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Versöhnung: Aspekte aus der Sicht eines Gefängnispfarrers

23. Mai 2022

Im Knast sind viele Menschen erst am Anfang eines langen Weges. Die Gefängniswelt ist als Lebensraum nicht gerade dazu angetan und dabei hilfreich, sich mit dem großen Thema „Versöhnung“ zu beschäftigen. Wenn Reiner Spiegel von der JVA Düsseldorf-Ratingen ausgehend vom Thema „Versöhnung“ auf seine Erfahrungen mit Gefangenen blickt, so ergebt sich ein durch und durch gemischtes Bild.

Zunächst einmal sind viele Inhaftierte mit sich selbst nicht im Reinen, stolpern sozusagen ständig über die Felsbrocken in ihrer Seele. Und wenn ich bedenke, dass ernsthafte Versöhnung mit anderen nur möglich ist, wenn ich mit mir selbst einigermaßen versöhnt lebe. Bei der überwiegenden Zahl abhängiger Menschen im Knast, ist Verdrängung die vorherrschende Bewältigungsstrategie. Und nur wer lernt, mit seiner Angst umzugehen, kann sich auf den langen Weg der Versöhnung begeben. Wenn ich mich innerlich ausziehe und sozusagen nackt vor mir stehe, dann muss ich mindestens eine starke Hoffnung auf neue Bekleidung haben. Was meine Aufgabe bei solchen Bewegungen angeht, so habe ich zuzuhören, immer wieder zuzuhören, um verstehen zu können. Und ich muss einen angstfreien Raum schaffen, der es meinem Gegenüber ermöglicht, sich zu öffnen. Oft sind das lange und weite Wege, die ein Mensch zu sich selbst zurücklegen muss. Und das kostet Kraft. Ich bemerke, dass einige diesen Weg erst im Alter zwischen 30 und 50 Jahren schaffen, viele andere leider eher nicht. Da die meisten Inhaftierten (irgendwie) an Gott glauben, steht natürlich irgendwann (warum sollte man auch mit dem Pfarrer reden) die Frage im Raum, wie dieser Gott wohl mit meinem verkorksten Lebensweg umgeht. Und dann muss ich mich nicht zurückhalten und kann der Botschaft Jesu Raum geben, aber immer erst, wenn mein Gegenüber darauf zu sprechen kommt.

Verquere Vorstellungen

Viele können sich nicht vorstellen, dass es einen endgültig verzeihenden Gott gibt. Viele sind so sehr in einem falschen Gerechtigkeitswahn verhaftet, dass sie fast nach Bestrafung schreien. Manche denken, sie kämen so oder so in die Hölle. Es gibt also auch viele „verquere“ Vorstellungen, die einen Weg in die Offenheit eine versöhnten Lebens schwierig machen. Und doch gibt es immer wieder Gefangene, die diesen schwierigen Weg zu sich selbst gehen. Und dann ist natürlich bald die Frage nach der Versöhnung mit Opfern von Straftaten und Geschädigten im Raum. Der Justizapparat ist da mit dem berechtigten Opferschutz eher wenig hilfreich. Und es ist zu bedenken, dass ein Versöhnungsangebot natürlich der Bereitschaft beider Seiten bedarf. Und es gibt bei der größeren Zahl der Straftaten kein identifizierbares Opfer, z.B. bei Ladendiebstahl oder viele Formen von Einbruchdiebstahl, die nicht in Privaträumen stattfanden. Und immer dann, wenn eine Versicherung als erstes den Schaden wiedergutmacht, ist bei den meisten Beteiligten die Neigung zu weiterer Beschäftigung mit dem Geschehen gerade groß. Für viele Gefangene bleibt nur der knasttypische Satz: „Ich hab‘ wieder Scheiße gebaut und der damit verbundene Mist kommt auf den Misthaufen des ohnehin verkorksten Lebens.

Einmal „über alles“ reden können

Natürlich gibt es auch die Ausnahme der Versöhnung mit Opfern von Straftaten. Meist bleibt es jedoch bei einer einfachen Entschuldigung vor Gericht, die immer unter dem Makel leidet, sich „bessere Karten„ für das Urteil zu besorgen. Ich rate in Fällen, da der Inhaftierte ernsthaft nach Versöhnung sucht, einen Brief an die Opfer zu schreiben, entweder über den Richter des Verfahrens oder nach dem Urteilsspruch. Inhaftierte, die (noch) einen Hintergrund haben, bitten hier und da um ein Beichtgespräch. Zusätzlich kommen manchmal Menschen anderer religiöser Richtungen mit der Bitte um Beichte, was meist bedeutet, dass sie einmal offen in „über alles“ sprechen wollen. Und ,,alles“ meint dann immer das ganze Leben, das eine solch katastrophale Ausrichtung bekommen hat. Und nur zur Klarstellung, nicht zur Entschuldigung, ist es wichtig festzuhalten, dass viele Gefangene längst Opfer waren, bevor sie Täter wurden. Ich denke da immer wieder an den Spruch, der im Dienstzimmer „meines ersten“ Anstaltsleiters hing: „Der Mensch ist mehr als seine Taten!“ Viele Inhaftierte sind psychisch auffällig oder krank. Da ist erst einmal eine Therapie angesagt. Ich versuche häufig, Menschen dazu zu bewegen. Es ist jedoch sehr recht schwierig, weil die Angst davor, dass andere etwas mit mir machen, riesig ist. Und erst wenn die klare Sicht möglich wird, kann die Frage nach Schuld und Versöhnung ungetrübt gestellt werden.

Nicht manipulativ sein

Meine Rolle sehe ich als die des Begleiters, natürlich eines Begleiters mit einem Glaubenshintergrund, der sich an der Heiligen Schrift zu orientieren versucht. Ich versuche, nicht manipulativ zu sein, also meinem Gegenüber den Freiraum zur Aussprache seines Inneren zu geben. Und manches Mal kommt dann auch die Frage, was ich über das Gehörte denke. Dann bin ich wieder bei der Botschaft Jesu. Natürlich gibt es Unversöhntheit. Auch da heißt es dabeibleiben. Und hier, denke ich, ist mein Gebet gefordert. Denn der EWIGE ist der EINZIGE, der angemessen mit solch verfahrenen Lebenssituationen umgehen kann. Und wenn sich nach Zeiten dann doch etwas bewegt, ist es vielleicht SEIN Wunder. Und wenn sich nichts bewegt, muss ja immer noch einer da sein, der die Situation mitträgt und aushält. Zu all dem könnte ich eine Vielzahl von Lebensgeschichten erzählen. Ich habe dies bewusst nicht gemacht, wen es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Das wäre wohl eher etwas für einen Gesprächsabend.

Reiner Spiegel | JVA Düsseldorf

 

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