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Glaube an Neuanfang einen Soundtrack verpassen

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Das Projekt „Teamsong“ ist als Rap- und Songtext-Workshop konzipiert und findet in acht Haftanstalten von vier Bundesländern statt, die an der Initiative „Anstoß für ein Neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung teilnehmen. Unter anderem in den Anstalten des Jugendvollzuges der JVA Heinsberg und der JVA Herford. Die Workshops sind eingebettet in das Konzept der „Gewaltfreien Kommunikation“.

Der Coach und Workshopleiter Danny Fresh (Daniel Ohler) hat mit diesem Konzept seine Masterarbeit geschrieben und Workshops in der JVA Stuttgart durchgeführt. Die Teilnehmer erarbeiten und schreiben gemeinsam einen Teamsong. Sie nehmen diesen mit Recording-Equipment auf und lernen ihn vorzutragen. Die Förderung von Team- und Sozialkompetenzen, Stärkung der Selbstwirksamkeit, Schulung sozialer Verhaltensweisen – die Ziele des Rap- und Songtext-Workshops „Teamsong“ weisen viele Parallelen zu den Potenzialen des Fußballs auf. So verwundert es auch nicht, dass das Projekt „Teamsong“ Teil der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung ist und gemeinsam mit der Klangstiftung ausgerichtet wird. Die in Mannheim ansässige Klangstiftung ermöglicht Kindern und Jugendlichen eine kulturelle Teilhabe, um ihre sozialen Kompetenzen zu stärken und ihre Persönlichkeitsentwicklung zu verbessern.

Das Projekt „Teamsong“ ist Teil der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung.

In ein paar Wochen will Leon von dem, was heute sein Alltag ist, nichts mehr wissen. „Ich möchte das alles hier nach meiner Entlassung hinter mir lassen“, sagt der 19-Jährige. Da ist nichts, was er festhalten oder mitnehmen will. Und wer die tristen Betonwände, die Zäune und den Stacheldraht um ihn herum sieht, kommt nicht auf den Gedanken, ihm zu widersprechen. „Aber natürlich werde ich die Zeit hier nicht vergessen“, sagt er, „vor allem nicht die Jungs.“

Die Jungs, das sind seine Mitinhaftierten in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg, 40 Kilometer nördlich von Aachen. Die Jungs sind aber auch sein Team, seine Brücke zwischen jetzigem und neuem Leben. Leon, der eigentlich nicht Leon heißt, aber seinen Namen nicht veröffentlicht wissen will, ist einer von 16 Inhaftierten, die den Sprung in eine Fußball-Mannschaft der JVA geschafft haben und sich nun im Rahmen der Initiative „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung das Rüstzeug für den Neustart nach der Haftentlassung holen. Sie alle haben damit ein gemeinsames Ziel vor Augen. Und sie alle sind gerade dabei, ihrem Leben, ihrer Mannschaft und ihrem Glauben an einen Neuanfang einen Soundtrack zu verpassen. Einen eigenen Teamsong.

An diesem Morgen ist Danny Fresh zu ihnen gekommen. Danny Fresh war als Feature auf Xavier Naidoo’s Album „Telegramm für X“ zu hören. 2003 bis 2006 studierte Danny Fresh an der neu gegründeten Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim als erster Studiengang im Bereich Popmusikdesign mit dem Schwerpunkt „Songwriting“. Seit 2006 ist er Gastdozent an der Popakademie. 2011 bis 2013 studierte Danny wieder als erster Jahrgang an der Popakademie den Studiengang „Educating Artist“, den er 2013 mit dem Abschluss Master of Arts erfolgreich beendete. Danny Fresh wohnt in Heidelberg und ist mit der Sängerin Laura Bellon verheiratet.

Den Besuch des namhaften Rappers haben die Anstoß-Initiative und die Klangstiftung möglich gemacht. Der Musiker hat das für die Aufnahme des Teamsongs nötige Equipment mitgebracht. Laptop, Lautsprecher, Kopfhörer und Mikrofon. „Alles andere“, sagt er, „habt ihr selbst dabei.“ Sprache, Worte, Sätze, Lust, etwas zu sagen und Lust auf Rap. Das letzte fehlende Puzzleteil ist das Gefühl für Rhythmus und den Beat. „Das kriegen wir auf jeden Fall auch hin“, sagt Danny Fresh. Er hält die Einstiegshürde bewusst niedrig. Denn er weiß, dass schon das Dabeisein Mut erfordert. „Natürlich will man sich nicht voreinander blamieren“, sagt auch Leon, „aber wir haben ja alle keine Ahnung davon, Musik zu machen und es ist klar, dass hier niemand über den anderen lacht.“

Dass genau das klar ist, hat auch Danny Fresh zur Begrüßung betont. Es geht um Respekt untereinander. Es geht um Offenheit und Ehrlichkeit. Und es gibt keinen Zwang. Das sind schon alle Regeln – doch diese wenigen Abmachungen sind elementar, unverrückbar. Denn ohne sie gibt es kein gutes Ergebnis. Der Gedanke, darin eine Parallele zum Fußball zu sehen, drängt sich auf. Wer mitmachen will, benötigt ein Mindestmaß an Talent, aber vor allem Teamgeist und Disziplin. In den insgesamt 17 Anstoß-Mannschaften, die es inzwischen in allen Teilen der Republik gibt, gilt das wohl noch mehr als in den Fußball-Teams außerhalb von Gefängnismauern.

Dabei waren klar definierte, verlässliche Abläufe und das Respektieren von Absprachen für die Mitglieder der Anstoß-Mannschaft vor ihrer Haftzeit nicht immer feste Bestandteile des Alltags. Im Gegenteil. Schließlich kommen die meisten dieser nach Jugendstrafrecht verurteilten jungen Männer aus weniger behüteten Verhältnissen, haben in ihrer Kindheit und Jugend allzu oft die Schattenseiten des Lebens kennengelernt. Und sie sind alle straffällig geworden. Wegen ein paar Flausen oder eines dummen Zufalls sitzt jedenfalls niemand im Knast.

Wolfram KämpKlangstiftung

 

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