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Tiefe Gebete hinter Gittern: Das erleben Offenburger Seelsorger

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Pfarrer Igor Lindner und Pastoralreferent Simon Schilling leben den christlichen Glauben in eindrucksvoller Weise: Sie arbeiten als Seelsorger im Offenburger Gefängnis. In der Not finden viele Männer wieder zur Bibel. Gott hat Belang, die Konfession weniger. Wenn ein Mann mehrere Gittertüren passiert hat, wiegt die Frage, ob Simon Schilling und Igor Lindner katholisch oder evangelisch sind, im Vergleich zu den anderen Sorgen gering. Für die Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Offenburg sind die beiden Geistlichen schlicht „die Pfarrer“.

„Auch wenn ich eigentlich Pastoralreferent bin“, lacht Schilling, „aber das ist hier nicht relevant.“ Schilling ist katholisch, Lindner evangelisch. Gemeinsam teilen sie sich seit der Neueröffnung der Offenburger Einrichtung 2009 die Seelsorge über rund 440 Gefangene – ausnahmslos Männer. „95 Prozent aller deutschen Gefängnisinsassen sind Männer“, informiert Pfarrer Lindner. Die wenigen Frauen, die sich im Ortenaukreis strafbar machen, kommen zur Untersuchungshaft nach Bühl. Die Strafe absitzen müssen sie in Schwäbisch-Gmünd.

Ohne die Vertrauten

Je ferner der Heimat, desto seltener kommt Besuch. „Die Insassen leiden sehr darunter, wenn sie nicht mit vertrauten Menschen sprechen können“, weiß Schilling. Wer Geld hat, könne telefonieren. Aber dabei sind die Häftlinge nicht ungestört“, sagt der Pastoralreferent. „Hinter ihnen drängeln schon die nächsten.“ In der U-Haft ist auch das Telefonieren verboten. „Bevor der Inhaftierte mit seiner Mutter, dem Vater oder der Frau sprechen darf, gehen manchmal Wochen ins Land, sagt Schilling. Seit März 2020, mit einem kurzen Lockerungs-Intervall im Sommer, waren Familien- und Langzeitbesuche in der Pandemie verboten. „Es gibt Männer, die ihre Frau über ein Jahr nicht mehr im Arm halten konnten“, bedauert er. Für Väter besonders quälend seien die Zeiten, in denen sie die Kinder nicht sehen. Seit 10. Januar haben Kleinkinder erneut komplettes Besuchsverbot, da sie keine Masken tragen. Und zuletzt mussten sogar mehr als 300 Insassen in Quarantäne, da Corona ausgebrochen war. „Ich bin beeindruckt, wie gefasst die meisten trotzdem sind“, sagt Lindner.

Die Offenburger Strafanstalt hat zwar Skype-Verbindungen aufgebaut, „aber gerade Vätern von kleinen Kindern ersetzt das keinen Besuch“. Der evangelische Pfarrer höre von vielen verzweifelten Männern, dass sich ihnen die Kinder entfremden. „Damit werden die Kinder gleich mit bestraft“, bedeutet er. Als Vorsitzender der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland setzt er sich für ein Mindestmaß an körperlichem Kontakt ein – ob mit oder ohne Pandemie. Die psychische Gesundheit der Kinder müsse Vorrang haben. Zuletzt waren die Seelsorger besonders wichtig. „Wir kommen immer dann ins Spiel, wenn die Menschen vertraulich sprechen möchten“, ist Schillings Erfahrung. Die beiden stehen als einzige außerhalb des Systems Gefängnis, sie sind auch dem Beichtgeheimnis verpflichtet. Untereinander tun sich die Häftlinge in der Regel schwer, sich mitzuteilen. „Offenheit wird häufig als Schwäche interpretiert. Und wer schwach ist, wird leicht zum Opfer“, beobachtet Schilling. Die Dynamiken im Gefängnis seien teilweise brutal. „Oft erlebe ich, wie die Schultern der Männer tiefer sacken, wenn sie sich zu mir setzen“, erlebt Schilling. Die Fassade des starken Mannes kann dann endlich fallen.

Angst vor Trennung

Beide Seelsorger haben je ein Zimmer, in dem pro Tag vier bis sechs längere Gespräche möglich sind. Die Insassen machen sich zum Beispiel Sorgen, dass die Frau es nicht schafft, alleine die Kinder großzuziehen, dass sie sich von ihm trennt, dass er nach der Haft keine Arbeit mehr findet, dass Geld fehlt oder auch, dass er mit der Schuld nicht leben kann, dass ihm nicht verziehen wird. Manche hätten auch Angst davor, wieder in den alten, zerstörerischen Kreislauf zu geraten. Igor Lindner hat die Erfahrung gemacht, dass die Insassen über Selbstreflexion oftmals zu ihrem alten Glauben zurückfinden. „Nach der Bibel wird häufig gefragt“, sagt er. „Wir haben sie in mehreren Sprachen.“ Auch Gebetsbücher orthodoxer Kirchen sind beliebt. Nach Absprache mit der Anstaltsleitung erhalten die Gefangenen Rosenkränze, Kreuze, Ikonen oder einen Gebetsteppich. Muslimen werden immer wieder Gebete zu festen Zeiten ermöglicht. Und auch die gefängniseigene Kirche steht den Männern offen. Ein Häftling zündet hier regelmäßig eine Kerze an, nachdem seine Frau nach 20-jähriger Ehe überraschend gestorben ist, ein anderer spielt Gitarre. Die Seelsorger gehen während der Freizeiten auf die Stockwerke, wo sie spontan ins Gespräch kommen. Es gehe überwiegend um soziale Beziehungen. „Wenn mir ein Insasse seine tiefsten Gedanken anvertraut oder die Fotos seiner Kinder zeigt, berührt mich das sehr“, erzählt Lindner.

Kirchliche Werte

Während die Kirche in der Öffentlichkeit derzeit mehr mit Kindesmissbrauch, Zölibat und starren Hierarchien in Verbindung gebracht wird, erleben die Gefängnisinsassen noch das, was Kirche an der Basis ausmacht: Schutz, Geborgenheit und Güte. Die Seelsorger schenken ihnen Aufmerksamkeit, tragen den Schmerz mit und werden von der christlichen Gemeinschaft getragen. „Oft wird über Gefangene unbarmherzig gesprochen“, hat Igor Lindner beobachtet. „Dabei braucht es nicht viel, um auf die falsche Bahn zu geraten. Kriminalität ist ein Teil der menschlichen Existenz.“ Die Geistlichen haben Respekt, aber keine Angst. „In all den Jahren sind wir kein einziges Mal bedroht worden“, äußert Lindner, obwohl sie mit den Häftlingen völlig alleine sind. Der evangelische Pfarrer Lindner freut sich: „Jesus spricht die Menschen immer noch an. Das ist toll.“

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Silke Keil und der Redaktion Mittelbadische Presse

 

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