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Persönlichkeitsstörungen, Sucht, Depression: Etwa acht von zehn Strafgefangenen leiden unter mindestens einer psychischen Störung. Psychotherapie oder zumindest soziale Arbeit ist in Haftanstalten und im Maßregelvollzug notwendig. Besondere Möglichkeiten bietet die tiergestützte Therapie. Theres Germann-Tillmann und Bernadette Roos Steiger fassen in ihrem neuen Buch „Tiergestützte Therapie im Freiheitsentzug“ zusammen, welche Faktoren beim Einsatz von Hunden, Pferden oder Ziegen als Therapiebegleittiere wichtig sind und zum Behandlungserfolg führen.

Gerade Straftäter sind vielen Menschen gegenüber oft misstrauisch oder sogar feindlich eingestellt – sind sie doch zu oft in ihrem Leben enttäuscht worden, meist schon in Kindheit und Jugend. Auf der anderen Seite werden sie wegen ihrer Delikte von anderen Menschen ebenfalls mehr als kritisch beäugt. Tiere dagegen sind vorurteilsfrei und gehen auf Straftäter nicht anders zu als auf Menschen in Freiheit. Anderseits begegnen Häftlinge bzw. Patienten den Tieren deutlich offener und positiver als Menschen – Therapeuten eingeschlossen. So kann mit einem Tier an der Seite der Einstieg in eine Therapie einfacher gelingen und die Bereitschaft zu den therapierelevanten offenen Gesprächen steigt deutlich an.

Ein Esel in der Jugendanstalt (JA) Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. Tierhaltung und Tierbetreuung gehören zum Konzept im dortigen Jugendvollzug.

Trotz zahlreicher positiver Erfahrungen mit Therapiebegleittieren nicht nur in der Forensik wird diese Art der therapeutischen Arbeit noch oft belächelt, gibt es doch keine klar anerkannte Ausbildung mit vereinheitlichten Inhalten oder Vorschriften für den Umgang mit den Tieren während einer Behandlungsphase. Die Autorinnen bezeichnen es treffend als „unterschätztes Potenzial“ und möchten diese Lücke mit ihrem neuen Buch schließen. Sie machen die Besonderheiten der Mensch-Tier-Beziehung deutlich und stellen Herausforderungen und Vorteile der Triade Patient/Therapeut/Tier im Vergleich zur bisher vorherrschenden Dyade Therapeut/Patient heraus. Vor allem die Eigenheiten des forensischen Settings, wie ein fehlender Kontakt zu Außenwelt oder die fehlende Wärme anderer Lebewesen (Mensch oder Tier), machen den Einsatz von tiergestützter Therapie wichtig und erfolgreich.

Dass nicht nur das Wohl der beteiligten Menschen im Vordergrund steht, liegt den Autorinnen am Herzen. Das Tier als Dreh- und Angelpunkt hat ebenfalls zahlreiche Bedürfnisse und Rechte, die berücksichtigt werden müssen. So brauchen auch z.B. Therapiehunde oder -esel ihre Pausen; Zeichen von Stress und Überforderung oder Unwohlsein müssen ernst genommen werden. Jedes Tier sollte in seiner Individualität anerkannt werden – ebenso wie die Patienten.

Germann-Tillmann und Roos Steiger brechen eine Lanze für die tiergestützte Therapie im Freiheitsentzug. Ihre jahrzehntelangen Erfahrungen und Kompetenzen fließen in das Buch ein, so dass die Möglichkeiten, aber auch Grenzen dieser noch recht ungewöhnlichen Therapieform klar werden – ein weiterer Schritt zu einem Professionalisierungsprozess innerhalb der heilenden Berufe.

Die Dargebotene Pfote©