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Seelsorge hinter den Gittern des JVK: „Hier bin ich richtig“

14. Januar 2026

An dem Ort des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg, wo kein Mensch freiwillig hingeht, hören sie zu. Sie trösten, sprechen Mut zu oder sind einfach nur da. Larissa Hachmann-Figgen und Jürgen Wiesner sind für die katholische und evangelische Kirche Seelsorger im Fröndenberger Justizkrankenhaus (JVK). Aber nicht nur für die Gefangenen. Obwohl teilweise schon etwas länger hier im Einsatz, wurden sie am Freitag offiziell in ihr Amt eingeführt. Sie erzählen von ihren Aufgaben, ihrer Motivation, von erfüllenden Momenten und kleinen Erfolgserlebnissen genauso wie von den Belastungen.

Zwei bemerkenswerte Sätze, die aufhorchen lassen und überraschen in diesem Kontext, und die verständlich machen, wie die beiden ihren Beruf beziehungsweise ihre Berufung verstehen: „Hier machen wir genau das, wofür wir mal Theologie studiert haben“, sagt Larissa Hachmann-Figgen. Und Jürgen Wiesner erzählt: „Der Knast hat mich frei gemacht.“ Viele Gefängnisseelsorger würden das genauso ausdrücken, ergänzt er, und für sich stimme diese Aussage auch ganz ausdrücklich.

Knast hat mich frei gemacht

Hachmann-Figgen ist Pfarrerin der evangelischen Kirche, Wiesner selbiges auf katholischer Seite. Und beide sind als Gefängniseelsorger im Fröndenberger Justizvollzugskrankenhaus tätig, welches die kranken Gefangenen aus ganz Nordrhein-Westfalen versorgt. Aber eben nicht nur medizinisch. Und obwohl einer der größten Arbeitgeber in der Stadt, bleibt diese Welt und ein Austausch den allermeisten natürlich verschlossen. Gefangene kommen nicht raus, „normale“ Bürger kommen außerhalb ganz eng gefasster Anlässe nicht rein. Umso spannender ist es da, wenn die beiden Geistlichen erzählen, was sie weggeführt hat von regulärer Gemeindearbeit, die beide auch beruflich kennen, hin zu dieser besonderen Form der Seelsorge, welche erfüllenden Momente es dabei gibt und auch welche Belastungen. Was genau meint Jürgen Wiesner mit dem Satz „Der Knast hat mich frei gemacht“?

„Vater unser“ kommt vorsichtig

Wenn er im JVK regelmäßig Gottesdienst feiert (meist wöchentlich am späten Samstagnachmittag finden diese wechseln katholisch und evangelisch statt) oder zu Einzel- oder Gruppengesprächen einlädt, dann sind die Gefangenen fast immer ohne christliche Sozialisation oder theologisches Wissen, bringen keine Erwartung mit an Liturgie, wie sie das „von draußen“ kennen. Bestimmte Rituale und Formen, die anderen Gläubigen seit Jahrzehnten bekannt und in der Kirche seit Jahrhunderten etabliert sind und manchmal eben auch gegen jeden Veränderungswillen verteidigt werden, seien hier einfach ohne Bedeutung. Bestenfalls ein „Vater unser“ kommt da manchen vorsichtig über die Lippen, Kirchenlieder sind kaum bekannt. Das erlaube ihm, so Pfarrer Wiesner, ganz frei einen persönlichen Zugang zu den Menschen zu finden. Durchaus immer von einem christlichen Menschenbild und Wertefundament geprägt, aber eben nicht missionierend und ganz frei von Erwartungen. So verharrt Jürgen Wiesner in den Gottesdiensten eben nicht hinter dem Altar oder auf der Kanzel, sondern geht in die Reihen der Gottesdienstbesucher, spricht sie frei an, ohne Predigttext in der Hand. Und kann manchmal in einem kleinen Blick erkennen, ob er die Menschen erreicht.

Wir haben die meiste Zeit für die Menschen.

