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Was hält mich als Seelsorger im Justizvollzug?

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Viele hält es nicht im Justizvollzug. Sie halten es im Vollzug nicht lange aus. Das muss nicht gegen sie sprechen. Im Gegenteil: Ich meine, dass vieles dafür spricht, dem Vollzug den Rücken zu kehren. Vielleicht sind es sogar die Besseren, die weggehen. Manche Anfänger setzen sich von vornherein ein zeitliches Limit: Nicht länger als 5 bis 8 Jahre. Manch einer geht schon nach wenigen Jahren, weil des Ganze ihn schafft, krank macht. Wenn einer aus der Knastarbeit aussteigt, hat er es schwer, wieder in die sogenannte ordentliche Seelsorge einzusteigen.

Der Aussteiger muss auf einer für ihn fremd gewordenen Ebene einsteigen. Durch den jahrelangen Umgang mit Fernstehenden hat er sich selbst ein Stück weit von der Kirche entfernt und von allen, was darin so selbstverständlich und so wichtig ist. Wer 15, 20 Jahre oder noch länger im Vollzug ist kann nicht einfach mehr zurück in eine normale Kirchengemeinde. Er ist wie der Gefangene, der Angst hat vor dem, was draußen auf ihn zukommt. Trotzdem ist es nicht zu empfehlen, „lebenslänglich“ im Vollzug zu bleiben. Denn keiner kann die Arbeit auf die Dauer tun, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen. Viele Seelsorger sind krank geworden im Vollzug, am Vollzug, krank durch das, was im Vollzug vollzogen wird.

Was hält mich?

Ich selbst war dreizehn Jahren auf dem Hohenasperg, einem Vollzugskrankenhaus tätig. Neben einer chirurgischen Abteilung gibt es dort zwei innere Abteilungen und zwei Stationen für psychisch Kranke. Auch die sozialtherapeutische Anstalt Baden-Württemberg ist auf dem Hohenasperg angesiedelt. Gerade kranke Gefangene fühlen sich oft als Objekte, einem allmächtigen Apparat ohnmächtig ausgeliefert.

So muss ich mir jeden Tag nicht nur die üblichen Klagen und Anklagen gegen die Justiz anhören, sondern auch die Anklagen gegen die Ärzte, die in den Augen vieler Gefangener nur Handlanger der Justiz sind. Immer wieder erlebe ich mich als Klagemauer. Mehrmals bin ich schon ins Wanken geraten und einige Male war ich ganz nahe dran alles hinzuwerfen. Ich bin nicht gegangen, ich bin geblieben. Warum? Was hält mich? Was hat mich dort gehalten, wo ich es manchmal nicht länger aushalten kann?

In ihrer Art oft offener und ehrlicher

Ich weiß es selber nicht so genau und kenne im Einzelnen selbst meine Beweggründe nicht. Aber ich kann Ihnen einige Dinge nennen, die mir wichtig erscheinen und die vielleicht auch für Sie zutreffen. Ein Seelsorger kann in verschiedenen Bereichen sinnvoll tätig sein: In der Jugendarbeit, in der Gemeinde, im Krankenhaus. Mir liegen diese Tätigkeitsfelder nicht so. Das hat wohl mit mir selber zu tun. Ich habe so etwas wie einen Zug nach unten. Ich fühle mich hingezogen zu den Menschen, die unten, am Rande stehen.

Ich mag die Menschen im  Gefängnis, weil sie in ihrer Art oft viel offener, ehrlicher und auch direkter sind als die Leute draußen. Ich fühle mich unter Gefangenen wohler als unter den sogenannten besseren Leuten. Für mich ist es keine Strafe, mit Straftätern zusammen zu sein. Die Arbeit als Gefängnisseelsorger bietet mir eine Reihe Vorteile. Anderen Bediensteten gegenüber habe ich eine Menge Privilegien. Ich kann kommen und gehen, wann ich will. Ich hebe keinen direkten Dienstvorgesetzten, der mir meine Arbeit vorsetzt und mich kontrolliert. Ich muss nicht wie der Sozialarbeiter und der Psychologe eine Menge Stellungnahmen schreiben. Ich kann reden, mit wem ich will, worüber ich will solange ich will. Ich kann in einem gewissen Rahmen Kritik Üben. Ich habe mein eigenes Büro, in das ich mich zurückziehen kann. Ich bin mein eigener Chef. Das genieße ich, denn ich kann schlecht einem Dienstherren dienen.

