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Sehnsucht nach Freiheit mit Telefonieren auf Antrag

6. Januar 2026

Was Freiheit bedeutet, begreift man, wenn man sie nicht mehr hat. Wie ist das, wenn man in Haft sitzt, wenn Türen der Justizvollzugsanstalt verschlossen sind, wenn man seine Familie und Freunde nur noch selten sieht? Die Gefängnisseelsorgerin der JVA Gießen im Bistum Mainz, Uta Kuttner, erzählt.

Was das Schlimmste am Eingesperrtsein ist? Uta Kuttner muss nicht lange überlegen: „Die Isolation. Das Getrenntsein von der Familie – sofern die Beziehung zu ihr okay ist. Das Abgeschnittensein.“ Kuttner ist Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Gießen. 125 Männer sind dort inhaftiert, die meisten in Untersuchungshaft. Gerade diese Haftform erschwert den Kontakt nach außen. „Jeder Besuch und jedes Telefonat muss beantragt, geprüft und genehmigt werden. Das dauert in der U-Haft“, sagt Kuttner. So könne es sein, dass die Inhaftierten über Wochen ohne Kontakt nach außen leben müssen: „Das ist schmerzhaft. Die Gefangenen, gerade wenn sie jünger sind oder wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie haben, vermissen ihre Eltern, ihre Ehefrauen oder Partnerinnen.“

Wege für Kontakt mit Familie finden

Kuttner versucht, die Einsamkeit zu lindern. Sie lädt Musiker zu Konzerten in die Haftanstalt ein. Bietet Kochkurse an. Feiert immer sonntags einen Gottesdienst im Gefängnis. Und führt viele Gespräche. Dabei geht es selten um die theoretische Frage, was der Wert der Freiheit bedeutet, sondern meist um die praktischen Probleme, die entstehen, wenn man seine Freiheit verliert: Enttäuschung, Selbstvorwürfe, Einsamkeit. „Ein Gefangener hat mir einmal gesagt, das Schlimmste im Gefängnis sei für ihn, dass er durch das, was ihm vorgeworfen wird, alles verloren habe, was er sich im Leben gerade aufgebaut hatte“, sagt Kuttner. Andere erzählen von ihren Eltern, die alt oder krank sind und die sie nun nicht mehr regelmäßig sehen können. Oder sie erzählen von der Familie: von ihrer Frau, die sich allein um Haushalt, Unterhalt und Kinder kümmern muss. Von ihren Söhnen oder Töchtern, die in der Schule gemobbt werden, weil der Vater im Knast ist. Und von ihrer Angst, die Beziehung zu ihnen zu verlieren. „Das beschäftigt die Inhaftierten sehr“, sagt Kuttner. Sie versucht, mit ihnen Wege zu finden, um in Kontakt mit den Familien zu bleiben. So schlägt sie ihnen vor, ein Bild oder ein Mandala zur Hälfte auszumalen – und es dann ihren Kindern zu schicken, die das Bild vervollständigen können. „Oder wir gestalten eine Bildergeschichte oder eine Postkarte als Geschenk für das Kind“, sagt Kuttner. Ein Häftling habe mal eine Fantasy-Geschichte selbst geschrieben.

U-Haft ist Schwebezustand

Es seien oft die einfachen Dinge, die helfen würden, den Verlust der Freiheit zu ertragen, sagt Kuttner. In der Regel sind die Gefangenen in Einzelzellen untergebracht: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Sie essen allein in ihren Zellen. Am Abend gibt es eine Stunde der Begegnung, in der sie die Zellen verlassen und sich besuchen können. Einige können in der Haft arbeiten. Doch viele haben viel zu viel Zeit. „Die Männer sitzen in ihren Zellen und haben oft kaum etwas zu tun“, sagt Kuttner. „Sie machen sich Gedanken um die Zukunft: Wie wird der Prozess verlaufen? Bleibe ich in Haft? Wie viel Zeit muss ich hier absitzen?“ Die Untersuchungshaft sei eine besondere Situation: „Das ist für die Männer wie ein Schwebezustand. Manche sind nur ein paar Monate in Gießen, andere über Jahre, ehe ein endgültiges Strafmaß feststeht.“ Mit den Männern, die religiös sind, liest sie manchmal in der Bibel oder betet. „In der Bibel sind so viele Geschichten von Menschen, die scheitern. Das kann Mut machen für das eigene Leben“, sagt Kuttner. Ihr ist es wichtig, nicht nur den Gefangenen zu sehen, sondern den Menschen – mit seinen Fehlern, aber auch mit seiner von Gott gegebenen Würde.

Sehnsucht nach Freiheit ist groß

Auch wenn im Gefängnis selten konkret über Freiheit gesprochen wird, ist spürbar, dass sie fehlt: Die Männer können nicht einfach ihre Zelle verlassen, zur Arbeit gehen oder sich mit Freunden treffen. „Etwas, was für uns draußen selbstverständlich ist“, sagt Kuttner. Im Gefängnis gehe es um die Frage nach der inneren Freiheit: „Wie kann ich frei sein, obwohl um mich herum Mauern sind? Was brauche ich dafür? Was hilft mir, mich frei zu fühlen?“ Die Sehnsucht nach Freiheit ist groß während der Haft – aber auch die Angst, ihr draußen nicht gewachsen zu sein. Kuttner möchte auch da den Männern helfen. Sie sollen lernen, verantwortlich mit ihrer Freiheit umzugehen. „Sie sollen nicht in alte Muster zurückfallen. Nicht wieder zu Alkohol, Drogen oder Gewalt greifen“, sagt Kuttner. „Mein Wunsch wäre, dass sie erfahren, dass sie stärker sind als dieser Drang und lernen, etwa mit ihrer Suchterkrankung gut umzugehen.“

 

Kerstin Ostendorf | Verlagsgruppe Bistumspresse 

 

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