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Wenn es keinen Ausweg gibt. Was kann Seelsorge tun?

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Gefängnisseelsorge wird vor dem Hintergrund der Perspektivlosigkeit vieler Langzeitinhaftierter als Teilen und Aushalten von Ohnmacht und Ratlosigkeit interpretiert. In der Seelsorge wird ein Inhaftierter nicht primär als psychisch krank oder als Objekt von Resozialisierung betrachtet. Seelsorge ist Begleitung auch dann, wenn therapeutische Maßnahmen keinen Sinn mehr machen. Für Seelsorge als praktizierte Rechtfertigungslehre ist eine grundlegende Akzeptanz des Gegenübers charakteristisch.

Sie verzichtet darauf, dem Sinnlosen und Sinnwidrigen einen Sinn zu unterlegen, den es nicht hat. Nicht die Erhellung von Sinn ist das Ziel der Seelsorge, gleichwohl kann sie Menschen im günstigen Fall helfen, sich zum Sinnlosen in ein sinnvolles Verhältnis zu setzen. Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger arbeiten mit und für Menschen, für die sich in dieser Gesellschaft kaum jemand wirklich interessiert, die keine Lobby haben in den Parlamenten, die kaum artikulations- oder öffentlichkeitsfähig sind. Allein Skandale in Gefängnissen dringen nach außen und lassen sich medial aufmerksamkeitsheischend aufbereiten. Sie bestätigen einmal mehr das deprimierende Bild, das man vom Gefängnis und seinen Insassen – den Verlorenen und Gescheiterten dieser Welt – hat.

Deshalb ruft das Wort „Gefängnis“ in aller Regel Gefühle hervor, die größte Distanz zum Ausdruck bringen. Muss jemand ins Gefängnis, dann ist er zutiefst in seiner Identität markiert und gebrandmarkt. Der Weg zurück in die Gesellschaft ist für viele schwer, selbst für die, die der Resozialisierung eigentlich gar nicht bedürfen, weil sie schon immer mehr oder weniger „gute Bürger“ waren, lediglich an einem Punkt tief gefallen sind. Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger sind für die Gefangenen oft die entscheidenden Ansprechpartner und Türen zur Außenwelt. Keineswegs durchgehend sind sie mit ausweglosen Situationen konfrontiert. Viele Gefangene sind nur wegen kleiner Delikte im Gefängnis und verbringen dort nur wenige Monate. Zugleich haben sich nicht wenige Inhaftierte mit der Gefängnissituation erstaunlich anpassungsfähig arrangiert. Sie versuchen mit bemerkenswerten Sinnkonstruktionen ihrem Dasein das Beste abzugewinnen und wirken weder hoffnungslos noch lebensuntauglich. […]

Seelsorge als praktizierte Rechtfertigungslehre

Der Gefängnisseelsorger wird mit der Erfahrung äußerster Ohnmacht und Hilflosigkeit konfrontiert. Und doch ist es gerade dieser Gefängnisseelsorger, der dem Inhaftierten als einzige Person noch die Treue hält: Alle anderen, die Drogenberaterin, die Therapeuten, der Arzt, alle Hilfspersonen, die sich eigentlich von Amts wegen noch um ihn kümmern müssten, haben ihn aufgegeben. Selbst die Mutter will nichts mehr von ihm wissen. Nicht einmal die Mithäftlinge, bei denen er verschuldet ist, wollen noch mit ihm zu tun haben. Alle haben den Kontakt abgebrochen. Der Inhaftierte erlebt einen sozialen Tod und denkt nicht zuletzt deshalb auch über eine physische Selbsttötung nach. Nur noch der Seelsorger geht zu ihm, begleitet ihn, schenkt ihm Zeit und Präsenz, erträgt seine Perspektivlosigkeit, steht ihm bei in dunkelster Nacht. Nur hier wird Beziehung noch aufrechterhalten, Ohnmacht und Ratlosigkeit geteilt und Sinnlosigkeit mitgetragen und ausgehalten.