Larissa Hachmann-Figgen, Gefängnisseelsorgerin

Pfarrerin Larissa Hachmann-Figgen betont – wie im eingangs zitierten Satz –, dass sie als Gefängnisseelsorgerin vor allem für die Menschen da sein kann, nicht in Gremien- und Verwaltungsarbeit eingebunden ist wie die Gemeindepfarrer. Denn die Hauptarbeit hinter Gittern besteht aus den regelmäßigen Gottesdiensten, vor allem aber Gesprächen mit Gefangenen, einzeln und in Gruppen. Jürgen Wiesner: „Und wir sind die einzigen hier, die nichts dokumentieren und bewerten. Nur hier sind die Gefangenen rückhaltlos ehrlich.“ In anderen Kontexten gehe es immer um eine Einordnung, Sozialprognosen, Hafterleichterungen oder Sanktionen, Erfüllung von Bürokratie, Genehmigungen für bestimmte Tätigkeiten, letztlich vor allem aber auch das Bild und die Rolle, die man Mitgefangenen gegenüber spielt. Denn bei den Seelsorgern können sie sich auf Schweigepflicht und Gesprächsgeheimnis verlassen. „Und wir haben die meiste Zeit für die Menschen“, ergänzt Larissa Hachmann-Figgen. „Die meisten Gefangenen sind richtig arm“, erzählt Jürgen Wiesner. Er meint auch, aber bei weitem nicht nur die finanziellen Mittel. Geborgenheit in der Familie und eine wirkliche Chance auf Zukunft hätten viele nie erlebt. Nun im Knast sei man abgeschnitten von den meisten Verbindungen, von Hoffnungen stattdessen Schuldgefühle und Gedanken über die Taten. „Man ist auf sich selber und die Einsamkeit in der Zelle zurückgeworfen, auf Monate, oft auf viele Jahre.“ Das sei schon schwer genug, und dann mit Krankheiten, die einen dann nach Fröndenbergs ins JVK bringen, sei das alles nochmal schwerer.

Kurz ist der Weg zum Scheitern im Leben.

Jürgen Wiesner, Gefängnisseelsorger

Bei manchem sei es eben nur der gebrochene Arm vom Sport oder einer Auseinandersetzung, aber bei vielen eben die Folgen langer Suchterfahrungen. Und manche kämen hierher nach Fröndenberg für ihren letzten Weg. „Im Gefängnis zu sterben, gar nicht mehr in Freiheit zu kommen, ist der absolute Albtraum“, sagt Jürgen Wiesner. Mit all diese schweren Bedingungen sei die Seelsorge eben auf kleine Erfolgserlebnisse gerichtet, auf ein gutes Gespräch. „Manche ändern hier ihren Blick auf das Leben“, erzählt Hachmann-Figgen. Wiesner:. „Oder sagen mir: Sie sind genau im richtigen Moment für mich da gewesen.“ Nicht zu leugnen seien aber auch die schweren Momente für die Seelsorger, die Biografien voller Brüche der Gefangenen zu erleben. „Und zu merken, wie kurz der Weg zum Scheitern im Leben ist“, sagt Wiesner. Beide Seelsorger sind zu gleichen Teilen für das Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg zuständig und für die Justizvollzugsanstalt (JVA) Hamm. Das war auch bei ihren jeweiligen evangelischen und katholischen Vorgängern schon so. Hachmann-Figgen arbeitet hier seit dem Frühjahr, für die 35 Jahre alte Arnsbergerin ist es die erste berufliche Station hinter Gittern.

Mit Gefangenen in Kontakt. Der prägt beide

Jürgen Wiesner ist schon bald zwei Jahre hier tätig. Da die Folgen der Corona-Pandemie gerade im Vollzug noch länger nachwirkten und weil sie diesen Anlass auch zusammen begehen wollten – wie sie überhaupt immer wieder die ökumenische Verbundenheit betonen –, fand nun mit ein bisschen Verspätung, aber nicht weniger Freude, die offizielle Amtseinführung der beiden statt. Die Hausleitungen aus Hamm und Fröndenberg waren da natürlich mit dabei, Kollegen aus anderen Haftanstalten, Familie, Zuständige der beiden Kirchen für die Gefängnisseelsorge. Was in dem Gottesdienst mehrfach betont wurde: Auch wenn Inhaftierte oft schwerste Schuld auf sich geladen haben, an der es nichts zu relativieren gibt, so sei trotzdem aus christlicher Überzeugung heraus der Weg Gottes mit diesen Menschen dadurch niemals beendet. Etwas, was Wiesner und Hachmann-Figgen vermitteln wollen. Und das alles übrigens immer genauso wie für die Gefangenen immer auch als Seelsorger und Gesprächspartner für die Mitarbeiter des Hauses, Ärzte, Pflege, Vollzugsbeamte, die eben auch Belastungen erfahren in diesem besonderen Umfeld. Jürgen Wiesner hat zuletzt in der JVA Attendorn gearbeitet. Er berichtet von Gedanken vor einigen Jahren, dass ihn die Gemeindearbeit nicht mehr erfüllte, mit Ende 40 Fragen nach der beruflichen Zukunft aufkamen. Und das er dann zum ersten Mal ein Gefängnis in Bielefeld besuchte, begleitet von einer Seelsorgekollegin. „Und da habe ich gemerkt, an diesem Ort wo sonst kein Mensch freiwillig hingeht: Hier bin ich richtig.“

Alexander Lück | Mit freundlicher Genehmigung: Westfalenpost

 

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