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Im tiefen Tränental der Tröster vom Dienst?

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Obwohl ich seit mehr als vierzig Jahren Menschen in Leid und Trauer beistehe, verfüge ich nicht über das Wissen, wie trösten geht. Als „Berufströster“ habe ich keinen Vorrat an Trostworten, die ich je nach Situation und Bedarf einsetzen kann. Ich weiß oft nicht, was sagen. Auch im Gefängniskrankenhaus auf dem „Hohenasperg” habe ich gespürt, wie Worte vielfach versagen. Und in der Knastkirche klingen die Lobgesänge auf den „Gott allen Trostes“ falsch. Trost ist sprachlich verwandt mit Treue und Vertrauen und auch mit dem englischen “trust” und “true = treu, wahr“. Auf was können wir uns wahrhaft verlassen? Ist der Trost des Glaubens verlässlich?  Davon kann ich ein Lied singen.

Auf dem schwäbischen Tränenberg, dem Hohenasperg habe ich in 17 Jahren unzählige Gefangene weinen sehen. Tränen um ein verpfuschtes Leben. Tränen um die begangene „Missetat“. Tränen der versäumten Chancen. Bittere Tränen der Reue. Tränen, die unter die Haut gehen. Manche Gefangene lassen sich in Haft eine Träne unters Auge tätowieren, die sogenannte „Knastträne“. Sie steht meist für eine längere Zeit im „Bau“. Alle zehn Jahre darf eine neue hinzukommen. Knasttränen kann auch der „Tröster vom Dienst“ nicht trocknen. Was willst Du Menschen Tröstliches sagen, die schon lange im „Loch“ sitzen? Womit Menschen trösten, die gefangen und krank sind? Wie soll ein Mensch hinter hohen Mauern und Stacheldraht, hinter Gittern und verschlossenen Türen gesunden? Unheilbar kranke Insassen haben Angst, dass sie erst „mit dem Kopf unter dem Arm“ entlassen werden.

Womit Menschen trösten, deren Los trostlos ist? Vater Staat erwartet vom „Tröster vom Dienst“, dass er beruhigend auf die Gefangenen einwirkt. Er soll Gefangenen, die durchdrehen und ihre Zelle demolieren, zur Ruhe mahnen. Ich kam mir manchmal vor wie einer, der nur Placebos verteilt. Hier ein gutes Wort, dort eine kleine Ermunterung, hier ein wenig Zuspruch, dort ein wenig Trost. Und ist auch der Gefängnisgottesdienst nicht ein Beruhigungsmittel? Da verkündest du den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, während „die Schließer“ hinten in der letzten Reihe mit dem Schlüsselbund klappern. Da predigst du Menschen von einem gnädigen Gott, die oft die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekamen. Ich höre immer noch, wie Rudi, ein Lebenslänglicher, heftig protestiert: „Was habe ich von Gott, dem gnädigen Richter? Davon kann ich mir nichts kaufen. Ich habe schon mehrere Gnaden-gesuche geschrieben, aber auch nach vierundzwanzig Jahren Haft kennt mein Herr Richter immer noch keine Gnade.“

 

Gott sei Dank bin ich nicht, wie die hinter Mauern

Im Knast kannst du keine Predigt vom Blatt ablesen. Die „Knackies“ nehmen dir dein schönes Konzept aus der Hand, die Worte aus dem Mund. „Sie reden da so schön von Versöhnung und Vergebung. Dann kommen Sie nach meiner Entlassung doch einmal mit mir. Dann werden Sie sehen, wie das ist mit Ihrer Vergebung. Die Schuld wird dem Vorbestraften buchstäblich nachgetragen. Gerade die Leute, die sonntags in die Kirche gehen, sind die Schlimmsten. Die zeigen mit ihren Finger auf uns. ‚Der war im Knast’. Von wegen Vergebung, Versöhnung.“ Häftlinge können nur davon träumen, bei ihrer Heimkehr wie der verlorene Sohn mit offenen Armen empfangen zu werden. Viele haben Angst nach ihrer Entlassung heimzugehen. Manch einem wird die Tür vor die Nase zugeschlagen. Einige können gar nicht heim: Hausverbot.

Im Gottesdienst stand ich jedes Mal auf wackeligen Beinen vor den Gefangenen. Ich habe oft gespürt, dass meine Botschaft auf eine Mauer stößt, auf die Mauer der Ablehnung. Ich wusste, was viele denken: „Der da vorne hat gut reden. Der hat ja alles, was uns fehlt.“ Manche Inhaftierte müssen lachen, wenn sie hören: „Selig ihr Armen“. Wie viele sitzen hinter Gittern, weil sie mittellos sind. Hätten sie das Geld für einen vernünftigen Anwalt, wären sie gar nicht erst eingefahren. Ohne festen Wohnsitz wird man schnell inhaftiert: Fluchtgefahr! Selig, ihr Armen! Bei einer Schlägerei auch noch die andere Wange hinzuhalten, soll wohl ein Witz sein. Murren, Brummen, Rumoren, Zwischenrufe. Zwischenfälle. In der Knastkirche trifft sich Gott und die Welt. Da wird gehandelt, gedealt, getauscht. Briefmarken gegen Tabak, drei „Koffer“ gegen eine „Bombe“ Kaffee. Vier „Bomben“ für eine goldene Uhr. 200 Euro für ein Handy.

