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Weihnachten im Kopf ist nicht deckungsgleich mit Realität

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Als Gemeindepfarrer habe ich in fast 20 Jahren auf unzähligen Advents- und Weihnachtsfeier immer wieder Kurzgeschichten vorgelesen. In denen ging es teils humorvoll, teils nachdenklich um Weihnachtserlebnisse, die anders ausfielen als geplant. Ob aus der Krieg- oder Nachkriegszeit, ob zu Zeiten des Wirtschaftswunders oder den 68ern oder aus den 70er bis 90er Jahren, immer war es irgendwie das gleich Chema: Das Weihnachten im Kopf ist nicht deckungsgleich mit der Realität.

Ich selbst als Vorleser war dabei eher distanzierter Zuhörer. Weihnachtsgeschichten, die sich mit meinen Erwartungen nicht deckten, hatte ich nicht zu berichten. Obgleich ich mittlerweile Heiligabende genug erlebt habe, die anders waren als gewohnt: Krippenspiele, die mit Pannen bis ins neue Jahr für Gesprächsstoff sorgten, der Tod meines Vater und das erste Weihnachtsfest mit meiner Mutter allein oder später umgekehrt mein Schwiegervater allein bei uns oder ein Weihnachten ohne meine Frau, nur ich mit den Kindern allein. Und nur andeutungsweise, wie muss es für meine Familie all die Jahre gewesen sein, als sie auf mich warten mussten, bis ich alle Gottesdienste gehalten hatte.

Weihnachten schwarz/weiß

Ich nenne diese Weihnachten „Weihnachten in schwarz-weiß“. Und in diesem Jahr kommt sogar mit Anlauf dieses Fest daher, als ein Fest des ganz Anderen. Gottesdienste finden im Internet statt, wenn sie nicht sogar ausfallen; der Geschenkekauf ist jäh unterbrochen durch den Lockdown; und die Familie unterm Baum schrumpft zusammen. Eben auch ein Weihnachten in schwarz-weiß aber mit Ansage. Und ich frage mich, was ist schwarz und was ist weiß, was ist zu bedauern und wo liegt die Chance? Ganz ehrlich, ist das nicht ein Weihnachtsfest, wie in jedem Jahr? Für den einen mehr und für die anderen weniger.

Früher als Gemeindepfarrer und heute als Gefängnispfarrer ist es auf jedem Fall wie immer. Zu oft hatte und habe ich mich gefragt, wo sind all Jahre die geblieben, für die Weihnachten auch schwarz-weiß war. Heute sind wir alle betroffen. Allen Lesern wünsche ich die große Offenheit und Bereitschaft, in Weihnachten immer beides zu entdecken, schwarz und weiß. Und vor allem die Zwischentöne!

Stefan Thünemann | JVA Herford

 

 

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