In der Treue dieses Seelsorgers spiegelt sich die Treue Gottes. Der Seelsorger wird in der Begegnung mit dem Inhaftierten zum Symbol für Gott, der keinen Menschen aufgibt, der alle, auch die Verlorensten, als seine geliebten Geschöpfe betrachtet und keinen fallen lässt. Gefängnisseelsorge ist praktizierte Rechtfertigungslehre. Sie nimmt den anderen wahr und an trotz aller Abgründe, trotz allen Scheiterns, trotz mangelnder Fähigkeit und vielleicht auch Bereitschaft, sich selbst zu verändern. Das impliziert keine Kumpanei mit dem Inhaftierten. Man spürt dem Seelsorger den Schrecken über das misslungene, perspektivlose Leben ab. Aber er weist den Gefangenen, der nur noch auf seinen Tod wartet, nicht ab, sondern steht ihm bei. Er tut dies nicht mit billigen Worten. Er fragt kritisch nach, er ist ein aktiver Gesprächspartner, der sich nicht darauf beschränkt, die Perspektive seines Gegenübers empathisch zu spiegeln. Und er schweigt. Er schweigt aus Betroffenheit. Er schweigt, weil es nichts zu sagen gibt, weil es keine Lösung gibt und das Versprechen rascher Hilfe töricht wäre. Schweigen ist eine angemessene Reaktion auf tiefempfundenes Leid. Am Ende des Gesprächs signalisiert der Seelsorger, dass er der Verzögerung bedarf, um über das Schweigen hinauszukommen.[…]

Die Unabhängigkeit der Gefängnisseelsorge

Seelsorgerinnen und Seelsorger sollten ein Behandlungskonzept innerhalb des Gefängnisses nicht unterlaufen, aber sie dürfen sich zugleich auch nicht für bestimmte Behandlungsziele instrumentalisieren lassen. Seelsorge distanziert sich von der totalen Institution Gefängnis. Sie versteht sich nicht als „Erfüllungsgehilfe staatlicher Ziele“. Die Unabhängigkeit der Seelsorge ist Grundlage für das Vertrauen, das die Gefangenen den Seelsorgerinnen und Seelsorgern entgegenbringen. Seelsorge ist dazu da, Gefühlen Raum zu geben, einen Raum zum Gespräch in großer Offenheit zu eröffnen, Kraft zutanken – ohne ein klares Ziel. Seelsorge ermöglicht es Menschen, sich im Horizont der Liebe Gottes zu betrachten. Was daraus wird, ist ein gänzlich offener Prozess. Menschen erwarten von seelsorgerlicher Kommunikation einen Freiraum, in dem sie wohlwollende Unterstützung erfahren. Die vertraglichen Verhältnisse liegen deshalb anders als bei der therapeutischen Arbeit. In der Seelsorge „muss nichts erreicht werden, es muss nichts verändert werden, man muss nicht an Problemen arbeiten. Seelsorge stellt Zeit zur Verfügung […]. Man darf sein. Der Raum des Möglichen ist unabsehbar groß und wird nur eingeschränkt durch Takt, Würdigung und Religion. Worum es geht, muss eigens vereinbart werden. Wenn Ziele oder Veränderungen zu erreichen sind, muss dies vereinbart werden […]. In diesem Sinne ist Seelsorge eine deutlich offenere Situation als strukturelle Festlegungen der Psychotherapie und Beratung.“

In dieser Offenheit liegt nicht die Schwäche, sondern die Stärke der Seelsorge: „Betroffene suchen [in der Seelsorge] Religion und nicht Medizin auf, weil sie ihre Belange nicht mit der Leitdifferenz ‚gesund/krank‘ beschreiben und dies auch von Anbieterseite vermieden wissen wollen. Dass man keine Diagnose bekommt, ist die Hoffnung und der Vertrauensvorschuss, den Religion hat.“ Die Gefängnisseelsorge ist eine Beobachtung innerhalb des Systems von außerhalb des Systems. Dort, wo Vertrauen zum Gefängnispersonal gewachsen ist, geht mit der Unabhängigkeit der Seelsorge die Möglichkeit einher, die eine oder andere Praxis im Umgang mit Inhaftierten zu kritisieren und auf Missstände hinzuweisen. Mit der Außenstellung und Unabhängigkeit der Gefängnisseelsorge ist ferner das Beichtgeheimnis und das Zeugnisverweigerungsrecht verknüpft, durch das die Gefängnisseelsorge eine ganz besondere Stellung in der Organisation des Gefängnisses inne hat.

Das ist eine kaum zu überschätzende Ressource. Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger sind keiner staatlichen Disziplinargewalt unterworfen und die einzigen Mitarbeitenden im Gefängnis, die gegenüber der Anstaltsleitung nicht berichtspflichtig sind. Sie repräsentieren schon allein deshalb nicht das Gefängnis, nicht die Gesellschaft, sondern einen religiösen Schutzraum jenseits davon, in dem prinzipiell alles gesagt werden kann und der betroffene Inhaftierte keine Nachteile im Hinblick auf mögliche Vollzugslockerungen oder der Aussetzung eines Strafrestes zu befürchten hat. Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen jenseits der Hierarchie im Gefängnis und schaffen damit einen Vertrauensraum. Die Bedeutung von Vertrauen ist in einer durch tiefes Misstrauen geprägten sozialen Umgebung kaum zu überschätzen.