Pharisäer und Zöllner gibt es im Knast genauso wie draußen, wo die Scheinheiligen beten: „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so einer bin, wie die da hinter der Mauer.“ Wie draußen wird auch drinnen gesungen: „Großer Gott wir loben dich!“ Wie falsch das klingt. „Der uns von Kindesbeinen an unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.“ Wie viele Insassen wurden von Kindesbeinen an hin und her gestoßen, verstoßen. Nicht wenige Gefangene sind Heimkinder! Manche bekamen die Ablehnung schon vor der Geburt zu spüren, etwa durch Fußtritte in den Bauch oder mit einer versuchten Abtreibung. Einmal auf der Welt geht es mit der Gewalt oft erst richtig los. Schläge, Prügel, Misshandlung, sexueller Missbrauch – nicht von irgendwelchen Sexualverbrechern, sondern vom eigenen Vater, einem guten Freund der Familie, oder von einem lieben Onkel, vom netten Opa, vom großen Bruder. Viele können auch als Erwachsene nicht über das reden, was sie in ihrer Kindheit durchlitten haben. „Jedes Mal, wenn ich es versuche, bring ich kein Wort heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich kann nur heulen.“

Macht hoch die Tür im Knast?

„In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.“ Auch Reinhold kann nicht in das Loblied auf den „mächtigen König“ mit einstimmen: „Ich habe keine Kindheit gehabt. Meine Mutter hat mich im Frauengefängnis „Gotteszell“ zu Welt gebracht. Als sie mich nicht mehr stillte, wurde ich von ihr weggenommen und kam ins Kinderheim nach Ellwangen. Mit sechs kam ich heim, hatte vier Geschwister: Viel Stress, viel Streit, viel Hunger. Das Klauen hat uns unsere Mutter beigebracht. Mit elf war ich schon siebzehn und hatte meine eigene Zigarettenschachtel in der Tasche. Mit zwölf hatte ich die erste Alkoholvergiftung. Mit dreizehn der erste gemeinsame Raub. Mit fünfzehn saß ich bereits im Knast. Mit siebzehn lag ich mit meinem Alten zusammen in einer Zelle im Gefängniskrankenhaus. Im Knast bin ich groß geworden. Mit neununddreißig hatte ich schon fast dreiundzwanzig Jahre Knast auf dem Buckel. Aber dass ich keine Kindheit hatte, das tut an meinem Geburtstag und an Weihnachten mir immer noch arg weh.“

Weihnachten im Knast ist ein Kapitel für sich. Das schönste Fest des Jahres macht Menschen hinter Gittern Angst. Die Familie draußen, wenn man denn noch eine hat. Viele Inhaftierte warten vergeblich auf einen Brief, auf eine Karte, auf ein Zeichen, dass sie noch nicht abgeschrieben sind. Auf dem Hohenasperg ging ich im Advent von Zelle zu Zelle und brachte jedem Gefangenen eine Kerze. Da habe ich gesehen, dass auch ganz harte Jungs weich werden und mit den Tränen kämpfen. So ein kleines Licht lässt keinen kalt, auch nicht den „eiskalten Verbrecher“.

Als ich einen Gefangenen fragte, warum ihm die Kerze so wichtig ist, antwortete er: „Meiner Kerze kann ich alles sagen.“ Kerzen sind im Knast nicht einmal in der Kirche sicher. Sogar vom Adventskranz neben dem Altar werden sie geklaut. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ wird wohl nirgends so laut und inbrünstig gesungen wie im Knast. Aber das Tor bleibt zu, die Mauer scharf bewacht. Die Bediensteten machen auch an Heilig Abend keinen Feierabend. „Oh Heiland, reiß die Himmel auf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür! Reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“ Aber die Zellentüren bleiben zwei- und dreifach verschlossen. Und dennoch geht hier und da eine Tür auf, „meins Herzenstür dir offen ist.“

Die salbungsvollen Worte lindern aber keinen Schmerz. Was dem Gefangenen gut tut, ist ein Mensch, bei dem er sein „Wund-sein“ zur Sprache bringen, seine inneren Verletzungen aussprechen kann. Ein Mensch, bei dem er sich ungehemmt aus-weinen kann. Einer, der ihm seine Wunde verbindet, verbindlich zu ihm steht. Die Treue halten, trösten, Tränen trocknen. Im tiefen Tränental auf dem Tränenberg Tröster vom Dienst zu sein, davon kann ich ein Lied singen. Auch wenn mir vielfach die Worte fehlen.

Aus: Petrus Ceelen, Die Kunst des Schweigens, Camino Verlag

 

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