Kein streiten mit Rechtgläubigen

Ich kenne in der gesamten Seelsorge keinen Bereich, wo ich als verheirateter katholischer Theologe so selbständig und frei arbeiten kann, wie gerade im Gefängnis. Viele Probleme, die Pastoralreferenten mit ihrem Pfarrer oder mit bestimmten Gruppen in der Kirchengemeinde haben, habe ich nicht. Ich bin verschont von Ärger, den meine Kollegen im Religionsunterricht in der Hauptschule haben, und ich brauche mich im  Gefängnis nicht herum streiten mit den Rechtgläubigen. Wenn ich im Vollzug geblieben bin und dort bleibe, dann nicht zuletzt deshalb, weil ich mir im Klaren darüber bin, dass es für mich in der Kirche keine Alternative gibt. Umgekehrt habe ich natürlich im Gefängnis eine Reihe Probleme, die meine Kollegen draußen nicht haben. Als Seelsorger bekomme ich zwangsläufig Konflikte im Vollzug, mit der Strafe, die dort vollzogen wird.

Konflikte im Vollzug austragen

Als Seelsorger kann ich nicht alles, was ich im Gefängnis erlebe und durchleide mit dem Mantel der Liebe zudecken. Der Konflikt mit der Justiz ist praktisch vorprogrammiert, weil der Seelsorger im Dienste der Versöhnung steht. Er hat die versöhnende Hand Gottes weiterzugeben in einem Haus, das keinem vergibt. Der Seelsorger möchte das Böse durch das Gute überwinden in einem Haus, in dem das Böse bestraft, vergolten wird. Der Vollzug ist immer noch vom Schuld – Strafe – Denken geprägt, auch wenn auf dem Papier von einem anderen  Strafvollzugsziel die Rede ist. Gerade in letzter Zeit beobachten wir bundesweit, dass der Sühnegedanke wieder viel stärker als früher betont und ein härterer Vollzug „gefahren“ wird. Sicherheit und Ordnung werden immer größer geschrieben, während der Mensch und das  Menschliche immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird. Nicht der Mensch, sondern der Paragraph steht an erster Stelle.

Öl und Sand im Getriebe

Für unser Anliegen Versöhnung, Vergebung, Erbarmen bleibt immer weniger Raum in der unbarmherzigen Vollzugsbürokratie. Wer darauf hinweist, dass der Mensch nicht für das Gesetz, für die Vorschriften da ist, sondern umgekehrt, wird als Störenfried empfunden. Wer nach Menschlichkeit fragt gilt als unbequem. Wer darauf hinweist, dass die Menschenwürde im Vollzug nicht nur angetastet, sondern manchmal mit den Füßen getreten wird, ist ein Nestbeschmutzer. Vom Seelsorger wird erwartet, dass er dazu beiträgt, dass die Vollzugsmaschinerie geschmiert läuft. Dem Aufsässigen soll er gut zureden, den Renitenten beruhigen und den Verzweifelten trösten. Er soll in der Not helfen, nicht zuletzt mit Tabak. Sobald es irgendwo in der Vollzugsmaschine hapert, soll er einspringen. Auch wenn der Seelsorger Sand im Getriebe sein möchte, oft ist er Öl. Kein Seelsorger kann auf die Dauer nur Sand im Getriebe sein. Jeder trägt dazu bei, dass die Maschine läuft. Wenn ein Seelsorger aber nur Öl ist, dann wird er sich selbst schmierig vorkommen und das Gefühl haben, seinen Auftrag verraten zu haben. Als Seelsorger sollen wir das Kunststück fertigbringen, gleichzeitig Öl und Sand zu sein.

Bin ich selbst hilflos?

Diese Doppelrolle kann einen brechen, auch charakterlich. An dieser Doppelrolle ist schon manch einer zerbrochen. Um am Vollzug zugrunde zu gehen, braucht man keine Riesenkonflikte, es genügt, dass man seine Augen öffnet, dass man sieht. Wenn ich sehe, wer alles im Gefängnis sitzt und wer alles nicht sitzt, dann weiß ich, dass viele für ihre Armut bestraft werden. Ich kann nicht Übersehen, dass der Vollzug sich schädlich auswirkt. Ich sehe keinen, der durch den Vollzug besser geworden ist. Ich sehe aber viele, die durch den Vollzug so aggressionsgeladen und hasserfüllt geworden sind, dass sie bei der Entlassung viel gefährlicher sind als bei der Verhaftung. Ich sehe viele, die bei der Entlassung viel gefährdeter sind, weil sie durch des Leben im Vollzug noch viel unselbständiger geworden sind und dadurch noch mehr Gefahr laufen draußen zu scheitern. Ich sehe viele im Knast, die man nicht einzusperren bräuchte und denen man helfen könnte. Und ich sehe vor allem, dass ich selbst hilflos bin.