Seelsorge als religiöse Kommunikation

Seelsorge ist religiöse Kommunikation. Das heißt nicht, dass Seelsorge ständig religiöse Themen zu bearbeiten hätte, keinesfalls. Es bedeutet vielmehr, dass Seelsorge als Teil des Religionssystems in besonderer Weise die Kontingenzerfahrung von Menschen zu adressieren vermag. „Das Bezugsproblem der Religion ist Kontingenz: Religion absorbiert hoch irritierende und letztlich nicht still zu stellende Fragen“. Diese Fragen werden im Alltag in der Regel ausgeblendet. Stellt sich jedoch eine Sinnkatastrophe ein, drängen sie sich unerbittlich in den Vordergrund. Wenn das Leben aus den Fugen gerät, werden wir zum Nachdenken gezwungen, dann werden Prioritäten neu sortiert, dann stellt sich die Frage, warum wir so geworden sind, wie wir geworden sind und was uns noch bleibt.

Während eine Organisation wie das Gefängnis Kontingenz durch Handlungen bearbeitet, ist es das Spezifikum des Religionssystems und damit der Seelsorge, sich der Kontingenz der Welt direkt zu stellen bzw. sie unmittelbar zum Thema zu machen. Religion symbolisiert und bearbeitet die Unbestimmbarkeit der Welt. Religion hält die Unbestimmbarkeit der Welt aus und macht „Unbestimmtheit unmittelbar zum Thema“. Deshalb kann in der Seelsorge auch geschwiegen und Handlung bewusst vermieden werden. Die Religion stellt die Frage an uns, „wie wir mit Nichtwissen, mit Unsicherheit, mit Ambivalenzen und mit Uneindeutigkeiten umgehen.“ Der Seelsorger muss schon aus diesem Grund keine Lösungen anbieten, sondern kann das Nichtwissen, den Zweifel, die Vieldeutigkeit aushalten. Das Unerklärliche, ambivalent Bleibende wird nicht als Ende möglicher Kommunikation, sondern als Kommunikationsangebot betrachtet, das auch im Schweigen bestehen kann. Die Institution Gefängnis entlastet sich durch das Angebot der Gefängnisseelsorge zugleich von den großen Irritationen, von den Fragen nach Sinn und Unsinn, und weist diese dem Religionssystem zu.

„Religion tritt in der Seelsorge fallweise auf, nicht systematisch.“ Oft befassen sich seelsorgerliche Gespräche mit anderen Angelegenheiten. „Seelsorge fährt ‚zweigleisig‘, da sie neben einer Erstkodierung eine Zweitkodierung verwendet. Ihr Geschick besteht darin, kunstgerecht die Implikationen der Religion in das Gespräch einzubeziehen […]. Kontingenz und Würdigung von Individualität sind hierbei die zentralen Themen.“ Schon allein die Professionsrolle des Seelsorgers oder ein Gebet oder eine Segenshandlung am Ende eines Gesprächs markieren den Kontakt als einen religiösen. Die Gefangenen selbst wissen wiederum ganz genau, wen sie vor sich haben: Einen Geistlichen, der auf existentielle und religiöse Fragen, vielleicht auch auf die Frage nach Schuld und Vergebung ansprechbar ist. Für die religiöse Kommunikation im Strafvollzug spielen Gottesdienste eine zentrale Rolle. Gefangene in Untersuchungshaft haben durch den Gottesdienstbesuch die einzigartige Möglichkeit, ihre Zelle zu verlassen und eine Gemeinschaft mit anderen an einem ästhetisch anspruchsvolleren, „heiligen“ Ort zu erleben. Im Gottesdienst wird zusammen gesungen und gebetet, gemeinsame Aktionen, die vielen Inhaftierten von ihrer Sozialisation her eher
fremd sein dürften. Gefängnisseelsorger und Gefängnisinsassen versammeln sich im Gottesdienst als eine Gemeinschaft von Gleichen.

