal als die stärkste antimonarchische Dichtung der Weltliteratur bezeichnete.

Zurück zu den Wölfen und zur Frage, wie die Leute mit ihnen umgehen sollen, sowohl mit den echten, als auch mit denen im übertragenen Sinne. Die „Lösung“ für das Wolfsproblem in unserer Region war vor fast 200 Jahren die Ausrottung. Den letzten im Ruhrgebiet geschossenen Wolf kann man als ausgestopftes Präparat im Regionalforstamt Ruhr in Gelsenkirchen betrachten.

Ein Dichter denkt beim Thema des Umgangs mit den Wölfen natürlich metaphorisch. Er beginnt zu fabulieren. Er macht eine Fabel. Zumindest hat dies Gotthold Ephraim Lessing im 18. Jahrhundert getan. Wie heute noch so war auch damals die Frage aktuell, was man mit „menschlichen Wölfen“ macht, also mit Räubern, Gewalttätern, Gesetzesbrechern. Lessing beobachtete die Einstellung der Leute zum Umgang mit Straftätern ganz genau. Die meisten dachten: Die volle Härte des Gesetzes soll sie treffen. Das ist heute nach Umfragen in der Bevölkerung nicht viel anders. Der Resozialisierungsgedanke ist eher auf dem Rückzug. Lessing analysiert und beleuchtet einfach die Verhältnisse seiner Zeit. Das kleine Werk, das er daraufhin schreibt, nennt er: Die Geschichte des alten Wolfes in sieben Fabeln.

Wie umgehen mit Gesetzesbrechern, nicht mit Jugendlichen, nein, mit in die Jahre gekommenen, mit Langstrafigen? Mit solchen, die nun sagen, sie wollen niemandem mehr Schaden zufügen, mit solchen, die das vielleicht vortäuschen, mit solchen, die es wirklich versuchen wollen. Finden sie einen, der ihnen traut Hören wir Lessing: Der alt gewordene Wolf, der den Besserungsentschluss gefasst hat, geht zum ersten Schäfer. Er bittet ihn, ihm zu helfen, dass er nur nicht hungern muss, dann bliebe er zahm. „Du und dein Geiz werden nie satt. Geh deinen Weg!“, erhält er als Antwort. Und so geht es noch fünfmal weiter. Immer wird er abgewiesen. Niemand traut ihm. Einmal bietet er an, für den toten Hirtenhund einzuspringen und zu arbeiten. Chancenlos. Einen Dieb will sich der vierte Schäfer nicht ins Haus holen. Auch seine Bitte, nur die toten Schafe zum Fraß zu erhalten, findet kein Gehör. Schließlich bietet er beim sechsten Schäfer seinen Pelz an, wenn er ihn bis zum Tode füttern würde. Der will aber sofort seinen Pelz haben und jagt ihn mit der Keule.

Wenn man diese Fabel in einer Gesprächsrunde vorträgt, könnte man hier eine pädagogische Unterbrechung einlegen und fragen, wie die Geschichte wohl ausgeht, welche Lösung man selber vorschlagen würde. Gut geht die Geschichte nicht aus, nicht so gut wie bei der endzeitlichen Friedensvision des Propheten Jesaja 11, 6, wo schließlich Wolf und Lamm einträchtig zusammen liegen. Nein, in Lessings Fabel gerät am Ende der alte Wolf in äußerste Wut über die Unbarmherzigkeit der Leute. Er will, bevor ihn der Hunger tötet, lieber als ihr Feind sterben und reißt sogar die Kinder der Schäfer. Am Schluss wird Lessing nachdenklich und lässt den weisesten der Schäfer zu Wort kommen: „Wir taten doch wohl unrecht, dass wir den alten Räuber auf das Äußerste brachten und ihm alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch war, benahmen.“                   

Alfons Zimmer | JVA Bochum

 

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