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Mila ist die jüngste Bedienstete im Jugendvollzug

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Mila ist die jüngste Bedienstete im Jugendvollzug der Justizvollzugsanstalt Herford in Ostwestfalen. Die Vierbeinerin ist zwei Jahre alt. Sie kommt mit Uwe Flaake, Bereichsleiter für die Sozialtherapeutische Abteilung (SoThA), durch die Mauern und Zäune hindurch. Neugierig und wissbegierig erkundigt die Golden Retrieverin die Umgebung. Die Hündin ist nicht zum Zeitvertreib hier. Sie hat Aufgaben.

Bereits im Alter von 4 Monaten bekam sie einmal wöchentlich die Gelegenheit, die Umgebung und die vielen Eindrücke hinter Gittern kennenzulernen. Seit Januar 2021 wird die Hündin Mila offiziell in der JVA Herford als neue Form tiergestützter Arbeit im Jugendstrafvollzug eingesetzt. „Hunde können als eine Art Türöffner oder Eisbrecher im Kontakt mit den jugendlichen Inhaftierten fungieren. Sie reagieren authentisch und unmittelbar auf das Verhalten der Inhaftierten und geben ihnen Rückmeldungen auf ihre Körpersprache. Der Kontakt mit dem Tier wirkt stabilisierend für den Inhaftierten“, erzählt Flaake. Er hat Erfahrungen mit Hunden im privaten Bereich gemacht. „Als dann die Frage war, ob ich als Bediensteter im Jugendvollzug einen Hund mitbringen darf, hat der Anstaltsleiter sofort ja gesagt“, berichtet er mit einem Lachen auf dem Gesicht. Die  Erfahrungen aus der Beziehung zum Hund können unbewusst auf Interaktionen mit Menschen übertragen werden. Das ist besonders in der rauen Umgebung mit all den Gewalt- und Misstrauenserfahrungen des Vollzuges wichtig.

Streicheln genügt

Jonathan* ist 19 Jahre alt. Er fragt den Bediensteten, ob er einmal den Hund streicheln kann. „Das war der erste Kontakt“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Jonathan hat eine lange Drogengeschichte hinter sich, in der er im Laufe des Konsums das Vertrauen zu sich und anderen Menschen verloren hat. Im Vollzug ist er ein Einzelgänger, stets auf der Hut, nicht angegangen zu werden. Im Gespräch redet er ohne Unterlass. „Mit Mila kann ich einfach so sein“, erzählt er. Stundenlang sitzt er auf dem Boden und verwöhnt Mila. Die ist hellauf begeistert solch eine Zuwendung zu bekommen. Die Bediensteten freuen sich gleichermaßen, wenn Mila auftaucht. „Manche Kollegen haben am Anfang nur müde gelächelt, als ich mit Mila reinkam. Diese kritischen Stimmen sind allerdings weniger geworden“, sagt Flaake, der schon lange im Allgemeinen Vollzugsdienst (AVD) arbeitet.

Eine echte Freundin

„Der Einsatz eines Hundes in Einzelgesprächen kann helfen, u.a. die Empathiefähigkeit zu fördern; die eigene Körperwahrnehmung zu verbessern; Hemmungen abzubauen, um schwierige Themen besser besprechen zu können; die Frustrationstoleranz zu erhöhen; Beziehungsfähigkeit und Konfliktlösungsfähigkeit zu steigern; mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in andere Personen zu entwickeln“ sagt Flaake und zitiert dabei das Hundekonzept. „Mila ist an den zwei Tagen, an denen ich sie dabei habe, abends auch erschöpft. Es kostet für die Retrieverin ebenso Kraft“, sagt der erfahrene Bedienstete. Begleitete Spaziergänge mit Führungseinheiten des Hundes erhöht das Selbstvertrauen von Jonathan. „Mila ist eine echte Freundin, ich mag sie sehr“, erzählt der junge Inhaftierte.

Mila mit dabei in Gesprächen

Der Gefangene wird im Einzelkontakt geschult, an den Reaktionen des Hundes zu erkennen, ob ihm das Verhalten einer Person gefällt oder ob das Tier es als unangenehm empfindet. Durch Vertrauensbildung zum Hund und dessen Anwesenheit bei Gesprächen können Gefangene in die Lage versetzt werden, leichter über schwierige persönliche Themen zu reden. „Mila reagiert sofort auf die Befindlichkeit des Gefangenen“, berichtet Flaake. Ziel des Einsatzes von Mila ist es, mit einer niederschwelligen Maßnahme die Fähigkeiten der Beobachtung und Wahrnehmung sowie einer angemessenen Kontaktaufnahme zum Hund zu trainieren. „Gerade im Umgang mit dem Hund besteht die Möglichkeit, die Eigenwahrnehmung zu schulen“, betont Flaake. So bauen sie auf einem nicht einsehbaren Wiesenabschnitt zwischen Mauer und Zaun ein Parcours auf. Hier trainiert ein junger Gefangener mit Mila über ein Hindernis zu springen oder durch ein Tunnel zu gehen. Belohnt wird Mila anschließend mit „einem Leckerli“.

Gar nicht so einfach

Dazu muss man zunächst die Aufmerksamkeit Milas haben. Die Nervosität des Gefangenen überträgt sich direkt auf den Hund. „Gar nicht so einfach“, sagt Patrick*, ein 21-jähriger Jugendlicher der Sozialtherapeutischen Abteilung (SoThA). Er ist seit zwei Jahren aufgrund des Besitzes kinderpornografischer Bilder inhaftiert. Im Gefüge der Mitgefangenen wird Patrick besonders beäugt. „In Bezug auf Mila hat er Erfolgserlebnisse, welche die Motivation und seine Bewegung steigert. Der Einsatz von Mila hilft, sich auf das Tier einzulassen und dabei selbst ruhiger und gelassener zu werden“, fügt Flaake aus. „Golden Retriever kennen keine Aggressionen. Sie wollen für ´ihren Menschen´ etwas tun und haben das so genannte ´will to please´. In der Jagd werden die Hunde zum Apportieren eingesetzt. Das heißt, sie bringen das Wild unbeschadet zum Jäger zurück. Ich bilde Mila im Suchen von kleinen Dummys aus. Das probieren wir auf dem Wiesenstück hinter der Mauer ebenso aus“, erklärt der Bedienstete dem Inhaftierten.

Die Vermittlung von Basiswissen im Umgang mit Hunden ist inbegriffen. Mit einem Lebewesen gut umzugehen und seine Grenzen zu achten ist ein weiteres Ziel der tiergestützten Intervention. „Auf jeden Fall ist es eine willkommene Unterbrechung im tristen Haftleben“, sagt Patrick und wendet sich wieder Mila zu. In drei Monaten wird er entlassen. „Zuhause haben wir auch einen Hund. Der ist aber nicht so wie Mila“, erzählt er. „Ich werde mir einen eigenen Hund anschaffen“, sinniert Patrick, „dann bin ich nicht mehr so allein.“ Auf dem Rückweg ins Hafthaus begegnen sie anderen Mitgefangenen. Mila und der Teilnehmer der tiergestützten Intervention gehen souverän und selbstbewusst an ihnen vorbei.

* Namen geändert

Michael King

Literatur

Ganser, Gerd: Hundegestützte Psychotherapie – Einbindung eines Hundes in die psychotherapeutische Praxis

Klaus E. Grossmann: Bindung und menschliche Entwicklung

John Bowlby: Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie

Angelika Putsch: Spurwechsel mit Hund/Soziales Lernen in der Jugendhilfe

Weitere Infos..

 

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