Unsichtbare Mauern und Gitter

Aber wenn ich des alles so sehe, warum bleibe ich dann? Was hält mich dort, wo es eigentlich nicht auszuhalten ist? Ist es vielleicht die eigene Lust am Leiden? Brauche ich vielleicht all das Elend, damit ich mich nicht selbst so elend fühle? Brauche ich vielleicht Menschen, denen es schlechter geht als mir, damit es mir besser geht? Solche Fragen sind nicht angenehm, aber sie sind wichtig, weil sie die Motivation hinterfragen. Auf jeden Fall bin ich mir im Klaren darüber; dass es nicht nur edle Motive sind, die mich das alles aushalten lassen. Vielleicht ist es der tägliche Umgang mit kriminellen, der meine eigenen kriminellen Energien befriedigt. Manch einer hat das getan, was ich insgeheim auch gerne getan hätte oder was ich gerne tun würde, was ich aber aufgrund meiner Erziehung nicht tun kann. Ich sympathisiere mit manchen Gefangenen, weil ich für ihre Straftat Sympathie empfinde.

Dass ich mich im Gefängnis trotz allem wohl fühle, hat wohl auch mit meinem eigenen Gefangen-sein zu tun. Ich habe meine Gefangenschaft nicht nur jahrelang im Internat erlebt, sondern mein ganzes Leben scheint mir ein Gefängnis zu sein mit unsichtbaren Gittern und Mauern. Gefangenen gegenüber habe ich (unbewusste) Schuldgefühle. Ich hebe das Gefühl, dass ich ihnen schuldig bin, zu helfen, weil ich eine viel bessere Kindheit gehabt habe als die meisten von ihnen. Weil mir bewusst ist, dass ich im Leben mehr Glück gehabt habe als die Menschen, die in Heimen großgezogen wurden, fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu helfen. Dadurch erleichtere ich meine eigenen Schuldgefühle; durch die Hilfe an andere helfe ich mir selbst.

Täglich mehrere Beichten

Als Seelsorger bekomme ich von den Gefangenen viel Resonanz: „Es ist gut, dass sie da sind“, „das Gespräch mit Ihnen hat mir gut getan“. Mir tut es gut, wenn ich spüre, dass die Gefangenen mich mögen. Es tut mir gut, dass ich ihr Seelsorger sein kann. Ich weiß, vieles was ich tue, tut auch der Sozialarbeiter oder der Psychologe oder der Arzt. Und dennoch bin ich auch und nicht zuletzt Seelsorger. Vielleicht mehr als die meisten Pfarrer draußen. Ein Pfarrer klagte mir vor ein paar Tagen sein Leid, dass kaum Leute noch zum Beichten kommen, auch nicht in der Fastenzeit. Der Gefangenenseelsorger bekommt täglich mehrere Beichten zu hören, auch wenn sie nicht sakramentaler Art sind.

Manches Gespräch ist eine Aussprache, eine Lebensbeichte. Beim Seelsorger reden sich viele ihre Not von der Seele und überladen ihn mit ihrem seelischen Müll. Nicht umsonst haben viele Seelsorger den Eindruck, dass sie der Mülleimer der Gefangenen sind. Mir tut es gut, wenn Gefangene mir buchstäblich alles anvertrauen, auch wenn das gleichzeitig sehr belastend sein kann. Im vertraulichen Gespräch unter vier Augen erlebe ich den Menschen in seiner seelischen Not. Oft brauche ich nur da zu sein, „nur“ zu zu hören. Allein schon des offene Ohr öffnet Menschen, die sonst nirgends Gehör finden. Im seelsorgerlichen Gespräch begegne ich dem anderen als Mensch und nicht als Gefangenen.

Jesus im Knast näher gekommen als im Studium

Bei einer solchen „Tischgemeinschaft“ in meinem Büro oder in den Zellen kommt mir Jesus in den Sinn, der sich auch mit dem letzten Menschen an einen Tisch setzte. Wenn ich sehe, wer sonntags bei mir im Gottesdienst sitzt, erkenne ich, dass es die Freunde Jesu sind. Die im Namen des Volkes verurteilten erinnern mich daran, dass wir uns im Gottesdienst im Namen eines zum Tode Verurteilten versammeln. Durch meine Tätigkeit im Gefängnis ist mir Jesus viel näher gekommen als durch mein ganzes Studium. Manchmal erlebe ich ihn hautnah und geht mir auf, dass ich Ihm in dem Geringsten begegne. Manchmal höre ich ihn direkt sagen: „Ich war gefangen und du bist zu mir gekommen“. Für meine Tätigkeit im Gefängnis brauche ich keine theologische Legitimation, während ich mich manchmal frage, wie mancher Andere in der Kirche das theologisch rechtfertigen kann, was er tut. Was hält mich im Vollzug? Ich weiß es im Einzelnen nicht genau, aber ich glaube, dass Er es ist, der mich hält. Er hält mich aufrecht, Er gibt mir Halt, wenn ich am Boden bin. Er hält mich in seinen Armen. Wer sich von Ihm getragen weiß, kann nahezu alles ertragen. Wer sich von Ihm gehalten weiß, kann es im Vollzug trotz allem aushalten – jeden Tag neu!

Petrus Ceelen | Quelle: Seelsorge im Strafvollzug

 

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