Die Gefangenen finden dort einen Ort, an dem sie ihrer Wut, ihrer Hilflosigkeit, ihrer Hoffnung Ausdruck geben können. Scheitern und Gebrochenheit dürfen sein und werden vor Gott gebracht. Gottesdienste unterbrechen den monotonen Gefängnisalltag, sie stellen eine Feier dar in einer ansonsten tristen Umgebung, sie sind ein Schutzraum, in dem Inhaftierte emotionale Unterstützung erfahren und wenigstens rudimentär ein Sozialleben genießen können. Musik und Gesang haben dabei eine ganz besondere Bedeutung: „Das gemeinschaftliche Eintauchen in Gesang und Musik hat eine heilsame Wirkung, die sich im Gefängnis durch den radikalen Kontrast mit dem Lärm der Umwelt noch stärker entfaltet als andernorts. Gottesdienste im Gefängnis stellen eine alternative Form der Gemeinschaft dar. Sie „transzendieren die Enge der verbalen Kommunikation und des persönlichen Gesprächs und berühren spirituelle und körperliche Dimensionen des menschlichen Lebens. Gesang und Körperbewegung stehen im Kontrast zur überwältigenden Öde des Gefängnisalltags. Wichtige Erfahrungen von Besuchern im Gefängnis sind verbunden mit Gottesdiensten, die […] radikal eine Gegenwelt und Kontrasterfahrung zum Gefängnis kreieren“. […]

Schlussbemerkungen

In der JVA Stuttgart-Stammheim sind vorwiegend Untersuchungsgefangene und Menschen mit kürzeren Haftstrafen untergebracht. Bei meinem Besuch dort empfand ich es als beklemmend, wie sehr einerseits die technische Sicherung und Verwahrung im Vordergrund steht und wie wenig andererseits für die psychologische und therapeutische Betreuung der Gefangenen, für Sport, für die räumliche Unterbringung und für die Resozialisierung überhaupt getan wird. Selbst wenn ein Gefangener resigniert, über Jahre hinweg nicht die Zelle für den Hofgang verlässt und völlig apathisch wird, scheint das für die Anstalt kein Anlass zu handeln zu sein. Es geht lediglich darum, Suizide zu verhindern und jeden Morgen kurz zu prüfen, ob der Gefangene noch lebt.

Der gesamte Beitrag geht auf einen Vortrag zurück, der in Luzern auf der Alpenländischen Tagung gehalten wurde.

Zugleich haben mich die Gefangenen, mit denen ich sprach, mit ihrem Lebens- und Gestaltungswillen nachhaltig beeindruckt. Sie konnten ihre Lage oft nicht ganz realistisch einschätzen, aber jeder der Gefangenen, denen ich begegnete, war in der Lage, sich relativ nüchtern mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, Werte, die für ihn leitend sind, zu nennen, Perspektiven zu entwickeln und dem Leben einen Sinn zu verleihen – und das in einer Umgebung ohne jede Möglichkeit der Beschäftigung, oft auch ohne zu wissen, wann und wie es weitergeht. Dabei sind die Sinnkonstruktionen der Gefangenen selbstredend anderer Art als die bürgerlichen.

Ein Gefangener, der seit über 20 Jahren in Haft sitzt und in Stammheim zur Sicherungsverwahrung untergebracht ist, erzählte mir stolz, dass niemand so gut wie er Tresore knacken könne. Er war zwar zornig über vieles, was er im Gefängnis und mit der Justiz schon erlebt hatte, aber zugleich auch kritisch im Hinblick auf seinen eigenen Beitrag zu einem verpfuschten Leben in der Vergangenheit. Er war auch weit entfernt davon, sein Versagen zu psychologisieren, obwohl er aufgrund traumatischer Erfahrungen in der Familiengeschichte (seine Verwandtschaft [Roma] wurde im Dritten Reich weitgehend ermordet) und individuell in seiner Biographie dazu reichlich Grund gehabt hätte. Er signalisierte deutlich, dass sein Lebenswille unbeugsam ist, dass er noch viel vorhat, dass er von der Zukunft etwas erwartet und er auf keinen Fall gewillt ist aufzugeben.

Es ist insofern Vorsicht bei der Unterstellung von aus bürgerlicher Perspektive sinnloser Existenz geboten. Auch unter sehr widrigen und entwürdigenden Bedingungen vermochten es meine Gesprächspartner, ein sinnvolles Verhältnis zum Sinnlosen zu finden bzw. ihrem prekärem Leiden einen Sinn abzutrotzen. Für alle war die Begegnung mit dem Gefängnisseelsorger dabei elementar. Für alle war Religion und der Besuch der Gottesdienste in der Anstalt von persönlicher Bedeutung. Dieser Eindruck ist sicher nicht repräsentativ, aber er zeugt zugleich davon, welche Kraft eine Seelsorge als praktizierte Rechtfertigungslehre im Gefängnis entfalten kann.

Prof. Dr. Isolde Karle | Universität Bochum

 

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