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Taubenjagd in der Kirche der Justizvollzugsanstalt

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Die Taube ist bekannt als Friedenszeichen. Trotzdem hat der Vogel einen schlechten Ruf in den Städten. Die Verschmutzungen und die reiche Anzahl der Tauben lassen das Symbol des Friedensvogels vergessen. In der Justizvollzugsanstalt Herford gibt es dahingehend ebenso Probleme. Regelmäßig fliegen Tauben über die Rundfenster ins Innere der Kirche. Dies wäre kein Problem, wenn sie denn wieder eigenständig ins Freie fliegen würden. Doch dem ist nicht so.

Gurrende Tauben möchten weder ihr Revier markieren noch Feinde verjagen. Vielmehr dienen die Laute den männlichen Vögeln, die Aufmerksamkeit der Weibchen zu erhalten. Das Gurren klingt wie „Ruh-Ruh“ oder „Gang-Ruh-Guruh. Genau dieser Ruf ertönt am Rundfenster der 140 Jahre alten Anstaltskirche der JVA Herford an einem Sonntagmorgen. Sechs solcher Rundfenster lassen sich elektronisch öffnen. Bereits seit Jahren gibt es in der JVA Probleme mit den Tauben. Sie halten sich an der Schleuse auf und geraten zwischen die Tore. Dazu hat man extra „Taubenflüsterer“ kommen lassen, die Baumaßnahmen wie Gitter und Netze veranlassten, leider nicht immer mit dem gewünschten Erfolg.

Die Kirche der Justizvollzugsanstalt im ostwestfälischen Herford. Die oben gelegenen Rundfenster lassen sich elektronisch öffnen…

Heiliger Geist in Gegenwart

„Die Kirche ist kein Taubenschlag“, sagt ein Bediensteter, „doch ist es schön, wenn der Heilige Geist sich direkt zeigt“, fügt er noch grinsend hinzu. Solche Sprüche helfen dem Gefängnisseelsorger nicht weiter. Er hat das Problem, die Taube wieder aus den heiligen Hallen herauszubekommen. Wenn während des Gottesdientes sich eine Taube laut flügelschlagend an der Decke des Kirchendaches verirrt, ist es aus mit der Aufmerksamkeit der Teilnehmer. Einer der Gefangenen bietet Hilfe an. „Einfach die Jalousien runter lassen, Futter ans Fenster stellen und warten, bis die Taube rangeht“, sagt er. Ein guter Vorschlag, doch das greift leider nicht. Die Taube hinterlässt in ihrem aufgeregten Flattern ihren Kot überall in der neu renovierten Kirche.

Der Taube näher sein

Was tun? Warten, bis die Taube schwächelt? Dann ist die Zeit des Gottesdienstes auch vorbei. Eine Gruppe Inhaftierter traut sich. Ausgerüstet mit Decken und einem langen Holzstab versuchen sie, den Vogel in Richtung Fenster zu navigieren. „Das ist nicht schön, aber wir müssen sie da rausbekommen“, sagt ein 21 Jähriger. „Wir machen das so lange, bis die Taube auf den Boden kommt“, überlegt er laut. Einer klettert auf das Dach der beiden Pavillons, die in der Kirche verbaut sind. „Da bin ich der Taube näher“, sagt er. Langsam nähert er sich der Taube, die erschöpft auf dem Dachbalken sitzt. Mit einem Griff versucht er sie zu greifen, erntet aber leider nur ein paar Schwanzfedern. „Die arme Taube“, stöhnt er. Tatsächlich scheint die Taube mehr verängstigt zu sein, als dass sie die gute Absicht ihrer Retter erahnt. Mit einem konfusen Flug landet sie an der Wand und stürzt in die nicht mehr genutzte Kanzel. Schnurstracks fliegt eine Decke darüber, die ein Inhaftierter in seinen Händen parat hält.

Ab in die Freiheit

Behutsam heben zwei  Gefangene die Taube unter der Decke auf und bringen diese an das unvergitterte Bürofenster des Gefängnisseelsorgers. „Ab in die Freiheit“, schreit neidisch ein jugendlicher Inhaftierter. Doch die Taube bleibt unten aufkommend auf dem Boden liegen. Betroffenheit herrscht unter den Gefangenen. Schnell geht es in Begleitung des Gefängnisseelsorgers runter. Er schließt zwei verschlossene Türen mit seinem Schlüssel auf. Und siehe da: Die Taube ist weggeflogen. Was für eine Aufregung am Sonntagmorgen. Zurück bleibt ein fahler Nachgeschmack. Haben wir die Taube verletzt? Auftrag genug, die Fenster so zu präparieren, dass keine Taube mehr reinkommen kann. „Es gibt doch genug schräge Vögel hier in der Anstalt“, kommentiert ein anderer Gefangener süffisant.

Michael King

 

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